Umstrittenes Experiment Forscher züchten menschliche Embryo-Klone

Für die einen ist es ein Durchbruch, für die anderen ein Tabubruch: US-Forscher haben geklonte menschliche Embryos produziert, die künftig als Reservoir für begehrte Stammzellen dienen sollen.


Menschlicher Embryo im Frühstadium
AFP

Menschlicher Embryo im Frühstadium

Überrascht hat die Meldung kaum jemanden: Seit Monaten hatten sich Wissenschaftler, Politiker und Kirchenvertreter für den Fall gerüstet, dass ein Forscherteam per Klontechnik menschliche Embryonen züchtet und seine Ergebnisse auch publik macht. Jetzt haben Wissenschaftler in den USA erstmals von solchen Versuchen berichtet - und damit die Debatte um den kopierten Menschen neu angeheizt.

Am Sonntag gingen die Forscher um Jose Cibelli von der Biotech-Firma Advanced Cell Technology (ACT) an die Öffentlichkeit: In einer Studie, veröffentlicht in der relativ unbekannten Online-Fachzeitschrift "E-Biomed: The Journal of Regenerative Medicine", verkündeten sie die erfolgreiche Herstellung geklonter menschlicher Embryos.

Die nur wenige Zellen großen Gebilde seien jedoch nicht dafür gedacht, ausgewachsene Menschenklone zu erzeugen, verbreitete das Unternehmen aus Worcester im US-Bundesstaat Massachusetts in einer Pressemeldung. Stattdessen sollen die gezüchteten Embryonen als Quelle für die begehrten embryonalen Stammzellen dienen, die in Zukunft nach Ansicht vieler Wissenschaftler die Medizin revolutionieren könnten.

Cibelli und seine Kollegen erprobten bei ihren umstrittenen Experimenten gleich zwei Wege, um die menschlichen Zellhaufen herzustellen. In einer Versuchsreihe gingen sie nach der Methode vor, die auch schon das Klonschaf Dolly hervorbrachte: Sie entfernten aus gespendeten Eizellen den Kern und pflanzten dafür die Erbinformation erwachsener menschlicher Körperzellen ein.

Bei dem zweiten getesteten Verfahren regten die Forscher unbefruchtete Eizellen mittels chemischer Substanzen zur Teilung an. Bei der so genannten Jungfernzeugung, die bei menschlichen Zellen normalerweise nicht möglich ist, sind die Nachfahren identische Kopien der Mutter. Mit dieser Methode erzeugten Forscher mehrzellige, an Blastozysten erinnernde Embryonen, mit dem Dolly-Verfahren entwickelten sich 3 von 17 Eizellen zu einem vierzelligen oder sechszelligen Stadium.

Auf solche Weise gezüchtete Embryonen könnten, so Teammitglied Robert Lanza von ACT, eine "potenziell unerschöpfliche Quelle für künstlichen Gewebeersatz und die Transplantationsmedizin" darstellen. Nach Meinung der Forscher zeigt ihre Arbeit insbesondere eine Möglichkeit auf, um aus den Zellen eines Patienten Stammzellen herzustellen, die bei der Implantation nicht als fremdes Gewebe vom Immunsystem abgestoßen werden.

Abgesehen von aller Kritik, die den Forschern entgegenschlägt, ist auch umstritten, ob der von Advanced Cell Technology gefeierte "Meilenstein im therapeutischen Klonen" tatsächlich so schwer wiegt. So vermeldeten Cibelli und seine Kollegen keine erfolgreiche Entnahme von Stammzellen aus den Embryonen. Für Ian Wilmut, den Schöpfer des Klonschafs Dolly, handelt es sich daher nur um vorläufige Ergebnisse: "Es ist unmöglich zu sagen, wie weit die US-Forscher noch von der Herstellung verwendbarer Stammzellen entfernt sind."

Martin Paetsch



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