Unesco-Vorwurf US-Soldaten haben in Babylon Kulturschätze vernichtet

Schwere Schäden im antiken Babylon: US-Soldaten haben in der Ruinenstadt versucht, Steine herauszubrechen, berichtet die Unesco. Kulturschätze wurden auch aus Unwissenheit zerstört. Händler bieten Altertümer aus dem Irak selbst in Deutschland an, wie ein aktueller Fall zeigt.


Hamburg/Paris - Der Handel mit antiker Kunst aus dem Irak geht in Deutschland offenbar ungehindert weiter. Mit Entsetzen hat die irakische Botschaft auf eine Auktion des Stuttgarter Kunsthändlers Nagel reagiert, der nächste Woche 28 Antiken offenbar irakischer Herkunft versteigern will. Als Herkunftsgebiet werden im Katalog unter anderem Babylonien und Mesopotamien genannt.

Der Experte für irakische Altertümer, Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, hat am Donnerstag die Polizei informiert. Der Kulturattaché der irakischen Botschaft, Amir Mussawy, kündigte an, die Objekte sicherstellen und wissenschaftlich untersuchen zu lassen. "Wenn sich unser Verdacht erhärtet, werden wir den Händler wegen Hehlerei anzeigen", sagte Mussawy im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Auktionshaus Nagel weist die Vorwürfe des illegalen Antikenhandel zurück. Die Stücke stammten aus der Sammlung des Tropenmediziners Ludwig Pfannemüller, der in den fünfziger Jahren in mehreren irakischen Krankenhäusern gearbeitet und die Stücke damals legal erworben habe, sagte Nagel-Sprecherin Beate Kocher-Benzing. Zwischen 1993 und 2003 seien die Antiken im Frankfurter Liebighaus ausgestellt worden.

Der Handel mit irakischen Antiken ist seit 2003 in der gesamten EU strafbar. Der Antikenhandel ist ein Millionengeschäft, gegen das der Zoll und Ermittler nur schwer vorgehen können. Die heiße Ware kommt häufig von Raubgräbern, die jahrtausendealte Kulturstätten zerstören, die anschießend für die Altertumsforschung verloren sind.

In der irakischen Ruinenstadt Babylon haben aber auch amerikanische und polnische Soldaten wertvolle Kulturschätze vernichtet. Zu diesem Ergebnis kommen internationale Forscher in einem Bericht für die Unesco. Die Besatzungstruppen hätten von 2003 bis 2004 auf dem neun Quadratkilometer großen Gelände unter anderem Hügel abgetragen, in denen sich noch nicht ausgegrabene Teile der Stadt aus der Perserzeit befanden. Zudem wurden neun Drachenreliefs des berühmten Ischtar-Tors beschädigt.

Die Militärs wussten nicht, worüber sie sich bewegen

"Vermutlich haben die Soldaten auf der Suche nach Souvenirs versucht, Steine herauszubrechen", sagte John Curtis, Konservator des Londoner British Museum, am Donnerstag in Paris. Auch schwere Militärfahrzeuge richteten erhebliche Schäden an - unter anderem an dem Belag der 2600 Jahre alten Prozessionsroute durch das Ischtar-Tor.

Die US-Streitkräfte, die damals ihr Basislager "Camp Alpha" in Babylon eingerichtet hatten, hielten dem entgegen, dass die Plünderungen antiker Kunstschätze ohne ihre Anwesenheit noch schlimmer ausgefallen wären. Die Residenz des sagenumwobenen Königs Nebukadnezar II. (etwa 604 bis 562 vor Christus) war von April 2003 bis Dezember 2004 von einem Stützpunkt der Besatzungstruppen umgeben. Die Unesco räumte ein, dass nicht alle Schäden in Babylon erst zu Zeiten des Irak-Kriegs entstanden. Große Teile des Ischtar-Tores und anderer Bauwerke wurden schon im 19. Jahrhundert in westliche Museen verfrachtet - so auch ins Berliner Pergamon-Museum.

Das Basislager wurde später weiträumig ausgebaut. "Die Militärs haben vermutlich nicht erkannt, dass sie sich auf archäologischen Flächen bewegen und haben sie schlichtweg zerstört", sagte die Orient-Expertin Margarete van Ess vom Deutschen Archäologischen Institut. Große Teile der Stadt seien noch nicht ausgegraben gewesen und wahrscheinlich als "Dreckhügel in der Landschaft" wahrgenommen worden.

Für die Zukunft hoffen die Forscher auf ein starkes internationales Engagement zum Schutz des Geländes. "Wir wollen, dass es so schnell wie möglich Weltkulturerbe wird", sagte Françoise Rivière von der Unesco. Die Forscher kritisierten, dass seit der Rückgabe der historischen Stätte an die Iraker zu wenig für die Instandhaltung getan werde. "Wir hoffen, dass der Bericht ein Anfang ist, um die Situation zu verbessern", sagte van Ess.

Völlig unklar ist zurzeit, wer die Kosten für die notwendigen Instandhaltungsarbeiten trägt und wann wieder europäische Wissenschaftler in Babylon arbeiten werden. Derzeit sind aus Sicherheitsgründen keine ausländischen Forscher dort. "Wenn wir können, werden wir uns an den internationalen Maßnahmen beteiligen", sagte van Ess vom Deutschen Archäologischen Institut. "Wir werden aber sicherlich nicht mehr wie Anfang des 20. Jahrhunderts die alleinigen Grabungsrechte beanspruchen."

Deutsche Archäologen gehörten damals zu den Pionieren der Ausgrabungen in Babylon. Von 1898 bis 1917 wurden unter Leitung von Robert Koldewey bedeutende Bauwerke freigelegt. Dazu gehörten die Prozessionsstraße mit dem Ischtar-Tor, die Paläste Nebukadnezars und der berühmte Turm zu Babel.

Mit Material von dpa und AP



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