Universität Innsbruck Medizin-Skandal kostet Uni-Rektor den Job

Eine offenbar nicht genehmigte medizinische Studie an mehr als 400 Patienten sorgt an der Universität Innsbruck für Schlagzeilen. Illegal, nicht ordnungsgemäß und gefälscht sei sie gewesen, heißt es in einem Untersuchungsbericht. Nun wurde der Uni-Rektor entlassen - obwohl er Aufklärung wollte.


"Etwas ist faul im Staate Österreich", schreibt das renommierte britische Fachmagazin " Nature". Die medizinische Fakultät der Universität Innsbruck sorgt derzeit mit einem Wissenschaftsskandal auch über die Grenzen Österreichs hinweg für Schlagzeilen. Nun gab es eine erste Personalentscheidung: Clemens Sorg, deutscher Medizinprofessor und seit 2005 Rektor der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck, ist vom Universitätsrat von seinem Amt abgesetzt worden.

Uni-Rektor Clemens Sorge: Abberufen wegen "schwerer Pflichtverletzungen"
fotostanger.com

Uni-Rektor Clemens Sorge: Abberufen wegen "schwerer Pflichtverletzungen"

Die Personalie Sorg sorgt für Kopfschütteln im Uni-Senat, denn Sorg war es, der den Skandal aufklären wollte und eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gab. Es ist eine Geschichte über eine illegale Studie, abgeschobene Verantwortung und mögliche Verstrickungen.

Was ist geschehen?

Der Urologe und Oberarzt an der Urologischen Klinik Innsbruck Hannes Strasser hatte mit einer von ihm entwickelten neuen experimentellen Therapie für Harninkontinenz 63 Frauen behandelt. Den Patientinnen wurden Muskel- und Bindegewebszellen aus dem Oberarm entnommen. Diese wurden vermehrt und anschließend in die geschädigten Bereiche der Harnröhre und des Schließmuskels injiziert. Insgesamt erhielten 42 Frauen Muskelgewebe, 21 bekamen nur Kollagen als Kontrollgruppe.

Nach einem Jahr seien 38 der 42 mit Muskelzellen behandelten Frauen kontinent gewesen, aus der Kontrollgruppe dagegen nur zwei, berichtete Strasserim vergangenen Jahr in den Fachmagazinen " Lancet" und " World Journal of Urology". Erstautor der Phase-III-Studie war Strasser, Ko-Autor Georg Bartsch, Strassers Vorgesetzter und Vorstand der Klinik. Strasser hatte nach der Phase-III-Studie auch noch Einzelbehandlungen an insgesamt 400 Patienten durchgeführt.

"Von den Ärzten getäuscht"

Als einer der Behandelten, ein deutscher Rechtsanwalt, Strasser auf Schmerzensgeld verklagte, begann der Skandal. Bei ihm, so sagte der Anwalt dem Nachrichtenmagazin "Focus", habe die Behandlung nicht die versprochenen Ergebnisse erzielt. Die versprochenen "lebenseinschneidenden Verbesserungen" seien nicht eingetreten, er fühle sich um die Behandlungskosten in Höhe von mehreren Tausend Euro betrogen. Zudem sei er nicht ausreichend darüber aufgeklärt worden, dass es sich um eine experimentelle Methode gehandelt habe. Er sei "von den Ärzten getäuscht worden", sagte der Rechtsanwalt dem Magazin - und reichte vor dem Bezirksgericht Innsbruck Klage ein.

Im Zuge der Ermittlungen kamen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht: Offenbar hatte die Ethikkommission Strasser gar keine Genehmigung für eine Phase-III-Studie erteilt, sondern nur für zwei Studien mit insgesamt 25 Patienten. In den Jahren 2002 und 2003 seien dann auch tatsächlich 21 Patienten von Strasser behandelt worden. Aber wie "Focus" berichtet, hatte die Ethikkommission für später folgende Versuche keine Genehmigungen mehr erteilt.

Strasser bestreitet die Vorwürfe. Wie das " Laborjournal" berichtet, habe Strasser Anträge für eine Phase-I- und eine Phase-III-Studie bei der Ethikkommission eingereicht. Diese habe daraufhin erklärt, dass sie für die Genehmigung nicht zuständig sei. Strasser reichte seine Anträge daraufhin beim Arzneimittelbeirat ein. Mitte 2002 habe das zuständige Ministerium in Wien die Studien genehmigt, behauptet er. "Für die Stammzelltherapie hatten wir vom Generaldirektor für öffentliche Gesundheit die Erlaubnis", versicherte Strasser laut "Focus" während des Prozesses.

Ethikkommission und Arzneimittelbeirat bestreiten, die Anträge überhaupt erhalten zu haben. Das österreichische Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend gab daraufhin der Österreichischen Agentur für Gesundheit den Auftrag, die Angelegenheit zu überprüfen. In einem Bericht vom 1. Februar 2008 erhob sie schwere Vorwürfe gegen Strasser: Er habe seine Phase-III-Studie, über die er in "Lancet" berichtet hatte, ohne Genehmigung durchgeführt. Zudem habe Strasser die Studie nicht ordnungsgemäß durchgeführt und Dokumente gefälscht. Kurzum: Strassers Studie sei illegal. Er solle seine Publikationen umgehend richtig stellen.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wurde zunächst mitgeteilt, dass Hannes Strasser bis zum 4. Oktober im Urlaub ist und zu den Vorwürfen daher nicht befragt werden konnte. Erst nach Tagen reagierte der Universitätsrat der Medizinischen Universität Innsbruck. Er bestreitet einen Zusammenhang der Abberufung von Rektor Sorg und dem Medizinskandal um Strasser. Der Rektor wolle die Schuld für seine Abberufung "mittels einer Verschwörungstheorie von sich weisen", erklärte die Vorsitzende des Universitätsrats, Gabriele Fischer, in einem Schreiben an SPIEGEL ONLINE. Man habe gute Gründe gehabt, den Rektor abzusetzen. Unabhängige Juristen hätten die gegen Sorg erhobenen Vorwürfe geprüft und Pflichtverletzungen bestätigt. Details dazu wolle man aus Gründen der Amtsverschwiegenheit jedoch nicht kommunizieren.

"Nature": "Skandalöses Verhalten"

Deutlich besser kommt in der ganzen Sache Georg Bartsch weg, Ko-Autor der nicht genehmigten Phase-III-Studie. In dem Prüfbericht wird er nicht belastet. Bartsch sagte dem "Laborjournal", er sei an der Phase-III-Studie nicht beteiligt gewesen, das Protokoll dazu sei ausschließlich von Strasser erstellt worden. Und er habe auch keinen der 400 Patienten behandelt, das habe allein Strasser gemacht. Auch zum Manuskript der Publikationen habe er nichts beigetragen oder geschrieben, seine Autorenschaften seien Ehrenautorenschaften und am 31. Juli 2008 habe er " Lancet" und " World Journal of Urology" gebeten, seinen Namen von der Veröffentlichung zu streichen.

Der Fall schlug Wellen in der österreichischen Presse - aber auch international. Das Fachmagazin " Nature" sprach von "skandalösem Verhalten". Doch die Aufarbeitung in Innsbruck verlief nur schleppend. Immerhin: Uni-Rektor Sorg forderte Konsequenzen. Es sei ein Skandal, sagte er der "Neuen Züricher Zeitung", dass man den Hauptschuldigen laufen lasse. Er überlege sich, Bartsch und Strasser zu suspendieren. Zumindest bei Strasser sei der Fall klar, sagte Sorg. Er habe den Forscher aufgefordert, bis zum 18. August alle Publikationen zur Inkontinenz-Behandlung zurückzuziehen. Die Publikationen sind allerdings noch immer online abrufbar - übrigens immer noch mit Bartsch als Ko-Autor.

Ein Bericht der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), angefordert von Sorg, sollte mehr Klarheit in den Fall bringen. Doch die Prüfer der ÖAW stoppten ihre Untersuchung. Grund: Der Universitätsrat in Innsbruck hatte ein Abberufungsverfahren gegen den Deutschen eingeleitet. Der Senat der Uni allerdings stand hinter ihm. Trotzdem mochten die Kontrolleure nicht weiter kontrollieren. " Nature" kritisierte deswegen explizit, die ÖAW habe der wissenschaftlichen Gemeinde, die sie vertrete, einen Bärendienst erwiesen. Das Gremium solle mehr Unabhängigkeit demonstrieren.

Egal wie die Untersuchungen ausgehen, eine Konsequenz hatte die Affäre bereits: Der an Aufklärung interessierte Rektor Sorg ist seinen Job inzwischen los. Der Universitätsrat hat seine sofortige Abberufung durchgesetzt. Begründung: "schwere Pflichtverletzungen".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels fand sich keine ausführliche Reaktion der Universität, weil eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit Verweis auf Strassers Urlaub beschieden wurde. Die inzwischen erfolgte Mitteilung des Universitätsrates wurde nachträglich ergänzt.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.