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15. Dezember 2007, 08:37 Uhr

Umweltminister Gabriel auf Bali

Der Schulterklopfer auf der großen Bühne

Aus Nusa Dua berichtet Christian Schwägerl

Ringen bis zur letzten Minute: Im Abschlussbericht der Umweltkonferenz werden konkrete Ziele für die CO2-Reduktion genannt - in einer Fußnote. Darum wurde tagelang gerungen - Sigmar Gabriel immer mit dabei. Für Deutschlands Umweltminister war Bali die Bühne für einen Auftritt als Weltpoltiker.

Bis in die Nacht um 2.30 Uhr Ortzeit Bali schuftet Sigmar Gabriel. Dann, als die Klimakonferenz sich plötzlich auf den nächsten Morgen vertagt und die Uno-Uhren damit offiziell für ein paar Stunden angehalten werden, wirft er sich ins Getümmel der Journalisten. Er lächelt zufrieden. Sagt, ein Erfolg des Weltklimagipfels sei jetzt mit Händen zu greifen.

Gabriel auf Bali (in der Nacht auf Samstag): "Ergebnis gut bis sehr gut"
DPA

Gabriel auf Bali (in der Nacht auf Samstag): "Ergebnis gut bis sehr gut"

Doch bis zum Erfolg dauert es noch dramatische Stunden - auch für Sigmar Gabriel: Indien und China erheben Einwände gegen die eigentlich schon abgestimmte Gipfel-Erklärung, die EU gibt nach, dann sträuben sich die USA - bis schliesslich doch noch ein Einigung zustande kommt.

Im Vorwort des Abschlussdokuments wird auf den Bericht des Weltklimarats IPCC Bezug genommen, der konkrete Reduktionsvorgaben gemacht hat. In einer Fußnote gibt es einen Verweis auf einen früheren Beschluss, der in Wien gefasst wurde. "Und zwar mit Seitenzahl", sagt Gabriel. Auf jener besagten Seite steht, dass die globalen Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent zurückgehen müssen, um eine gefährliche Erderwärmung noch abzuwenden.

Eine Fußnote nur – aber Gabriel lobt, damit sei "der Wissenschaftsbezug doch hergestellt". Gemessen am Nötigen sei dieses Ergebnis befriedigend. Gemessen am Erwartbaren sei es aber "gut bis sehr gut".

Gabriels Heimflug-Ticket ist längst gebucht, am Samstagabend soll es vom Gipfel auf Bali zurück nach Deutschland gehen. "Ohne konkrete Reduktionsziele für Kohlendioxid kann ich mich eigentlich nicht zurück nach Deutschland trauen", hatte er noch am vergangenen Mittwoch gesagt - da war er noch keine Stunde auf der Tropeninsel angekommen, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Am Ende des Verhandlungsmarathons ist er jetzt damit zufrieden, dass auf Reduktionsziele in einer Fußnote verwiesen wird.

Weltpolitik statt Späßen und griffiger Formeln

Bali war Gabriels große Bühne - auf heimischem Boden tritt der Niedersachse gerne als umgänglicher Schulterklopfer auf und freut sich über jeden Lacher, den er mit seinem feuchten Humor auslöst. Sein Übergang zur ernsten Politik ist in der Regel abrupt. Wie aus der Hüfte kann er nicht weniger als die "dritte industrielle Revolution" ausrufen, mit unübertreffbarer Plausibilität. "Wir müssen aufhören, statt des Wohnzimmers den Garten zu heizen", sagt er dann, oder "Wie werden das unsere Kinder finden, wenn Millionen afrikanische Klimaflüchtlinge bei ihnen anklopfen?"

Auf Bali nützen Gabriel weder Späße noch griffige Formeln. Zehntausend Menschen bevölkern die Luxusressorts von Nusa Dua, um eine Antwort der Menschheit auf die Erderwärmung zu formulieren. Um hier das progressive umweltpolitische Credo der Berliner Koalition zu verkörpern, muss Gabriel Weltpolitik betreiben, mit Politikern ringen, die viele Hundert Millionen Menschen vertreten, aus den Speckgürteln der Erde wie aus der Sahelzone. Obendrein muss Gabriel Nahkampf im Dschungel der internationalen Klimaschutzregeln ausfechten. Schon einzelne Wörter in obskuren Unterparagrafen können Top oder Flop bedeuten.

Umweltpolitiker ist Gabriel erst seit zwei Jahren, die ganze Vorgeschichte, vom Erdgipfel 1992 in Rio über den Vertragsabschluss von Kyoto 1997, hat er aus Akten und Briefings aufgesogen. Die Uno-Verhandlungen sind für ihn ein Lernprozess, sagt er ganz bescheiden. Nur eines wisse er ganz gewiss: "Die diplomatische Phrase 'Es ist Zeit zum Handeln' kann ich nicht mehr hören. Ich will wissen, was das heißt."

Wie Amerika gegen Gabriel gegiftet hat

Die Regierung von Angela Merkel hat alles getan, um die Erwartungen an den Klimagipfel von Bali zu maximieren. Als Bundeskanzlerin Merkel im Juni die mächtigen Lenker der G-8-Staaten an der Ostseeküste zusammenbrachte, rief sie gar einen "Durchbruch" auf dem Weg zu einem erfolgreichen Bali-Gipfel aus. Auch der US-amerikanische Präsident George W. Bush sei mit dabei, die globalen Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2050 mindestens um die Hälfte zu reduzieren, sagte sie. "Die Staats- und Regierungschefs haben in Heiligendamm vereinbart, dieses Ziel gemeinsam in einem Uno-Prozess umzusetzen" – so ließen Merkel und Gabriel sich damals feiern. In der EU sorgte das Duo dafür, dass die Gemeinschaft auf Bali für ein globales Reduktionsziel von Kohlendioxid bis 2020 um 25 bis 40 Prozent antritt.

Hollands Umweltministerin Jacqueline Cramer bei einer Umweltaktion auf Bali
AFP

Hollands Umweltministerin Jacqueline Cramer bei einer Umweltaktion auf Bali

Angela Merkel und ihr Umweltminister haben ihre Politik entwickelt, als sei der Globus eine große Gelehrtenrepublik: Die Naturwissenschaftler des Weltklimarats IPCC legen glaubwürdige Prognosen vor, wie gefährlich die Erderwärmung werden kann, die Ökonomen berechnen, wie viel es kostet, um die Volkswirtschaften auf Energiesparkurs zu bringen. Und die Politik setzt die Erkenntnisse der Wissenschaft eins zu eins um. So viel Mut zur Wissenschaft mutet in der tropischen Verhandlungshitze noch ungewöhnlicher und beachtlicher an als bereits auf deutschem Boden. "Wissenschaft ist das eine, Politik das andere", sagt dagegen der indische Technologieminister Kabil Sipal.

Die Wegbeschreibung zur deutschen Delegation ist idyllisch: "Am Sandstrand entlang, dann um den Swimmingpool herumschlängeln." Doch der Anführer der deutschen Umwelttruppe bekommt von der Entspannatmosphäre in seinem Fünf-Sterne-Hotel nichts mit. Vom ersten Briefing an ist er mit den harten Interessengegensätzen konfrontiert: Die Entwicklungsländer arbeiten dagegen an, dass Klimaschutzverpflichtungen ihre wirtschaftliche Aufholjagd gefährden. Und dass George W. Bush in Heiligendamm mit einem Virus infiziert war und mit angegrüntem Gesicht an den Verhandlungen teilgenommen hat, erscheint auf dem Verhandlungsparkett von Bali in völlig neuem Licht. An die Beschlüsse von damals wollen die Amerikaner jedenfalls gar nicht erinnert werden, sie wehren sich mit harten Bandagen dagegen, dass konkrete Reduktionsverpflichtungen von bis zu 40 Prozent schon jetzt festgeschrieben werden. Mehr noch, die Klimaschutzpartner von Heiligendamm nutzen die Verhandlungspausen, um Stimmung gegen Gabriel zu machen.

Bushs Staatssekretär für erneuerbare Energien, Alexander Karsner, attackiert frontal die üppigen Garantievergütungen, die in Deutschland für Solarstrom bezahlt werden. "Wenn in Afrika Impfmittel mangels Kühlung kaputt gehen, dann hat das auch mit der Solarsubventionierung in Deutschland zu tun", sagt er. Daran, dass sich die Ärmsten Solarzellen nicht leisten könnten, sei die großzügige Einspeisevergütung von Solarstrom in Deutschland mit schuld. Mit ihren politischen Vorgaben von oben herab trieben die Deutschen nämlich den Weltmarktpreis für die Technologie künstlich in die Höhe. "In Nordafrika kosten selbst veraltete Solarzellen heute doppelt so viel wie vor zehn Jahren", sagt Karsner.

Der Mann war Chef einer Windkraftfirma, bevor er in sein Amt kam. Er ist das grüne Aushängeschild des Präsidenten. Doch auf dem Weltklimagipfel macht ihn das nicht zum Verbündeten der Deutschen und anderen Europäer, die sich als Weltmeister des Klimaschutzes inszenieren: "Wir Amerikaner sind nicht gut darin, unsere Erfolge beim Klimaschutz zu kommunizieren, andere kriegen da ja den Mund nicht zu", ätzt Karsner. Die Kernbotschaft des Deutschen, dass die Industriestaaten mit gutem Vorbild vorangehen müssen, damit sich auch die Entwicklungsländer internationalen Klimaschutzpflichten unterwerfen, teilt er, doch mit ganz anderen Schlussfolgerungen. "Die Europäer haben jetzt schon viel zu lange laut 'Feuer' geschrieen", sagt Bushs Umweltpfund, "aber wir brauchen Feuerwehrmänner, die das Problem lösen." Männer wie ihn also.

Ein paar nette Worte - doch dann platzt der Ärger heraus

Amerikanische Firmen überschwemmen die Welt mit neuen Energietechnologien. Die Regierung investiert riesige Summen in den Klimaschutz. In Amerika ist im vergangenen Jahr mehr emissionsfreie Energieleistung installiert worden als in Deutschland. Und im Wettrennen um saubere Kohlenutzung sind die Amerikaner den Deutschen um drei Jahre voraus. Während deutscher Dirigismus die Armen umbringt, rettet Amerika die Welt. Strahlend grün zeichnet Karsner die amerikanische Umweltpolitik, obwohl der Durchschnittsamerikaner weiterhin doppelt so viel Kohlendioxid produziert wie der Durchschnittsdeutsche.

Gabriel bringt die amerikanische Verhandlungsführung in kurzen Abständen in Rage. Er müht sich, nette Worte zu finden, um das Klima zwischen den beiden Ländern zu entgiften. Doch zwischendurch platzt der Ärger aus ihm heraus. "Wir geben eine Milliarde Euro im Jahr für Energieeffizienz und Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern aus. Und wie viel Geld ist im 'Clean Technology Fund', den Präsident Bush mit großer Geste dafür aufgelegt hat? 20 Millionen Dollar." Der Minister legt eine Pause ein, um den Zuhörern Zeit zur Empörung zu lassen.

Auch die Inder lobt Gabriel immer wieder, aus strategischen Gründen, denn er weiß, dass es ohne sie keine Einigung geben wird. Ihre wachsenden Ansprüche auf Wohlstand formulieren die Inder davon unbeeindruckt und ohne große Nuancen. "Wir brauchen Raum", sagt Technologieminister Sibal, "Handlungsspielraum, uns zu entwickeln, unsere Wirtschaft aufzubauen, 600 Millionen Menschen verlässlichem Zugang zu Strom zu verschaffen." Indien sei beim Klimaschutz besten Willens: "Aber warum sollten wir für ein Problem bezahlen, das wir gar nicht verursacht haben, warum sollten wir uns zur Armut verdammen lassen?" Nur ein Versprechen sei sein Land bereit zu geben: Dass die Inder pro Kopf nie mehr Kohlendioxid freisetzen werden als die Menschen in Europa und Amerika. "Je schneller dort gehandelt wird, desto schneller werden auch wir handeln."

Die Feuertaufe für den deutschen Weltumweltpolitiker fällt hart aus. Tag um Tag wird er ernster, fährt die Erwartungen zurück. Am Donnerstag sind konkrete Reduktionsziele im Abschlussdokument der "Optimalfall", wenig später definiert er allein indirekte Verweise auf solche Ziele als Erfolg. Am Freitag ist die Stimmung zuhause in Deutschland schon weit entrückt: "Es geht nicht darum, einen bundesdeutschen Klimaschützer zu beeindrucken", sagt der Umweltminister.

Trotz forscher Ansagen ganz entspannt zum Check-In

Gabriels Klimadiplomaten mühen sich in Dutzenden von Arbeits- und Untergruppen, dem Klimawandel wenigstens mit Pilotprojekten zu begegnen. Auf dieser Ebene der Verhandlungen zeigt sich, wie weit die Vereinten Nationen den Umweltschutz für das 21. Jahrhundert konzeptionell schon vorangetrieben haben: Die Atmosphäre soll nur noch gegen Gebühren mit dem Treibhausgas Kohlendioxid angereichert werden; Regenwälderländer bekommen vom reichen Norden Geld dafür, ihre Naturschätze nicht anzutasten; die schwindenden Vorkommen fossiler Energieträger werden zwischen Arm und Reich gleichmäßiger verteilt; und auch teure neue Technologien, etwa zum Abscheiden und Speichern von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken, sollen leichter die Grenzen armer Länder überqueren können als heute. Für Pilotprojekte ist Gabriel aber nicht nach Bali gekommen.

Trotz seiner forschen Ansage, ohne explizite Reduktionsziele nicht heim zu reisen, will Gabriel am Samstagabend am Flughafen Denpasar zum Check-In erscheinen und dann wieder in Berlin aufschlagen, ganz entspannt, mit einem Spruch, der das Ergebnis wundersam plausibel erscheinen lassen wird.

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