Universitäten Wie Professoren schummeln

Immer häufiger enttarnen Ermittler deutscher Universitäten Fehler und Fälschungen in wissenschaftlichen Arbeiten. Meist ohne ernste Folgen für die Trickser.


Auf die Publikation, die ihm den Ärger eingebracht hat, scheint der Professor immer noch nicht verzichten zu wollen. Auf einer Internet-Seite der Uni Frankfurt findet sich sein Name in 31 Arbeiten. Ganz oben auf der Liste steht der Aufsatz "Sportliche Aktivität und physische Gesundheit".

Was dem Leser nicht mitgeteilt wird: Der Titel unterschlägt die wirklichen Autoren wichtiger Textpassagen. Universitätsprofessor Dr. Dr. Winfried Banzer hatte Teile des Artikels bei einem Mitarbeiter abgekupfert und unter eigenem Namen veröffentlicht. Die "Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten" der Hochschule rügte die Schummelei des Mediziners. Sie sieht darin "einen ungerechtfertigten Umgang mit fremdem wissenschaftlichen Eigentum".

Forschungsarbeit im Labor: Fälscher haben es meist leicht
AP

Forschungsarbeit im Labor: Fälscher haben es meist leicht

Fast vier Jahre nachdem der Ulmer Krebsforscher Friedhelm Herrmann mit frechen Fälschungen von Forschungsergebnissen der Wissenschaftsgemeinde den größten Skandal der Nachkriegsgeschichte eingebrockt hat, zeigt sich: Der akademische Anstand steht an vielen deutschen Unis nicht mehr sehr hoch im Kurs. Republikweit wird gelogen, betrogen, geschludert und getrickst.

Auf Betreiben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben viele Hochschulen Kommissionen zur Selbstkontrolle eingerichtet. Doch die Selbstreinigung kommt nur mühsam voran. Die Fälscher haben es meist leicht. Und wenn sie ertappt werden, müssen sie selten harte Konsequenzen fürchten.

Häufig geraten vielmehr jene in Bedrängnis, die die unsauberen Machenschaften ihrer Chefs entlarven. Er sei als "Lügner" und "Querulant" angesehen worden, klagte unlängst Herrmanns ehemaliger Mitarbeiter Ernie Esquivel, der die Arbeitsweise des Professors enthüllt hatte.

Auch der Ruf eines namhaften Herrmann-Kompagnons bekam bisher nur leichte Kratzer. Mitte Januar traf sich die Untersuchungskommission der Uni Freiburg zu ihrer Abschlusssitzung im Fall Roland Mertelsmann: Seit sieben Monaten fahnden Gutachter hinter dem Pionier der deutschen Gentherapie her. In rund 60 Arbeiten des Klinikdirektors waren verdächtige Ergebnisse aufgefallen.

Die Kontrolleure mussten prüfen, ob Datenmaterial in Versuchen zur Hochdosis-Chemotherapie manipuliert worden war. Frühere Untersuchungen wiesen darauf hin, dass es in der Inneren Medizin des Uniklinikums möglicherweise "ein Problem beim wissenschaftlichen Arbeiten" gebe. In der kommenden Woche wird die Kommission ihr Ergebnis verkünden.

Gesichert ist bereits jetzt, dass Mertelsmanns Name auf Studien stand, die er nie geschrieben hat; Mertelsmanns Erklärung dazu wirft ein Licht auf deutsche Forscher-Usancen: "Von mir wurde erwartet, dass ich als Abteilungsleiter als 'Ehrenautor' auf den Publikationen vertreten bin", erläuterte er den Namensschmu.

Es ist der Fortschritt in der Computertechnik, der häufig die Forscher in Versuchung führt. Veränderungen zu erkennen ist praktisch unmöglich. So soll das gängige Bildbearbeitungsprogramm "Adobe Photoshop" eigentlich dazu dienen, Ergebnisse sichtbarer zu machen und Kontraste zu verstärken. "Andererseits kann es leicht für illegale Manipulationen verwendet werden", erklärt die Ulmer Rechtsmedizinerin Gerlinde Sponholz.

Auch Holger Kiesewetter, Chef der Transfusionsmedizin der renommierten Berliner Charité, geriet in Verdacht. 1999 präsentierte der Professor eine Studie, die eine positive Wirkung von Knoblauchpräparaten bei Gefäßverkalkung nachweisen sollte. Finanziert wurde die Arbeit vom Pillenhersteller Lichtwer. Die Charité wies nach einer Kontrolle die "Unterstellung vorsätzlicher Datenmanipulationen" als "abwegig" zurück. Der Vorwurf, Computerbilder seien gefälscht worden, bestätigte sich nicht.

Mängel gab es aber bei der statistischen Auswertung. Die hohe Zahl der Versuchsabbrecher war nicht ausreichend berücksichtigt worden: Von 140 Freiwilligen, die den Knoblauch schluckten, brachen 79 die Studie vorzeitig ab - vor allem wegen des störenden Geruchs.

Eine Untersuchung der Freien Universität Berlin kam zum Ergebnis, dass die statistische Analyse "methodische Probleme aufweist und korrigiert werden muss". Diese Auswertung, so Studienleiter Kiesewetter, habe ein erfahrener Kollege durchgeführt. "Die habe ich nicht im Detail überprüft", er habe sich vielmehr auf den Hochschullehrer verlassen. Inzwischen ist die Statistik korrigiert, wenn auch mit unschönen Folgen für den Pillenhersteller: Der positive Effekt des Präparats war jetzt nur noch bei Frauen statistisch signifikant nachweisbar.

Eine Methode, die eigene wissenschaftliche Reputation durch eine Inflation von Veröffentlichungen zu erhöhen, wird Banzer vorgeworfen. Der Leiter des Sportmedizinischen Institutes gönnte sich laut Kommissionsbericht nicht nur in einem Fall einen "Ghostwriter"; in rund 50 Publikationen ließ er sich von Nachwuchs-Wissenschaftlern als Autor aufführen. Er habe die Leute so in die Institutsarbeit einbinden wollen, rechtfertigte Banzer seine "Ehrenautorenschaft". Junge Kollegen hätten ihn freiwillig genannt. Unsinn, konterten die Jung-Akademiker, Banzer habe verlangt, seinen Namen zu erwähnen.

Tatsache ist: Eine lange Literaturliste macht sich gut für die Eigenwerbung. So präsentierte die Firma "Seirin", Veranstalterin eines "Symposiums für Lasertherapie" in Fort Lauderdale (Florida), Banzer als "Autor von über 100 Publikationen" - darunter seien aber keine der jetzt kritisierten Ehrenautorenschaften, sagt Banzer. Auch bei Ernährungsseminaren war Banzers geballte Kompetenz gefragt.

Da stört jede kritische Äußerung. Den Wuppertaler Professor Jürgen Freiwald verklagte Banzer, nachdem der auf einer Tagung vor "medizinischen Beratern" warnte, "die in der eigenen Fakultät umstritten sind". Der Mediziner beantragte vor dem Landgericht Münster eine Einstweilige Verfügung; er wollte Freiwald unter anderem verbieten zu behaupten, er sei "ein Betrüger".

Doch der Schuss ging nach hinten los: Nach dem Kommissionsbericht bestünden am Plagiat keine Zweifel, urteilten die Richter. Der "Diebstahl wissenschaftlichen Eigentums" sei unstreitig. Den Betrugs-Vorwurf hält Banzer weiterhin für absurd, er will sich nun mit Freiwald "vergleichen".

Udo Ludwig, Cordula Meyer



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.