Umstrittene Technik US-Militär schickt Flugschrauber in den Irak

Das US-Militär stellt im Irak ein revolutionäres Transportflugzeug in Dienst: die V-22 "Osprey", eine Kreuzung zwischen Hubschrauber und Propellerflugzeug. Die Entwicklung der Maschine hat 24 Jahre gedauert, fast 20 Milliarden Dollar gekostet - und 30 Menschenleben gefordert.


Das US-Streitkräfte hatten schon immer einen Hang, ihren Fluggeräten martialische Tiernamen zu geben. "Eagle" (Adler) etwa, "Falcon" (Falke) oder "Raptor" (Raubvogel). Doch während die Träger dieser Beinamen - die Kampfjets F-15, F-16 und F-22 - von Militärs, Analysten und Piloten hoch gelobt wurden, führte die V-22 "Osprey" eher das Dasein des hässlichen Entleins. Nur dass der "Fischadler" wesentlich gefährlicher war als jede Ente - zumindest für alle, die im Rumpf der seltsamen Flugmaschine Platz genommen haben.

30 Menschen starben bei Abstürzen von "Ospreys", noch bevor die Maschine überhaupt in Dienst gestellt wurde. Damit ist die V-22 nicht nur eine der tödlichsten Versuchsflugzeuge in der Geschichte der Luftfahrt. Auch ihre Entwicklungszeit ist rekordverdächtig: 24 Jahre und fast 20 Milliarden Dollar brauchte es, ehe das Flugzeug nun den Einheiten an der Front übergeben wird: Ab September will das US-Marinekorps sieben Monate lang zehn "Ospreys" in Kampfeinsätzen im Irak fliegen. Die Ingenieure sind inzwischen sicher, die technischen Schwierigkeiten in den Griff bekommen zu haben.

Doppelt so schnell wie die alten Helikopter

Das Kipprotor-Prinzip soll die Vorteile von Helikopter und Starrflügel-Flugzeug vereinen: Die "Osprey" kann auf der Stelle schweben sowie senkrecht starten und landen, was Flugpisten überflüssig macht und die Maschine zum Einsatz auf Flugzeugträgern befähigt. Werden die beiden Rotoren nach vorn gekippt, soll die V-22 über 600 Kilometer pro Stunde erreichen - und wäre damit mehr als doppelt so schnell wie die Helikopter, die sie ersetzen soll.

Die altersschwachen Transporthubschrauber vom Typ CH-46 "Sea Knight" und RH-53 "Sea Stallion" dürften ohnehin die beiden Hauptgründe sein, warum das V-22-Programm nicht schon längst gestoppt wurde angesichts vieler technischer Rückschläge und tragischer Unfälle. Im Juli 1992 etwa sollte eine V-22 einer eigens eingeladenen Gruppe von Abgeordneten zeigen, was sie kann. Doch der rechte Motor ging in Flammen auf, die Maschine stürzte in den Potomac. Sieben Soldaten starben, das V-22-Programm wurde für elf Monate ausgesetzt. Noch verheerender war ein Unfall im April 2000: Beim Absturz einer "Osprey" kamen auf einen Schlag 19 Marines ums Leben.

Doch das US-Militär sah offenbar keine Alternative zur V-22, denn die Forderung nach einem Nachfolger für die "Sea Knight"- und "Sea Stallion"-Hubschrauber datierte schon von 1980. Im April des Jahres versuchte das US-Militär die Befreiung der Geiseln aus der besetzten amerikanischen Botschaft in Teheran. Doch die Operation "Eagle Claw" ("Adlerkralle") endete in einem Desaster: Technische Probleme und ein Sandsturm ließen mehrere "Sea Stallions" auf dem Hinweg ausfallen. Wegen ihrer geringen Reichweite sollten sie vor dem Rückflug am Boden von "Hercules"-Transportern betankt werden. Dabei kollidierte ein "Sea Stallion" mit einer "Hercules"; acht Soldaten starben.

Irakische Rebellen nehmen Hubschrauber ins Visier

Seit diesem Vorfall, der immerhin 27 Jahre zurückliegt, gelten die beiden Helikopter aus den Zeiten des Vietnamkriegs als Auslaufmodelle. Ihre Schwächen - sie gelten als schwerfällig und störanfällig - machen sie am Himmel zu leichten Zielen, was inzwischen auch die Aufständischen im Irak bemerkt haben. Allein im Januar dieses Jahres schossen sie acht Helikopter ab. 28 Soldaten und Zivilisten starben; das US-Militär spricht inzwischen von einer neuen Strategie der islamischen Rebellen.

Mit diesem Argument hat das US-Militär nun den Irak-Einsatz der V-22 angekündigt. Schon aufgrund ihrer höheren Geschwindigkeit sei die Kipprotor-Maschine weniger verwundbar, sagte John Castellaw, Generalleutnant bei den Marines. Zudem sei sie doppelt so schnell und besitze die fünffache Reichweite der alten "Sea Knight" und "Sea Stallion"-Helikopter. "Wer schon einmal Hasen gejagt hat, weiß, dass ein rennender Hase schwieriger zu treffen ist als einer, der still sitzt", sagte Castellaw. Er sei "vollkommen überzeugt", dass die V-22 "das beste und überlebensfähigste Flugzeug" für den Transport von Soldaten sei.

Kritiker befürchten dagegen, dass das alte Problem der "Ospreys", die ständig auftretenden Hydraulik-Lecks, wieder auftauchen könnten. Zudem leidet die Maschine unter einem prinzipiellen Problem: Wenn sie bei geringer Vorwärtsgeschwindigkeit zu schnell sinkt, besteht akute Absturzgefahr. Die Rotorblätter können unter solchen Umständen in ihre eigenen Turbulenzen geraten und so ihren Auftrieb verlieren. Deshalb gibt es im Cockpit der V-22 jetzt eine Warnleuchte, die dem Piloten signalisiert, wenn der Sinkflug zu rasant zu werden droht.

Unter Kampfbedingungen könnten solche Einschränkungen wenig hilfreich sein, unken Kritiker des V-22-Programms. Castellaw sieht darin jedoch kein Problem: "Die Piloten sehen sich in der 'Osprey' denselben Beschränkungen gegenüber wie in anderen Helikoptern."

mbe



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.