Umstrittene These Parasit könnte menschliches Verhalten steuern

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2. Teil: Beweisführung bleibt schwierig


Doch bleiben alle übrigen Infektionen tatsächlich völlig folgenlos? "Der Gedanke, dass es auch beim Menschen Manipulationen durch Parasiten geben könnte, ist nicht abwegig", sagt Kurtz. Beispiele dafür gibt es genügend: Der Plasmodium-Parasit, der Malaria verursacht, ändert möglicherweise den Geruch seiner Opfer so, dass diese für Anopheles-Mücken, die Überträger der Krankheit, besonders attraktiv duften, ergab eine französische Studie. Berichten zufolge steigert der Erreger der "Lustseuche" Syphilis, ein Bakterium, die sexuelle Aktivität infizierter Menschen. Und niesen wir bei einem Schnupfen wirklich, um die Krankheitserreger aus den Atemwegen herauszuschleudern? Oder nutzt das Erkältungsvirus den Reflex, um sich zu weiteren Opfern befördern zu lassen? Beim Erkältungsvirus hat das noch niemand untersucht, Daten gibt es nur zu Toxoplasma.

Rund zehntausend Menschen hat Jaroslav Flegr inzwischen auf den Parasiten getestet und mit Fragebögen sowie psychologischen Tests untersucht. Flegr ist sicher: Toxoplasma verändert das Verhalten der infizierten Menschen.

Die Studien des Forschers zeigen, dass befallene Männer misstrauischer und laxer gegenüber gesellschaftlichen Normen sind. Frauen dagegen entwickeln sich genau entgegengesetzt. Sie werden warmherziger und folgsamer gegenüber Regeln. Beide Geschlechter neigen zu mehr Schuldgefühlen. Sie zweifeln mehr an sich, machen sich mehr Sorgen, sind unsicherer. Und sie schneiden in Reaktionstests deutlich langsamer ab als Nichtinfizierte. Sie verursachen sogar mehr Verkehrsunfälle.

Für den tschechischen Biologen gibt es ein Indiz dafür, dass dieser Wandel wirklich mit dem Parasiten zusammenhängt: Die Menschen veränderten sich umso stärker, je länger sie infiziert waren.

Flegr klingt ein bisschen müde, oft hat er seine Ergebnisse erläutert, oft stieß er auf Skepsis. Denn es gibt ein Problem mit seinen Untersuchungen: Zwar hat er inzwischen riesige Datenmengen, die Statistik ist solide, die Ergebnisse ließen sich etliche Male wiederholen. Doch er kann nicht beweisen, dass tatsächlich der Parasit Toxoplasma für die Persönlichkeitsveränderungen verantwortlich ist.

Dazu müsste Flegr die biochemischen Prozesse im Gehirn aufklären, die zu der Persönlichkeitsveränderung führen. Das ist mit derzeitigen Analysetechniken jedoch etwa so Erfolg versprechend, wie Leben im All zu finden. Oder er müsste Menschen mit Toxoplasma infizieren, um wirklich belegen zu können: Ja, es ist der Parasit, der das Verhalten ändert. Das aber wäre unmoralisch. Also kann er nur statistische Zusammenhänge ermitteln.

"Ich halte die Beobachtung durchaus für plausibel - allerdings mit der Einschränkung, dass es bisher keine Belege für einen kausalen Zusammenhang gibt", sagt Joachim Kurtz über Flegrs Studien. Bisher ist unklar, ob die Veränderungen, die die Toxoplasmen verursachen, typisch für diese Parasiten sind oder eine Folge der Infektion im Gehirn. Ähnliche Veränderungen wie bei den Toxoplasma-Infizierten stellte ein Forscherteam um Flegr auch bei Menschen fest, die mit dem Zytomegalie-Virus infiziert sind - einem Herpes-Virus, das etwa 70 Prozent der Bevölkerung in sich tragen und das sich wie Toxoplasma jahrelang scheinbar folgenlos im Gehirn versteckt. Eine mögliche Erklärung: Um die Infektionen im Gehirn in Schach zu halten, bildet das Immunsystem Zytokine, Entzündungsbotenstoffe, die wiederum Nervenbotenstoffe wie Dopamin beeinflussen - und damit das Verhalten.

Denkbar, dass Toxoplasma auch den Haushalt des männlichen Hormons Testosteron beeinflusst. Hinweise darauf hat Flegr bei seinen Studien gefunden. Toxoplasmainfizierte Männer werden als dominanter wahrgenommen, infizierte Frauen gebären mehr männlichen Nachwuchs.

Warum jedoch sollte Toxoplasma Menschen manipulieren, obwohl die nicht von Katzen gefressen werden? "Heute nicht mehr. Aber es ist gut möglich, dass unsere Vorfahren vor Hunderttausenden von Jahren zu den Beutetieren von Großkatzen gehörten", spekuliert Flegr.

Dass Menschen, die mit dem Parasiten infiziert sind, oft verlangsamte Reaktionen haben, ist also möglicherweise kein Zufall: Ihre Vorfahren könnten so leichtere Beute für Raubtiere gewesen sein. Inwiefern es für die Toxoplasmen von Nutzen sein könnte, wenn Männer misstrauischer sind und Frauen sich strenger an Regeln halten, ist allerdings bisher unklar.

"In zehn, zwanzig Jahren werden wir genauer wissen, ob und wie Parasiten auch den Menschen manipulieren", sagt Joachim Kurtz. Dann dürften es neue Analysetechniken ermöglichen, im Hirnstoffwechsel gezielt nach veränderten Proteinen oder Botenstoffen zu suchen oder das komplexe Zusammenspiel zwischen Immunsystem und zentralem Nervensystem besser zu verstehen.

Die Erwartungen von Jaroslav Flegr lassen jedenfalls schaudern: "Es gibt mit Sicherheit Parasiten, die das menschliche Verhalten noch sehr viel stärker beeinflussen als Toxoplasma."



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Seite 1
nemansisab, 04.04.2009
1. Mein Tag ist gerettet, der Mensch ist doch die Krönung
Zitat von sysopDer Parasit Toxoplasma gondii macht es sich in Katzen gemütlich, aber auch in vielen Menschen. Bislang gilt er nur für Schwangere und Immunschwache als gefährlich. Doch ein tschechischer Forscher ist überzeugt, dass der Erreger sogar unser Verhalten beeinflussen kann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,611415,00.html
Na, da bin ich aber beruhigt, dass der Schuldig gefunden ist. Und ich dachte immer, der Mensch sei ein Parasit. DANKE!
Stahlengel77, 04.04.2009
2. Jeder hat es, keinem fällt es auf...
Zitat von sysopDer Parasit Toxoplasma gondii macht es sich in Katzen gemütlich, aber auch in vielen Menschen. Bislang gilt er nur für Schwangere und Immunschwache als gefährlich. Doch ein tschechischer Forscher ist überzeugt, dass der Erreger sogar unser Verhalten beeinflussen kann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,611415,00.html
Und haben wir mal keinen Content, dann machen wir uns welchen. Wie oft geistert denn dieser Artikel eigentlich noch durch die Gegend? Es ist bestimmt schon das 12. Mal das ich ihn gelesen habe. Und vom vielen Wiederholen werden die vermeintlichen Untersuchungsergebnisse nicht besser Toxoplasma gondii verändert das Verhalten der Menschen hin zu mehr Risikobereitschaft und trägeren Reaktionen? Na, da warte ich schon darauf, dass der erste Banker behauptet, er wäre an Toxoplasmose erkrankt und deswegen nicht haftbar für die Krise. Also ich glaub ja eher, das der überwiegende Teil der Menschheit BSE/CFJ hat und keinem fällt es auf. Ansonsten kann man sich diesen Schwachsinn in der Welt der passiert wirklich nicht mehr erklären...
Holperik, 04.04.2009
3. Oha
Zitat von sysopDer Parasit Toxoplasma gondii macht es sich in Katzen gemütlich, aber auch in vielen Menschen. Bislang gilt er nur für Schwangere und Immunschwache als gefährlich. Doch ein tschechischer Forscher ist überzeugt, dass der Erreger sogar unser Verhalten beeinflussen kann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,611415,00.html
Dann muss ich ja aufpassen, wenn ich das nächste Mal auf Safari bin. Wir haben hier vier Katzen im Haus. Ob ich da nicht infiziert bin? Und dann marschiere in Afrika den Löwen direkt in den Rachen.
eigentlicher_Schwan 04.04.2009
4. *
Der Mensch ist'n Getriebener. Von allen Seiten Einflüssen ausgesetzt. Dazu gehören auch die kleinen Kameraden, die sich in unserem Körper tummeln. Allerdings sollte man nicht zu sehr simplifizieren. Was bei Ratten klappt, gilt nicht zwangsläufig bei Menschen. Aber man sollte die Autonomie des Menschen auch nicht zu hoch einschätzen. Andererseits besitzt der Mensch durch sein komplexes Leben auch wieder Abwehrmöglichkeiten. Und sei es, dass ein "Träger" zum Beispiel Kaffee trinkt.
nemansisab, 04.04.2009
5. Parasitensteuerung
Zitat von HolperikDann muss ich ja aufpassen, wenn ich das nächste Mal auf Safari bin. Wir haben hier vier Katzen im Haus. Ob ich da nicht infiziert bin? Und dann marschiere in Afrika den Löwen direkt in den Rachen.
Womit mal wieder bewiesen wäre, dass der freie Wille reine Fiktion ist!
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