Umstrittene These Forscher glaubt an Hirntuning durch Neandertaler

Nicht nur Zärtlichkeiten, sondern auch Gene müssten Neandertaler und moderner Mensch ausgetauscht haben. Ein US-Forscher glaubt, dass der Homo sapiens nur so zu seinem vorteilhaften Hirn gekommen ist. Kollegen weisen das zurück - bisher fehlt jeder Hinweis auf Sex zwischen den Hominiden.
Von Franziska Badenschier

Bekam der moderne Mensch ein Gehirn-Gen vom Neandertaler? Der Humangenetiker Bruce Lahn erforscht seit langem eine Erbinformation, die für die Entwicklung des Gehirns verantwortlich ist – und möchte nun glauben machen, dass wir dieses wichtige Gen vom Neandertaler haben. Dabei herrscht seit Jahren zwischen Paläoanthropologen ein Zwist, ob Homo neandertalensis und Homo sapiens sich überhaupt miteinander vermischt haben.

Das Gen Microcephalin, auch MCPH1 genannt, reguliert das Gehirnwachstum. Wenn diese Erbanlage mutiert, kann das zur sogenannten Kleinköpfigkeit führen: Das Gehirn wird nicht besonders groß, eventuell führt diese Fehlentwicklung auch zu einer Behinderung. Eine Mutation von Microcephalin kann allerdings auch von Vorteil sein - so war es wahrscheinlich auch vor rund 37.000 Jahren.

Wie Lahn von der University of Chicago früher schon berichtete, seien damals einander sehr ähnliche Formen des Gens aufgetaucht, die den modernen Menschen einen evolutionären Vorteil gegenüber den gleichzeitig existierenden Neandertalern verschafft hätte. Heute leben keine Neandertaler mehr, und 70 Prozent aller Menschen haben ein Gen des sogenannten D-Typs in ihrer Erbsubstanz. Doch wie kam der moderne Mensch zu dieser vorteilhaften D-Form?

Lahns neuester Publikation zufolge ist der D-Typ "von einer altertümlichen Homo-Linie wie dem Neandertaler in den Homo sapiens eingebracht worden". Vor etwa 1,1 Millionen Jahren habe es den letzten gemeinsamen Vorfahren gegeben. Dann hätte sich von der Stammbaumlinie des modernen Menschen eine Gruppe abgespalten – eine Gruppe, die im Gegensatz zur anderen den D-Typ des Encephalin-Gens hatte, schreibt das Team des Genetikers in der aktuellen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS).

Gen-Übergabe vor 37.000 Jahren?

Vor 37.000 Jahren sollen sich die beiden Gruppen dann wieder getroffen haben: Der überlegene D-Typ sei in die Homo-sapiens-Population ohne D-Variante eingeschleust worden und hat sich bis heute weit ausgebreitet. Soweit die Theorie von Lahn und seinen Kollegen. Doch die Praxis scheint anders auszusehen.

"Das ist gelehrtes Geschichtenerzählen", sagte der Paläogenetiker Joachim Burger von der Universität Mainz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Daten seien zwar "unglaublich interessant und sehr sauber analysiert" und Lahns These klinge "populär", so Burger, "aber die Daten geben das sicherlich nicht her". Die Autoren der Untersuchung gingen davon aus, dass die D-Träger keine Vertreter der Spezies Homo sapiens seien, die Non-D-Träger hingegen schon. "Dabei können beide Gruppen aus Homo sapiens bestehen, nur aus zwei verschiedenen Populationen", sagte Burger, der selber das Gen Microcephalin erforscht, wenn auch an Rindern.

Auch Hans Lehrach, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin, betrachtet die "PNAS"-Publikation zwiegespalten: Das Modell, das Lahns Team beschreibt, "ist nicht unplausibel", sagte er. Der Neandertaler hatte zwar ein größeres Gehirn als heute lebende Menschen – 1700 Kubikzentimeter im Vergleich zu gut 1500 Kubikzentimeter -, "aber keine erhöhte Intelligenz".

Nachweis fehlt, Genom wird erst entschlüsselt

Mehr Masse im Kopf sei nicht gleich mehr Köpfchen haben. "Beim Menschen ist das Gehirn kleiner und intelligenter, also optimal", sagte Lehrach zu SPIEGEL ONLINE. Und es fehle schlicht der Nachweis, dass die evolutionär vorteilhafte D-Form vom Neandertaler in den Homo sapiens eingebracht wurde. "Dazu muss man sich die genaue Sequenz des Gens anschauen." Und man müsste genau diese Sequenz auch beim Neandertaler nachweisen.

Nur, so weit ist die Wissenschaft noch nicht. Ein Forschungsprojekt zur Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms hat gerade erst begonnen. Erst in fünf bis zehn Jahren werde das Erbgut sequenziert sein, sagte Ralf Schmitz vom Rheinischen Landesmuseum in Bonn, der an dem Projekt ebenso beteiligt ist wie das renommierte Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Wir sichten gerade das Material", so der Urgeschichtler.

Das Team um Bruce Lahn selbst stützt seine These einfach auf die Erbsubstanz von 89 heute lebenden Menschen. Beim Neandertaler scheint die besonders zuträgliche D-Form des Gens Microcephalin noch gar nicht nachgewiesen zu sein.

Experten zweifeln Sex-Szenario an

Ein weiteres Problem: Bis heute gibt es keinen Beweis, dass Homo neandertalensis und Home sapiens jemals Sex miteinander hatten. Das wäre aber die Voraussetzung dafür, dass wirklich eine bestimmte Mutation des Gehirn-Gens vom Neandertaler in zum modernen Menschen gelangt sein sollte. Knochen eines Mischlings wurden bislang nicht entdeckt, entsprechende Vermutungen sind höchst umstritten.

Dabei hatte erst letzte Woche der Paläoanthropologe Erik Trinkaus von der der Washington University in St. Louis zum wiederholten Male behauptet: Neandertaler und moderne Menschen könnten sich nicht nur getroffen, sondern sogar gekreuzt haben. Zum Beweis präsentierten er und zwei seiner rumänischen Kollegen Knochen, die Kennzeichen von modernen Menschen und auch Merkmale von Neandertalern aufweisen sollten. Doch auch hier hatten Fachkollegen nur mit dem Kopf geschüttelt.

"In diesem Feld wird viel spekuliert", warnt Schmitz. In der Tat: Lahn und seine Kollegen verwenden in ihrer aktuellen Publikation immerhin das Wort "speculation".

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