Foto:

Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Jetzt wird’s teuer

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, Ressortleiter Wissenschaft

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer zahlt die Zeche für den CO₂-Exzess der letzten Jahrzehnte? Das ist die Kernfrage der COP27. Nach einer Konferenzwoche ist allerdings kaum mehr als Kleingeld zusammengekommen. Nun müssen die USA und China ran.

Joe Biden und Xi Jinping haben politisch wohl wenig Schnittmengen. In dieser Woche aber waren sie sich in einem einig: Den großen Auftakt zur Weltklimakonferenz, bei dem am Montag und Dienstag Staats- und Regierungschefs aus mehr als 100 Ländern sprachen, kann man sich getrost schenken.

Das ist nicht nur bedauerlich, weil der amerikanische und der chinesische Präsident die wichtigsten Gäste gewesen wären. Sondern auch, weil sich nun alle anderen Eingeladenen automatisch fragen könnten, ob ihr Kommen gut investierte Zeit ist, wenn die großen Entscheider beschließen, nicht anzureisen. Der neue britische Premier Rishi Sunak war bekanntlich erst nach massiver öffentliche Kritik bereit, in den Flieger nach Scharm al-Scheich zu steigen. Zudem verleihen diese Eröffnungsstatements der Mächtigen den Verhandlungen auf der Sachebene den nötigen Schwung, gewichtige Stimmen sorgen entsprechend für besonderen Auftrieb.

Alle Artikel zur Klimakonferenz

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im ägyptischen Scharm al-Scheich zur 27. Uno-Klimakonferenz, der COP27. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Den könnte die 27. Weltklimakonferenz gut gebrauchen. Bisher verlaufen die Verhandlungen eher zäh, große Durchbrüche gibt es zur Zwischenbilanz nach einer knappen Woche noch nicht zu vermelden. Der größte Erfolg besteht darin, dass über Reparationszahlungen an ärmere Länder für die von Industriestaaten hauptsächlich verantworteten Klimaschäden (»Loss and Damage«) erstmals auf einem Klimagipfel konkret gesprochen wird. Was dabei herauskommt, ist freilich noch offen. Immerhin zeigen sich erste Staaten bereit, Gelder für einen solchen Ausgleichsmechanismus zur Verfügung zu stellen.

Geld ist das wichtigste Thema dieser COP, die USA und China sind hier entscheidend – auch weil sie gänzlich unterschiedliche Rollen einnehmen. Den Vereinigten Staaten als mit Abstand größter historischer Emittent von Treibhausgasen kommt die größte Verantwortung zu, finanzielle Unterstützung bereitzustellen, wogegen sich die Regierung auch gar nicht (mehr) grundsätzlich sperrt. Elf Milliarden US-Dollar wollte Joe Biden ursprünglich jährlich beisteuern. Doch erstens wären mit Blick auf den Anteil der Amerikaner an den weltweiten Emissionen eher 40 Milliarden die richtige Hausnummer. Zweitens wird Biden wohl nicht einmal die kleinere Summe auszahlen können, weil die Republikaner nach den Midterms mehr Möglichkeiten haben dürften, ihm die Haushaltsmittel zu verweigern.

Und China? Die Metamorphose des Riesenreichs zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt führt zu kaum mehr überbrückbaren Widersprüchen in der Klimapolitik. Es ist noch nicht lange her, da konnte sich Peking zu Recht in die Riege der Entwicklungsländer eingruppieren und von den Industriestaaten Führung und finanzielle Unterstützung bei der Bewältigung der Klimakrise einfordern. Als Klassensprecher der ärmeren Staaten hatte China lange eine feste Rolle auf den COPs. Inzwischen aber ist Peking auch historisch zum zweitgrößten Treibhausgasverursacher der Welt aufgerückt und muss sich etwa von Staaten in Afrika fragen lassen, warum für die dadurch entstehenden Schäden eigentlich nur Amerika und Europa aufkommen sollen. Weil die Diktatur Xi Jinpings sich ungern etwas fragen lässt und noch weniger gern Antworten gibt, duckt sich die Delegation beim Thema »Loss and Damage« einfach weg, wie meine Kollegin Susanne Götze aus Scharm al-Scheich berichtet.

Und da unterscheiden sich China und die USA erfreulicherweise dann doch: Am Freitag kommt – krass verspätet zwar, aber dennoch – Joe Biden nach Ägypten. Und spricht.

Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.

Joe Biden im Gespräch mit Xi Jinping: Geld ist das wichtigste Thema dieser COP, die USA und China sind hier entscheidend – auch weil sie gänzlich unterschiedliche Rollen einnehmen

Joe Biden im Gespräch mit Xi Jinping: Geld ist das wichtigste Thema dieser COP, die USA und China sind hier entscheidend – auch weil sie gänzlich unterschiedliche Rollen einnehmen

Foto: Demetrius Freeman / The Washington Post / Getty Images

Die wichtigsten Texte zur Klimakonferenz

Verursacher sollen für Klimaschäden zahlen: China duckt sich weg 
Erstmals verhandeln Staaten darüber, wer für Schäden durch den Klimawandel zahlen soll. Früher stand China auf der Seite der Opfer – inzwischen ist es größter CO₂-Verursacher. Die neue Rolle führt zu Widersprüchen.

Umstrittene Sponsoren: Auf diese Klimaheuchler verlassen sich die Klimaretter 
Statt Wasser gibt’s Cola, Klimaanlagen lassen die Verhandler in der Wüste frieren – und die Anreise gelingt eigentlich nur im Flugzeug: Die Klimakonferenz scheitert am eigenen Anspruch, gegen Ökolügen vorzugehen.

Olaf Scholz in Ägypten: Realpolitiker. Kein Klimakanzler 
Zur Klimakonferenz reiste der Bundeskanzler mit Geld an – und mit dem Versprechen, die Klimaziele einzuhalten. Die Frage, wie das gehen soll, wenn Deutschland zugleich in neue Gasförderung investiert? Beantwortet er nicht.

Projekt Climate Trace: Wie viel Treibhausgase die Welt wirklich ausstößt 
Viele Länder reagieren schmallippig, was ihren tatsächlichen Ausstoß klimaschädlicher Gase angeht. Eine neue Initiative will ihnen nun auf die Schliche kommen und hat Emissionen neu berechnet – angeblich aufs Kraftwerk genau.

Tag drei auf der Weltklimakonferenz in Ägypten: Uno-Generalsekretär kritisiert »Greenwashing« der Öl- und Gasindustrie
António Guterres hat der Öl- und Kohleindustrie vorgeworfen, ihre verheerenden Klimabilanzen bewusst schönzufärben. Auch der ukrainische Präsident äußerte sich bei der Konferenz in Scharm al-Scheich: per Videobotschaft.

Verschleppte Maßnahmen: Deutschlands fünf große Baustellen beim Klimaschutz 
Während sich die deutsche Delegation auf dem Gipfel in Ägypten bemüht, andere Staaten zu mehr Engagement zu bewegen, bleiben daheim seit Monaten wichtige Vorhaben liegen. Wo es besonders hakt.

Ex-Umweltminister von Panama über Täuschung bei CO₂-Rechten: »Das ist Betrug am Klimaschutz und am Verbraucher« 
Viele Supermarktprodukte werben mit dem Label »klimaneutral«. Doch nicht selten stecken dahinter windige Geschäftspraktiken. Ein Experte erklärt, wie die laschen Regeln auf den CO₂-Märkten ausgenutzt werden.

COP27 in Scharm al-Scheich: Was bei der Klimakonferenz auf dem Spiel steht
Krieg, Energiekrise und Inflation beschäftigen die Menschen in Deutschland – wahrscheinlich mehr als ein Klimagipfel in Afrika. Dabei geht es um viel, auch für uns. Und es gibt durchaus Grund zur Hoffnung.

Schwerpunkt Afrika

Warum sich in Afrika auch unsere Zukunft entscheidet: Grüne Energie – oder fossiles Eldorado? 
Sie wollen neue Gas- und Ölfelder erschließen – trotz Klimakrise. Gleichzeitig bauen afrikanische Länder riesige Solar- und Windparks. Warum es uns alle angeht, welchen Weg der Kontinent einschlägt.

Solarkraft aus Marokko: Die Vorreiter 
Kaum ein Land tut so viel fürs Klima wie Marokko, das auf Sonnenkraft setzt. Und kaum jemand blickt so optimistisch in die Zukunft wie Manal Bidar, 19 – sie ist die Greta Thunberg des Landes. Was sie hoffen lässt.

Kohleabhängigkeit Südafrikas: Der Junkie 
Mit Milliardenkrediten wollen Deutschland und andere reiche Staaten das Land am Kap von der Kohle abbringen. Doch nun kaufen deutsche Versorger massenhaft selbst dort ein. »Bigott!«, wettert Südafrikas Regierung – und lässt neue Meiler bauen.

Erdgas aus dem Senegal: Der Lieferant
Auf einmal möchte Europa etwas von Afrika: Frankreich, Italien, Polen, Portugal und Deutschland buhlen um Erdgas aus dem Senegal. Das Land träumt nun vom großen Geld – zu Recht?

Bleiben Sie zuversichtlich.

Ihr Kurt Stukenberg

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.