Umweltflüchtlinge "Irgendwann kommen nicht nur ein paar Boote, sondern Millionen"

Der Klimawandel wird massenhaft Umweltflüchtlinge nach Europa treiben - das glaubt Sozialpsychologe Harald Welzer und warnt davor, dass unsere Demokratien darauf nicht vorbereitet sind. Ein Gespräch über die Angst des Menschen vor Neuem und die Unlust an einem klimafreundlichen Leben.

Frage: Die Weltwirtschaftskrise beunruhigt die meisten Menschen derzeit sehr viel mehr als der Klimawandel es je getan hat. Zu Recht?

Welzer: Obwohl sich bei der Wirtschaftskrise auch Abgründe auftun, wird der Klimawandel hier immer noch unterschätzt. Selbst mit dem Thema beschäftigte Wissenschaftler denken, es ginge primär um Probleme in der Stratosphäre und deren meteorologische Folgen. Viele Menschen denken, dass es in unseren Breiten so schlimm schon nicht werden wird, wenn wir ein bisschen auf unsere Emissionen achten: Dann schiene endlich die Sonne an der Nordsee, und außerdem könnten wir der ganzen Welt Solarzellen und Elektroautos verkaufen.

Flüchtlingsboot vor Gran Canaria: "Uno-Organisationen prognostizieren in den nächsten Jahren bis zu 150 Millionen Umweltflüchtlinge"

Flüchtlingsboot vor Gran Canaria: "Uno-Organisationen prognostizieren in den nächsten Jahren bis zu 150 Millionen Umweltflüchtlinge"

Foto: DPA

Frage: Ein völlig absurdes Szenario?

Welzer: Selbst wenn wir den konservativen Prognosen folgen und annehmen, dass Mitteleuropa einigermaßen glimpflich davonkommt und die "Tipping Points" nicht überschritten werden - im Süden der Welt wird das anders sein. Das hat Folgen auch für uns. Der Klimawandel wird zumindest in diesen Regionen ohne Zweifel zu sozialen Katastrophen führen, die Auswirkungen bis nach Europa haben werden. Bereits jetzt werden vor den Küsten Südeuropas jedes Jahr Tausende von Flüchtlingsbooten aufgebracht.

Frage: Sind das denn Klimaflüchtlinge?

Welzer: Derzeit dominieren noch die Armutsflüchtlinge. Aber sie zeigen, was auf uns zukommen könnte. Uno-Organisationen prognostizieren in den nächsten Jahren bis zu 150 Millionen Umweltflüchtlinge.

Frage: Solche Prognosen sind spekulativ.

Welzer: Natürlich sind diese Zahlen nicht belastbar, aber sie sind auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Der Darfur-Konflikt im Sudan etwa lässt sich tatsächlich als Klimakrieg verstehen. Hier zeigt sich eine starke Umweltkomponente bei einer kriegerischen Auseinandersetzung, die wir früher ethnisch oder ideologisch definiert hätten. Erst die anhaltende Dürre, verbunden mit stark wachsenden Bevölkerungszahlen, führte dazu, dass sich schwelende Konflikte zu einem Dauerkrieg ausgewachsen haben. Je nach Schätzung wurden dort in den letzten Jahren zwischen 200.000 bis 500.000 Menschen ermordet. Das Schlimme: Keine der Kriegsparteien will den Konflikt beenden.

Frage: Warum nicht?

Welzer: Wir beobachten dort - wie auch in anderen Krisengebieten im subsaharischen Afrika - eine neue Art von Kriegen. Dort stehen sich nicht mehr zwei klar definierte Armeen gegenüber, sondern es gibt zahlreiche Kriegsherren, die primär gegen die Zivilbevölkerung kämpfen und dabei ökonomische Interessen verfolgen. Sie sind Gewaltunternehmer, die plündern, mit Waffen und Drogen handeln, Lösegelder erpressen und sich nicht zuletzt einen wesentlichen Anteil an den Hilfsgeldern sichern, die in die Region fließen. Nach einer Studie von Oxfam International haben die Kriege in Afrika zwischen 1990 und 2005 rund 211 Milliarden Euro gekostet. Das entspricht etwa der in diesem Zeitraum geflossenen Entwicklungshilfe. In Afrika sind also regelrechte Gewaltökonomien entstanden.

Frage: Die Darfur-Konflikte setzen sich doch auch deshalb fort, weil der Norden dort weder Wirtschafts- noch Sicherheitsinteressen hat. Und die Flüchtlinge schaffen es ja meist nicht bis nach Europa.

Welzer: Das wird sich ändern, wenn der Klimawandel den Migrationsdruck weiter erhöht. Bereits jetzt gibt es laut Internationalem Rotem Kreuz 25 Millionen Umweltflüchtlinge auf der Welt. Was wird passieren, wenn - wie prognostiziert - im Jahr 2050 mehr als zwei Milliarden Menschen unter Wasserknappheit leiden? Oder wenn der Meeresspiegel bis 2100 um 15 bis 59 Zentimeter steigt? Megastädte wie Lagos mit 17 Millionen Einwohnern werden in weiten Teilen überflutet werden. Da wird es eng in Westafrika. Flüchtlinge werden sich nach Europa aufmachen, zur Insel der Glückseligkeit. Das ist wie ein Stafettenlauf: Irgendwann sind die Leute da. Dann stranden nicht mehr nur ein paar Bootchen vor Sizilien, sondern es kommen Millionen.

Frage: Was wird Europa machen?

Welzer: Bereits jetzt reagieren die Südeuropäer gerade auf die Bootsflüchtlinge allergisch, obwohl es relativ wenige sind. Gerade weil die Migranten so große Risiken eingehen, ständig neue Routen suchen und auf Teufel komm raus zu uns wollen, werden sie als gefährlich wahrgenommen. Wenn die Zahlen dann noch größer werden, sie den Wohlstand bedrohen, wächst die Möglichkeit, dass die Staaten mit Gewalt gegen die Flüchtlinge vorgehen werden. Stehen die Fregatten der Bundeswehr dann irgendwann vor der Aufgabe, die Flüchtlingsboote abzuschießen? Ist so etwas undenkbar? Die Sicherung territorialer Integrität war schon immer ein Argument für Gewalt.

Frage: Unsere Gesetze erlauben es nicht, dass der Staat einfach Menschen tötet.

Welzer: Das ist ja das Problem: Auf Verordnungsebene lässt sich ein solches Vorgehen nicht regeln, sondern nur auf Gesetzesebene. Man müsste Menschenrechte einschränken, die zum Kernbestand unseres Rechtsstaats gehören. Das wiederum würde unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten verändern und ganz neue Möglichkeitsräume aufmachen, auch im Innern. Das ist ähnlich wie bei den derzeit laufenden Einschränkungen unserer informationellen Selbstbestimmung: Im Normalfall - bei rechtsstaatlich gesonnenen Regierungen - geschieht nichts weiter. Aber was passiert, wenn die politische Entwicklung einen anderen Weg nimmt, etwa, weil man in eine Notstandsituation gerät?

Frage: Ist unsere Demokratie mittlerweile nicht gefestigt genug?

Welzer: Unsere Gesellschaft ist in der Demokratie angekommen, aber sie hat noch keinen Schlechtwettertest bestanden. Es gibt die begründete Hypothese, dass die Loyalität der Bürger schwindet, sobald das System ihre Versorgungserwartungen nicht mehr erfüllt. Bereits jetzt erodiert die Zustimmung zur Demokratie in Bevölkerungsgruppen, die wirtschaftlich weniger Erfolg haben. Die Finanzkrise wird das Vertrauen in unser System nicht stärken. Da bröckelt so einiges.

Frage: Sollten Demokratien nicht per se leistungsfähiger sein als andere Systeme?

Welzer: Der Erfolg der chinesischen Gesellschaft beruht nicht auf Demokratie. Obwohl die dortige Regierung autoritär ist, nimmt sie die Bedürfnisse der Bevölkerung wahr und reagiert auch darauf. Außerdem hat sie den Vorteil, dass sie einfach planen und exekutieren kann. Wir sehen am Horizont erfolgreiche politische Systeme, die zugleich autokratisch und kapitalistisch sind.

Schlechtes Gewissen als Bewältigungsstrategie

Frage: Nach der klassischen liberalen Gesellschaftstheorie sollten sich Markt und Freiheit gegenseitig bedingen.

Welzer: Das ist ja das Problem, dass die zuständigen Wissenschaften solche Entwicklungen in den letzten Jahren völlig verpennt haben. Die beschäftigen sich mit Diskursen und Metaproblemen, mit hochkomplexen Foucaultschen Theorien oder mit der Kulturgeschichte des Fahrstuhls. Sie bekommen aber nicht mit, wenn eine ganze Hemisphäre unterzugehen beginnt, so wie 1989 der Ostblock. Damals ist die Gesellschaftstheorie praktisch zum Erliegen gekommen.

Frage: Passiert beim Klimawandel derzeit das Gleiche?

Welzer: Ich denke schon. Man muss die Gesellschaftswissenschaftler regelrecht darauf stoßen, dass die globale Erwärmung auch soziale Folgen haben wird. Dabei geht es nicht nur um die erwähnten Flüchtlingskatastrophen, sondern auch um kulturelle Fragen: Wie zum Beispiel ändert sich die Identität der Schweiz, wenn in den Alpen alle Gletscher weggeschmolzen sind?

Frage: Eigentlich nahe liegende Fragen…

Welzer: Ja, aber offenbar tun sich selbst Fachwissenschaftler schwer damit, radikale gesellschaftliche Umbrüche zu erkennen. Ich vermute, dass dies eine allgemein menschliche Schwäche ist. Unsere Selbstwahrnehmung ist so strukturiert, dass wir nicht wirklich an die Möglichkeit extremer Veränderungen glauben. Abstrakt wissen wir zwar, dass wir vor einem gravierenden Problem stehen, aber dieses Wissen berührt nicht ernsthaft unser Lebensgefühl.

Frage: Warum nicht?

Welzer: Weil es immer noch Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt; weil die U-Bahnen fahren und die Zeitung jeden Morgen im Briefkasten steckt. Die sozialen Routinen bleiben. Und die tatsächlichen Auffälligkeiten denken wir uns weg.

Frage: Geben Sie ein Beispiel!

Welzer: Noch in meiner Jugendzeit war die durch Zecken verursachte Hirnhautentzündung ein rein südeuropäisches Problem. Dann ging es hoch bis zum Schwarzwald, mittlerweile werden die ersten Fälle aus Norwegen gemeldet. Das ist höchstwahrscheinlich eine Folge der Klimaerwärmung. In der Alltagswahrnehmung wird das Problem jedoch mit Schildern in der Apotheke abgearbeitet: "Jetzt Zeckenschutzimpfung!" Mein 14-jähriger Sohn denkt, die Zecken gab es schon immer. So ist das häufig, dass man Dinge für normal hält, die nicht normal sind. Es gibt so kleine Einschläge, aber es liegt trotzdem außerhalb unseres Erwartungshorizonts, dass sich unser Leben und unsere Umgebung fundamental ändern könnten.

Frage: Kafka schrieb am 2. August 1914 in sein Tagebuch: "Heute hat Deutschland Rußland den Krieg erklärt - Nachmittag Schwimmschule".

Welzer: Das Zitat illustriert meine These, dass Katastrophen erst dann in ihrem Ausmaß wahrgenommen werden, wenn sie ausgebrochen sind.

Frage: Nun können Mensch auch aus abstrakten Zukunftsüberlegungen handeln: Sie beginnen mit der Altersvorsorge ohne ein einziges graues Haar auf dem Kopf.

Welzer: Das ist nicht ganz das Gleiche: Die Organisation des Ruhestands ist hoch verregelt, die Rente ist eine selbstverständliche Kategorie der Lebensplanung, Sie kriegen regelmäßig Nachweise über Beschäftigungszeiten usw. Dennoch vernachlässigen viele junge Menschen ihre Vorsorge und werden im Alter ihre persönliche finanzielle Katastrophe erleben. Beim Klimawandel kommt noch die blöde Zeitstruktur hinzu: Was wir jetzt tun, hat erst in 40 Jahren irgendwelche Auswirkungen. Und was soll einen schon eine Prognose über das Jahr 2050 oder 2100 berühren?

Frage: Wenig.

Welzer: Ja, allerdings reagieren die Zuhörer in meinen Vorlesungen bereits anders, wenn ich betone, dass es sich bei diesen abstrakten Daten um die Lebenszeiträume ihrer Kinder und Enkel handelt.

Frage: Vielleicht sind die Menschen abgestumpft, weil die Medien seit 30 Jahren Apokalypsen angekündigt haben, die nicht eingetreten sind - weder beim Waldsterben, bei BSE oder den prognostizierten Hungersnöten in Südostasien.

Welzer: Ein schwaches Argument. Zum einen sind viele Prognosen ja eingetreten, das Artensterben etwa, andere Katastrophen werden folgen. Die Grenzen des Wachstums gibt es nun mal, Ressourcen sind endlich. Punkt. Die Resistenz gegenüber den Warnungen entsteht eher dadurch, dass die ständige Berichterstattung die Katastrophe normalisiert. Beispiel Gaza: Als die Israelis vor Kurzem mit dem Bombardement begannen, folgte der übliche ARD-Brennpunkt um 20.15 Uhr. Jetzt kommt der Konflikt gerade noch vor den Sportmeldungen. Ähnlich verhält es sich mit dem Irakkrieg. Das tägliche Attentat gehört zum Programmschema, das Außerordentliche schafft Normalität.

Frage: Was die Ökologie angeht, haben heute viele zumindest ein schlechtes Gewissen, wenn sie eine Fernreise antreten.

Welzer: Das ist auch eine Bewältigungsstrategie. Man kann sich sagen, oh, ich habe wenigstens ein schlechtes Gewissen und bin deshalb besser als die anderen. So zementiert man den Status quo, an dem man so sehr hängt.

Frage: Hat der Status quo einen Eigenwert?

Welzer: Ja, Menschen scheuen Veränderungen, sie wollen, dass sich ihre Erwartungen bestätigen. Das Gerüst Gewohnheit ist für unsere Existenzbewältigung von ungeheurer Bedeutung. Jeder Wechsel der Beziehung, des Wohnorts oder des Arbeitsplatzes erzeugt deshalb großen Stress. Diese Angst führt dazu, dass wir die Chancen einer Veränderung hin zu einem klimafreundlichen Lebensstil nicht wahrnehmen.

Frage: Wollen Sie etwa die Freuden des Verzichts predigen?

Welzer: Nein, nein! Die Menschen sollen besser leben. Ich plädiere nur dafür, dass sie nicht aus Trägheit und Verzagtheit den gegebenen Zustand automatisch für den halten, der sie glücklicher macht. Sie sollen das gute Leben suchen.

Frage: Und Sie sagen den Leuten, worin dieses gute Leben besteht.

Welzer: Auf keinen Fall! Es geht um Suchprozesse. Man soll nur ehrlich Bilanz ziehen, worauf verzichte ich eigentlich mit meinem jetzigen Lebensstil? Ein Beispiel: Mobilität gilt als hohes Gut. Aber wenn man die individuellen und sozialen Folgekosten nimmt, sieht das schon anders aus. Mir zum Beispiel geht meine ständige Herumreiserei entsetzlich auf die Nerven, die schrecklichen Mitreisenden in den Wochenendzügen, die demütigende Kontrolle beim Sicherheitscheck am Flughafen. Für mich wäre weniger Mobilität Luxus. So kann jeder in seinem Leben prüfen, was er für Handlungsspielräume hat, die zugleich ihm und dem Klima guttun.

Frage: Glauben Sie ehrlich, dass Sie mit dieser Strategie das Klima retten?

Welzer: Wissenschaftlich bin ich Pessimist, lebenspraktisch Optimist.

Interview: Christian Weber
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.