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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Susanne Götze

SPIEGEL-Klimabericht Rette sich, wer kann – nur können viele nicht

Susanne Götze
Von Susanne Götze, Redakteurin Wissenschaft
Extremwetter nehmen weltweit zu, doch viele Regierungen kommen mit dem Schutz ihrer Bürger nicht nach. Dabei können Frühwarnsysteme verhindern, dass sich die Folgen der Klimakrise zu tödlichen Katastrophen auswachsen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie gut fühlen Sie sich in Deutschland vor Naturkatastrophen geschützt? Seit den dramatischen Überschwemmungen im Ahrtal vor einem Jahr dürfte das einstige Sicherheitsgefühl zumindest angeknackst sein.

Damals wurde der meteorologische Worst Case innerhalb von Stunden eine tödliche Realität. Die meisten Menschen wurden von den Fluten überrascht , es gab weder eindringliche Warnungen vor dem Ereignis noch eine funktionierende Alarmkette in der Nacht über Apps, SMS oder Kirchenglocken und Sirenen. Über 130 Menschen starben. Ein Musterbeispiel für das Versagen von Frühwarnsystemen.

Wenn schon Länder wie Deutschland scheitern, wie schlimm steht es dann erst in Staaten, die eine viel schwächere Infrastruktur haben? Die Antworten können Sie in dem diese Woche publizierten Bericht des Uno-Büros  für Katastrophenvorsorge (UNDRR) und der Weltwetterorganisation (WMO) nachlesen. Demnach haben nur die Hälfte aller Länder ausreichende Katastrophenfrühwarnsysteme.

In vielen Ländern mangelt es beispielsweise an funktionierenden Wetterstationen . Etwa in Uganda, wo sie seit einem Bürgerkrieg verfallen, oder in Südostasien, wo teils einfach kein Geld da ist, sie zu betreiben. Die Uno versucht mit einigen Programmen gegenzusteuern – doch die Aufgabe ist riesig. Denn die Vorhersagen müssen nicht nur abrufbar sein, sondern auch in abgelegene Dörfer und Regionen weitergegeben werden.

Dafür müssen sogenannte End-to-End-Frühwarnsysteme geschaffen werden. Die bestehen laut Uno-Bericht aus folgenden Elementen:

  • Wissen über Katastrophenrisiken (Risikoanalysen, Hochwasser- oder Starkregen- und Georisikokarten);

  • Beobachtungs-, Überwachungs- und Vorhersagesystemen (Wetterstationen);

  • Mechanismen zur Verbreitung von Warnungen (etwa Apps, Mail, SMS);

  • Bereitschafts- und Reaktionsfähigkeit (Katastrophenschutz).

Außerdem seien die Frühwarnsysteme in vielen Ländern – wenn überhaupt – nur auf eine Gefahr ausgelegt, heißt es. Nötig seien aber Frühwarnsysteme für Mehrfachrisiken, um vor verschiedenen Arten von Katastrophen warnen zu können. So könnten Überschwemmungen und Stürme gleichzeitig auftreten oder es bei einem Erdbeben auch zu Erdrutschen kommen.

Sandsäcke gegen die Überschwemmungen in einer Provinz in Pakistan Anfang September

Sandsäcke gegen die Überschwemmungen in einer Provinz in Pakistan Anfang September

Foto: SHAHZAIB AKBER / EPA

Ärmere Länder, die oft am stärksten von Naturkatastrophen betroffen sind, seien häufig am schlechtesten ausgestattet, heißt es in dem Bericht. Weniger als die Hälfte der am wenigsten entwickelten Länder der Welt und nur ein Drittel der kleinen Inselstaaten verfügen demnach über solche Frühwarnsysteme. Oftmals liegen die Inseln dabei nur wenige Meter über dem Meeresspiegel, ihre Küsten sind kaum geschützt.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Bangladesch etwa investiert seit zehn Jahren in ein umfassendes Frühwarnsystem. Das Land ist Wirbelstürmen und Überschwemmungen aufgrund seiner geografischen Lage besonders ausgesetzt – dort leben 36 Millionen Menschen an der Küste . Über die Hälfte der Küstenlinie liegt weniger als drei Meter über dem Meeresspiegel.

Noch 1970 starben durch den Zyklon »Bhola« mehr als 300.000 Menschen – manche schätzen die Opferzahl sogar auf eine halbe Million. Doch daraus hat das Land gelernt. Mittlerweile gibt es neben Schutzunterkünften und Warnketten auch einen interaktiven »Voice-Response-Frühwarndienst«, den jeder Handybesitzer mit einer speziellen Nummer frei anwählen kann. Dadurch gibt es nur noch wenige Todesopfer. Während des Zyklons »Matmo-Bulbul« im Jahr 2019 kamen weniger als 20 Menschen ums Leben, und über zwei Millionen Einwohner konnten rechtzeitig evakuiert werden.

Überschwemmte Straße in Florida nach dem Wirbelsturm »Ian«: Nur mit einer funktionierenden Warnkette können sich Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringen

Überschwemmte Straße in Florida nach dem Wirbelsturm »Ian«: Nur mit einer funktionierenden Warnkette können sich Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringen

Foto: Marco Bello / REUTERS

Frühwarnsysteme retten also Leben. Und sie sind dringender denn je. Zwar gab es Wetterextreme schon immer – doch werden sie mit der Klimakrise wahrscheinlicher und teilweise auch heftiger. Erst im August veröffentlichte der »Guardian«  zusammen mit Klimawissenschaftlerinnen eine Analyse von 500 Extremwetterereignissen und den dazugehörigen Attributionsstudien. Es sei besorgniserregend, dass die Klimakrise bereits bei einem Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur um nur ein Grad Celsius solch großen Einfluss habe, hieß es damals.

Und auch Uno-Generalsekretär António Guterres erklärte: »Jene, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, zahlen den höchsten Preis.« Extremwetterereignisse würden zunehmen. »Aber daraus müssen keine tödlichen Katastrophen werden.«

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Bleiben Sie zuversichtlich

Ihre Susanne Götze

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