Uno-Klimachefin Patricia Espinosa "Der Klimawandel geht durch Corona nicht einfach weg"

Die Coronakrise lähmt den internationalen Klimaschutz. Uno-Klimachefin Patricia Espinosa befürchtet, dass die Staaten ihre Verpflichtungen nicht einhalten. Dadurch könnte der Klimawandel ungebremst voranschreiten.
Ein Interview von Susanne Götze
Gasmasken gegen verdreckte Stadtluft: Corona und Klimakrise haben einiges gemeinsam, meint die UN-Klimachefin Espinosa

Gasmasken gegen verdreckte Stadtluft: Corona und Klimakrise haben einiges gemeinsam, meint die UN-Klimachefin Espinosa

Foto: SOPA Images/ LightRocket/ Getty Images

Seit der ersten Uno-Klimakonferenz 1995 in Berlin trafen sich die Klimadiplomaten jedes Jahr in einem anderen Land. Seit 25 Jahren. Sie verhandelten in Städten wie Kyoto, Neu-Delhi, Kopenhagen oder Paris darüber, wie die globale Klimaveränderung gestoppt werden kann. Manche der Städte, wie Kyoto oder Paris, sind mit ihren Namen längst zum Synonym für Wegmarken der Klimapolitik geworden. Zu den Treffen reisen jedes Jahr 30.000 Regierungsberater, Politiker, Wissenschaftler, Klimaaktivisten und Journalisten an.

Doch in Zeiten der Corona-Pandemie sind solche Zusammenkünfte nicht mehr möglich. Deshalb verschoben das Uno-Klimasekretariat und die britische Regierung den diesjährigen Weltklimagipfel in Glasgow.

Dabei sollte 2020 das Jahr des Klimaschutzes werden: Seit Jahresbeginn gelten die neuen Regelungen des Weltklimavertrags. Auf dem Treffen im November wollten die Staaten in Glasgow ihre Klimapläne nachbessern, der Ausfall des Gipfels kommt zur Unzeit. Die Uno-Klimachefin Patricia Espinosa warnt davor, beim Klimaschutz nachzulassen: Corona- und Klimakrise dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, erklärt sie in ihrem ersten Interview seit dem letzten Uno-Gipfel Ende 2019.

Zur Person
Foto: Omar Marques/ ZUMA Press/ imago images

Patricia Espinosa Cantellano, Jahrgang 1958, ist seit 2016 Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) und leitet das UN-Klimasekretariat in Bonn. Die gebürtige Mexikanerin besuchte eine deutsche Schule in Mexiko-Stadt, wurde später Botschafterin in Deutschland und war von 2006 bis 2012 mexikanische Außenministerin.

SPIEGEL: Frau Espinosa, vor wenigen Wochen sprachen alle übers Klima. Jetzt, wo es richtig losgehen sollte mit dem Klimaschutz, steht alles still. Ist Corona die Apokalypse der Klimadiplomatie?

Espinosa: Die Corona-Pandemie trifft alle Bereiche hart - nicht nur die Klimapolitik. Selbst die Finanzkrise von 2008 kann da nicht mithalten. Corona zeigt, wie stark uns eine globale Krise als Weltgemeinschaft treffen kann. Wir bekommen aber auch eine Vorstellung davon, was der Klimawandel als globale Krise in den nächsten Jahrzehnten zerstören könnte. Das sollte uns wachrütteln.

SPIEGEL: Erstmals seit 25 Jahren findet 2020 keine Uno-Klimakonferenz statt - und das gerade jetzt, wo die Regelungen des Weltklimavertrags erstmals greifen. Befürchten Sie, dass die Corona-Pause diese Dynamik stoppen wird?

Espinosa: Ich kann leider nicht ausschließen, dass das "Paris-Momentum" - also die Bereitschaft der Staaten, in der Klimakrise zu handeln - durch die jetzige Krise in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber der Klimawandel wird nicht langsamer, weil wir die Klimakonferenz wegen der Coronakrise auf nächstes Jahr verschieben. Der Klimawandel geht durch Corona nicht einfach weg. Die Länder haben sich in ihren Klimaplänen zur massiven Reduktion von Treibhausgasen verpflichtet - und dazu, ihre Ziele nochmals aufzustocken. Deshalb müssen wir jetzt daran erinnern, dass uns die Zeit beim Klimaschutz davonläuft. Je länger wir warten, desto heftiger werden uns die Folgen treffen.

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SPIEGEL: Fridays for Future sitzen aber nicht am Verhandlungstisch. Und bisher haben nur acht Länder von 195 neue Klimaziele eingereicht.

Espinosa: Ich habe mich gerade bei dem Umweltminister von Singapur in einem Brief bedankt, weil der Stadtstaat als achtes Mitglied des Weltklimavertrags seine Ziele nachgebessert hat. Außerdem haben noch Norwegen, Japan, Schweiz, Sambia, die Marshall Islands, Moldawien und Surinam ein Update eingereicht. Aber es ist richtig: Bisher sind es viel zu wenig Länder, die ihren Verpflichtungen nachkommen.

SPIEGEL: Einige europäische Länder wie Polen und Tschechien nutzen die Coronakrise sogar, um ihre Klimaschutzverpflichtungen loszuwerden.

Espinosa: Ich befürchte, dass einige Länder ihre Bemühungen zurückfahren. Das ist leider abzusehen. Was Polen und Tschechien angeht, waren die Diskussionen mit der Europäischen Union in der Vergangenheit nicht immer leicht - auch weil 28 Staaten als ein Akteur auftreten. Aber im Dezember hat die Europäische Kommission unter Ursula von der Leyen mit dem Green Deal ein starkes Programm für 2030 vorgelegt.

SPIEGEL: Aber auch außerhalb von Europa schlittern ohnehin klimaskeptische Länder wie Brasilien oder Russland nun in die Krise...

Espinosa: Wir müssen den Ländern jetzt zeigen, dass es nicht um ein "entweder Corona oder Klima" geht. Im Gegenteil: Der Klimaschutz und Investitionen in grüne Technologien könnten vielen Ländern auf längere Sicht dabei helfen, ihre Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen.

SPIEGEL: Ist es nicht naheliegender, dass Staaten in der jetzigen Situation ihre bestehende fossile Industrie mit neuen Subventionen stützen?

Espinosa: Bereits vor der Krise war klar, dass Investitionen in fossile Energien keine Zukunft haben. Es macht einfach keinen Sinn, sein Geld in Technologien anzulegen, die den Planeten zerstören.

SPIEGEL: Aber gerade sehen sich viele vor der Wahl: konsumieren gegen die Krise oder Konsumverzicht fürs Klima.

Espinosa: Die Antwort ist: Wir müssen besser konsumieren und unsere Konsummuster ändern. Die Art von Hyperkonsum, die wir vor der Krise hatten, tut niemandem gut - weder dem Klima noch den Menschen. Wirtschaftsmodelle, die auf einen ewigen Konsumzuwachs bauen, sind nicht nachhaltig und haben keine Zukunft. Wir sollten die Krise als Chance begreifen, jetzt in Richtung Nachhaltigkeit zu gehen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Staaten einen Vorteil haben, die in CO2-sparende Technologien investieren. Auch viele Investoren denken bereits um - und das aus wirtschaftlichen, nicht aus klimapolitischen Überlegungen.

SPIEGEL: Etwa in den USA lehnen manche Unternehmen sogar einen schwächeren Klimaschutz ab und geben sich damit grüner als ihre Regierung. Ist das ein Trend?

Espinosa: Ja, Städte, Regionen, Gemeinden und Unternehmen in den USA warten nicht auf die Regierung und treiben ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen voran. Viele haben bereits die Führung übernommen. Ein Beispiel ist auch "America's Pledge", bei dem führende Persönlichkeiten des privaten und öffentlichen Sektors dafür sorgen, dass die USA bei der Emissionsreduzierung weltweit führend bleiben.

SPIEGEL: Können Sie der Coronakrise auch etwas Gutes abgewinnen, etwa die sinkenden CO2-Emissionen durch weniger Flüge und Verkehr?

Espinosa: Ich komme aus Mexiko-Stadt - eine der dreckigsten Städte der Welt. Natürlich ist das gerade ein Aufatmen, wenn es weniger Verkehr und damit weniger Smog gibt. Und natürlich wollen wir alle, dass das so bleibt. Es ist sicher nicht so, dass sich alle darauf freuen, wieder die Stadtluft zu verdrecken. Das ist die Chance für ein Umdenken.

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