Unerlaubte Beimischungen Genmanipulierter Leinsamen in Europa verkauft

In Baden-Württemberg ist gentechnisch veränderter Leinsamen aufgetaucht. Möglicherweise wurde er auch bereits zu Lebensmitteln weiterverarbeitet - Menschen seien aber nicht gefährdet, sagt der zuständige Minister.

Teller mit Leinsamen: "Verstoß gegen die strikten Lieferbedingungen der Großbäckereien"
ddp

Teller mit Leinsamen: "Verstoß gegen die strikten Lieferbedingungen der Großbäckereien"


Stuttgart - Es war das erste Mal, dass Leinsamen auf Verunreinigung getestet wurde - und gleich fanden sich unerlaubte Beimischungen. Ein Tipp aus Fachkreisen hatte die Lebensmittelwärter argwöhnisch werden lassen. Das Chemische und Veterinär-Untersuchungsamt Freiburg hatte seit dem 20. August insgesamt 41 Proben abgepackter Leinsamen unter die Lupe genommen. In 16 Proben wurden dabei Spuren gentechnisch veränderten Leinsamens gefunden. Die Spuren machten bis zu ein Prozent des Produkts aus. 14 Proben aus ökologischem Anbau wiesen keine Spuren auf.

Die drei bis vier Millimeter großen Leinsamen stammen von der Leinpflanze, auch Flachs genannt. Aus den bis zu einem Meter großen Pflanzen wurden vor allem in früheren Jahren Leinenstoffe hergestellt. Die ovalen oder spitz zulaufenden Körner schmecken leicht nussig und gelten als gesund: Sie enthalten rund 40 Prozent Leinöl, das wegen seines hohen Anteils an Omega-3-Fettsäuren geschätzt wird. Die Fettsäuren sollen eine positive Wirkung auf Herz, Knochen und Nerven haben.

"Wir gehen davon aus, dass es sich um ein europaweites Problem handelt", sagte Baden-Württembergs Landesagrarminister Peter Hauk (CDU). Der verunreinigte Leinsamen könnte nach seinen Angaben teilweise bereits weiterverarbeitet sein. Er könnte sich unter anderem in Müsli finden und auch von Bäckereien bei der Brotherstellung verwendet worden sein. Derzeit sei "keine Gefährdung für Verbraucher gegeben".

"Nicht akzeptable Verbrauchertäuschung"

Hauk sprach aber von einer "nicht akzeptablen Verbrauchertäuschung". Der betroffene Leinsamen stamme im Wesentlichen aus Kanada. Er dürfe nicht weiterverarbeitet oder verkauft werden. Zudem sei eine Rückrufaktion geplant. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) rief die Länder nach dem Fund zu schärferen Kontrollen auf. Viel mehr kann sie einstweilen kaum tun - die Überprüfungen fallen nicht in ihren Kompetenzbereich, sie sind Ländersache.

Per Schnellwarnsystem wurden inzwischen auch andere Länder Europas informiert. Für gentechnisch veränderten Leinsamen gibt es in der EU keine Zulassung. Der Verkauf ist deswegen unzulässig. In den verunreinigten Proben fand sich die derzeit einzige bekannte Art von gentechnisch verändertem Flachs. Sie wurde laut Hauk vor zehn Jahren in den USA und Kanada zum Anbau zugelassen - und unter dem Handelsnamen "CDC Triffid" verkauft.

Offenbar aus Angst, die europäischen Abnehmer zu verlieren, hatte Kanada die Zulassung für den Anbau schon im Jahr 2001 wieder zurückgenommen. Seitdem ist der Anbau dort verboten. Nun sollen die Bezugsquellen für die verunreinigten Produkte ermittelt werden. Die Untersuchungen deuten laut dem Minister darauf hin, dass die Verunreinigung durch "schludrige Handhabung" bei Verpackung, Verarbeitung und Logistik entstand. Zwei Drittel der Leinsamen-Importe der EU stammen den Angaben zufolge aus Kanada. Es ist das weltweit wichtigste Anbauland für Leinsaat, die EU der bedeutendste Importeur.

Möglicherweise Engpässe beim Leinsamenbrot

Der Verband Deutscher Großbäcker warnte unterdessen, dass beim Leinsamenbrot möglicherweise mit Engpässen zu rechnen sei. "Diese Leinsaat ist zwar gesundheitlich unbedenklich, gleichwohl stellt ihre Lieferung einen klaren Verstoß gegen die strikten Lieferbedingungen der Großbäckereien und gegen das geltende EU-Recht dar", erklärte Hauptgeschäftsführer Helmut Martell. Die betroffenen Unternehmen hätten die Verwendung sofort eingestellt und seien auf Lieferungen aus anderen Regionen umgestiegen. Dass die gentechnisch veränderte Leinsaatsorte in geringen Spuren bereits in den Verzehr gelangt ist, könne der Verband nicht ausschließen.

Für die Umweltschutzorganisation Greenpeace stellen die Funde Gentechnik für Lebensmittel generell in Frage. "Spätestens jetzt ist klar, dass die Gentechnikindustrie ihre künstlichen Geschöpfe nicht im Griff hat", erklärte ein Sprecher. Ein weltweites Anbauverbot von Gen-Pflanzen sei der einzig wirksame Schutz.

Die FDP-Bundestagsfraktion warnte davor, Ängste zu schüren. Die zuständige Behörde in Kanada habe die Unbedenklichkeit des Leinsamens für Ernährung und Anbau festgestellt. Die Linksfraktion hält Gentechnik in der Landwirtschaft für unsicher.

chs/ddp/dpa/AP



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