Stefan Rahmstorf

Plateau beim CO₂-Ausstoß Warum der unaufhaltsame Anstieg der Emissionen ein Ende hat

Stefan Rahmstorf
Ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf
Eine Nachricht, deren Symbolwert kaum größer sein könnte, ist diese Woche beinahe untergegangen: Der CO2-Ausstoß tut nicht mehr das, was er seit Jahrzehnten tut – er steigt nicht mehr.
»Entscheidend für die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten wird es sein, wie rasch die globalen Emissionen nun in den Sinkflug übergehen« (Symbolbild)

»Entscheidend für die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten wird es sein, wie rasch die globalen Emissionen nun in den Sinkflug übergehen« (Symbolbild)

Foto: DuKai photographer / Getty Images

Zwischen den vielen Meldungen vom Uno-Klimagipfel in Glasgow ist eine fast untergegangen: Das Global Carbon Project hat seine Zahlen zu den weltweiten CO2-Emissionen der letzten Jahre nach unten korrigiert . Zwar ist die Korrektur nur moderat und innerhalb der angegebenen Unsicherheitsmarge. Doch umso größer ist ihre symbolische Wirkung. Denn nach den neuen Daten ist die Emissionskurve in den letzten zehn Jahren flach. Die Emissionen tun nicht mehr das, was sie seit Jahrzehnten anscheinend unaufhaltsam getan haben: ständig weiter ansteigen. Möglicherweise liegt der Gipfelpunkt des weltweiten CO2-Ausstoßes bereits hinter uns.

Globale CO2-Emissionen. Daten: Global Carbon Project.

Globale CO2-Emissionen. Daten: Global Carbon Project.

Foto: Global Carbon Project

Woher kommt diese Revision der Daten? Das internationale Global Carbon Project  wertet seit 16 Jahren die weltweiten Emissionen von Kohlendioxid aus. Dabei ist der Ausstoß aufgrund der Verbrennung fossiler Brennstoffe noch relativ gut nachzuvollziehen, weil man dazu nur die verbrannte Menge an Kohle, Erdöl und Erdgas kennen muss, um die dabei freigesetzte CO2-Menge auszurechnen.

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Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit dem Jahr 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Doch die CO2-Freisetzung durch Landnutzung (vor allem durch Abholzung) ist wesentlich schwerer zu erfassen. Sie macht aktuell knapp ein Zehntel der Gesamtemissionen aus, und sie ist nach den neuen Daten im abgelaufenen Jahrzehnt um rund vier Prozent jährlich gesunken, während sie nach der Vorjahresanalyse um fast zwei Prozent jährlich gestiegen sein sollte. Die flache Kurve ergibt sich also aus weiter leicht steigender fossiler Energienutzung bei sinkender Ausweitung der Agrarflächen auf Kosten der Wälder.

Schon die alten Zahlen hatten ein Abflachen der Emissionskurve bis 2016 gezeigt – doch dann stiegen die Emissionen 2018 und 2019 auf neue Rekordhöhen. Dieser Anstieg scheint nun nach neuen Auswertungen von Satellitendaten doch weniger groß zu sein. Allerdings warnen die Autoren der Studie, dass die Unsicherheiten in den Landnutzungsemissionen nach wie vor erheblich sind.

Wasser in den Wein schüttet auch die Tatsache, dass die Emissionszahlen gegenüber dem Corona-Tiefpunkt in 2020 in diesem Jahr stärker als erwartet gestiegen sind, fast auf das Niveau von 2019. Dabei rächt sich, dass weltweit nur ein sehr geringer Teil  der staatlichen Wirtschaftsförderung in der Coronakrise in eine grüne Erholung investiert wurde – der Löwenanteil ging in die alte, fossile Wirtschaft.

Nach wie vor subventionieren Regierungen in aller Welt den Blindflug in die Klimakatastrophe. Auch in Deutschland, wie das Umweltbundesamt gerade wieder festgestellt hat. Diesen Wahnsinn muss die neue Bundesregierung schleunigst beenden. Die Abschaffung der Pendlerpauschale oder der steuerlichen Begünstigung von Flugbenzin, Diesel oder Dienstwagen ist keine Steuererhöhung, sondern ein Abschmelzen von schädlichen Subventionen.

Denn die Steuern auf Benzin und Kraftfahrzeuge decken bei Weitem nicht deren Kosten für die Allgemeinheit. Sozial gerecht sind solche Vergünstigungen auch nicht, nutzen sie doch zu einem großen Teil Besserverdienenden. Im 21. Jahrhundert haben solche Subventionen nichts zu suchen.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Entscheidend für die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten wird es sein, wie rasch die globalen Emissionen nun in den Sinkflug übergehen, denn erst Nullemissionen werden ein stabiles Klima ermöglichen. Da gibt es durchaus ermutigende Anzeichen. Vor dem Pariser Klimagipfel 2015 sah es so aus, als würden wir auf eine katastrophale Erderhitzung von bis zu 4 Grad bis Ende des Jahrhunderts zusteuern. Wobei dies den globalen Durchschnitt inklusive der kühleren Ozeane angibt; für Landgebiete bedeutet dies 6 – 8 Grad. In Deutschland beträgt die bisherige Erwärmung mit 2,3 Grad Celsius bereits das Doppelte des globalen Durchschnitts .

Die politischen Veränderungen nach Paris brachten uns schon in Richtung auf (freilich immer noch katastrophale) 3 Grad Erderwärmung. Die ambitionierteren Selbstverpflichtungen bis 2030, die die Staaten vor dem aktuellen Klimagipfel abgegeben haben, würden uns bei voller Umsetzung bei 2,0 bis 2,4 Grad landen lassen, wie das Projekt Climate Action Tracker berechnet hat .

Die Internationale Energieagentur IEA hat letzte Woche sogar verkündet , dass die gerade in Glasgow angekündigten neuen Ziele einiger Staaten die Erde auf einen Pfad zur Begrenzung der Erwärmung auf 1,8 Grad bringen würden. Doch da ist leider Skepsis angebracht . Erstens sind diese 1,8 Grad auch noch nicht im Einklang mit den Zielen des Pariser Abkommens, wie die IEA auch selbst schreibt. Und zweitens geht es dabei teils um vage Ankündigungen von Fernzielen wie Klimaneutralität 2050. Für das Klima kommt es aber auf die Gesamtemissionen auf dem Weg dorthin an, also vor allem auf rasch wirkende Maßnahmen, die bis 2030 die weltweiten Emissionen halbieren. Manche Regierungen, wie etwa die australische , versuchen mit wohlfeilen und wenig glaubwürdigen Ankündigungen für die ferne Zukunft einfach von den Verfehlungen ihrer aktuellen Politik abzulenken.

Derzeit verharrt die Menschheit also zaudernd bei stabilen Emissionen auf dem Gipfel, als könne sie sich noch nicht zum Abstieg durchringen. Einerseits sinken die Emissionen weltweit immer noch nicht, die angekündigten Ambitionen reichen noch nicht für die Paris-Ziele, und die tatsächliche Einhaltung der Ambitionen bleibt ungewiss.

Andererseits gibt es Hoffnung, weil immer mehr Akteure endlich den Ernst der Lage erkennen und handeln, zum Beispiel, indem sie Allianzen zum Kohleausstieg bilden oder kein Geld mehr in fossile Energieprojekte stecken wollen, und weil die Emissionen in den meisten Industriestaaten sich bereits vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt haben und sinken. Und die globale Emissionskurve hat sich spürbar abgeflacht, womöglich sogar ihr Maximum schon erreicht.

Es gibt also keinen Grund zu verzweifeln, sondern gute Gründe, weiter für die vollständige Umsetzung des Pariser Abkommens zu kämpfen.

Anmerkung der Redaktion: Im Teaser war in einer früheren Version von »Treibhausgasausstoß« die Rede, die Angabe an der Stelle bezieht sich jedoch nur auf den CO2-Ausstoß, wir haben den Fehler korrigiert.

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