Christian Stöcker

Klimagipfel COP26 Hoffen auf zwei Wunder

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Um die Menschheit abzusichern, müsste bei der Klimakonferenz von Glasgow ein Verhandlungswunder geschehen. Viele Regierungen aber scheinen weiterhin auf ein ganz anderes Wunder zu hoffen. Das ist ein böses Omen.
CO₂-Kollektor in einer Zweigstelle des Deutschen Museums München

CO₂-Kollektor in einer Zweigstelle des Deutschen Museums München

Foto: Daniel Karmann / picture alliance / dpa

»Die Zeit für diplomatische Freundlichkeit ist vorüber. Wenn nicht alle Regierungen – insbesondere die der G20-Staaten – aufstehen und die Anstrengungen gegen die Klimakrise anführen, steht uns entsetzliches menschliches Leid bevor.«
Uno-Generalsekretär António Guterres am 27. Oktober 2021 

Die wichtigste Kurve der Welt ist nach oben gekrümmt. Sie steigt nicht linear an, sie flacht sich nicht ab, was für das sichere Überleben der menschlichen Zivilisation sehr wichtig wäre. Die Aufwärtskrümmung markiert eine Beschleunigung. Immer noch.

Die Kurve, von der die Rede ist, stammt aus einer Messstation am Vulkan Mauna Loa in Hawaii, betrieben von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) der USA. Seit den späten Fünfzigern wird dort das in der Atmosphäre vorhandene CO₂ erfasst – und dieser Wert steigt bekanntlich immer weiter. Und, was noch schlimmer ist: auch weiterhin immer schneller.

Foto: NOAA

Alle Konferenzen ohne Delle überstanden

Eigentlich hat es schon diverse Gelegenheiten gegeben, die der Kurve eine andere Richtung hätten bescheren müssen. Die Konferenz von Rio 1992, das Kyoto-Protokoll von 1997, die – gescheiterte – Klimakonferenz von Kopenhagen 2009, das Pariser Klimaabkommen von 2015. All diese Ereignisse, bei denen sich die Menschheit jeweils versicherte, dass sie selbst die Erdatmosphäre erwärmt und dass das sehr gefährlich ist, überstand die Kurve, ohne auch nur eine Delle zu bekommen. So eine Delle schaffte nur die Coronapandemie.

All das ist sattsam bekannt. Weniger bekannt ist, dass selbst die derzeit in Selbstverpflichtungen formulierten Ziele in Sachen Treibhausgasemissionen die Welt vermutlich 1,9 bis 3 Grad heißer werden lassen würden als vor der industriellen Revolution. Also weit mehr als die 1,5 Grad, die man in Paris noch angestrebt hatte. Die bislang verkündeten konkreten politischen Maßnahmen – das ist etwas anderes als Ziele! – führen uns in eine Welt, die im Jahr 2100 2,1 bis schlimmstenfalls fast 4 Grad heißer ist.

Katastrophen von unvorstellbarem Ausmaß wären die Folge.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Ziele sind eine billige Sache

Vor allem die ständig neu formulierten Ziele sind – obwohl sie nicht einmal ausreichend sind – eine wohlfeile Angelegenheit. Das kann man sehr schön daran erkennen, dass selbst der von »Klimaskeptikern« umgebene  australische Premier Scott Morrison sich jetzt endlich dazu durchringen konnte, für sein Land ein »Net Zero«-Ziel für 2050 auszurufen .

Doch der »Plan« seiner Regierung, dieses Ziel zu erreichen, ist, vorsichtig formuliert, vage, während in Australien weiterhin kräftig Kohle gefördert wird, der klimaschädlichste aller Energieträger. In Morrisons Plan spielt auch »Carbon Capture and Storage« eine wichtige Rolle, also das Auffangen und Speichern von CO₂. Diese Methode gilt – auch dank eines australischen Modellprojekts – bislang aber als »teuer, langsam und schwierig« .

Viel billiger und einfacher ist es, das CO₂ erst gar nicht zu produzieren – zu diesem Ergebnis kommt auch eine eben erschienene Studie über unterschiedliche Carbon-Capture-Technologien in »Nature Energy« : Auch die beste Variante ist teuer und verbraucht Unmengen Chemikalien, CO₂ einsparen ist auf absehbare Zeit deutlich günstiger.

Chinas eben verkündeter Plan zur Erreichung seiner bislang unveränderten Klimaziele  – CO₂-neutral bis 2060, Emissionen steigen zwar weiter, aber nur bis 2030 – wirkt schon deutlich konkreter als der von Australien. Aber er enthält die seltsam anmutende Ankündigung, 2060 »nur noch« 20 Prozent seines Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen decken zu wollen.

Das wäre immer noch eine Menge, und all das auf diese Weise weiter produzierte CO₂ wird irgendwie wieder aus der Atmosphäre geholt werden müssen, wenn die Formulierung »carbon neutral« sich nicht als Feigenblatt erweisen soll. Und im Moment kurbelt China den Kohleabbau gerade wieder an , um der Energiekrise zu begegnen.

Ein kleines Wunder jetzt, oder ein großes später?

Die Lage, in der sich die Menschheit befindet, ist extrem bedrohlich, auch wenn sich das in weiten Teilen der medialen Berichterstattung bis heute nicht so recht abbildet.

Die Bevölkerung des Planeten Erde muss, mit Blick auf den Gipfel in Glasgow, auf ein Wunder hoffen: darauf, dass sich die Delegationen vor Ort doch noch zu mehr durchringen können, als bislang angekündigt wurde. Dass zumindest die auf der Konferenz formulierten Emissionsziele der einzelnen Länder, die sogenannten NDCs, endlich im Einklang wenigstens mit dem Ziel stehen, die Erwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten. Darüber wird es noch einmal deutlich schlimmer und viel gefährlicher.

Die Gefahr ist jedoch groß, dass dieses Wunder von Glasgow ausbleibt – und zwar deshalb, weil die Regierungen der Welt noch immer auf ein anderes, zukünftiges Wunder hoffen: Auf eine magische Technologie, die es plötzlich tatsächlich, nicht nur als »Plan«, möglich macht, CO₂ in großem Stil schon beim Entstehen oder aus der Atmosphäre wieder einzufangen.

Die nachträgliche Entfernung von Treibhausgasen ist schon jetzt ein ungern betonter Bestandteil aller Klimaberechnungen. Mit jedem Jahr, in dem die wichtigste Kurve der Welt weiter ansteigt, wird der zwangsläufig erforderliche Anteil dieser noch längst nicht sinnvoll einsatzbereiten Wundertechnologie an der Rettung der Menschheit vor sich selbst größer.

Dabei hätten wir doch längst eine andere, schon einsatzbereite Wundertechnologie: erneuerbare Energien.

Im Zweifel Augenwischerei

»Net Zero« irgendwann in der Zukunft ist deshalb eine Formulierung, auf die man mit ausgeprägtem Misstrauen reagieren sollte. Das Einzige, was zählt, sind konkrete, quantitativ angegebene und nachmessbare Reduktionen der Treibhausgasemissionen. Alles andere: im Zweifel Augenwischerei.

Es gibt übrigens mindestens ein Unternehmen, das die wichtigste Kurve der Welt schon in den Achtzigerjahren vorhergesehen hat. Die Kurve von damals, das betont zum Beispiel der auf Klimapolitik spezialisierte Politikwissenschaftler Reinhard Steuer , ist tatsächlich fast deckungsgleich mit der, die in Mauna Loa seitdem gemessen wurde. Nach oben gekrümmt, genauso glatt. Sogar den Temperaturanstieg bis zum Jahr 2020 sagten die Wissenschaftler der Firma damals nahezu aufs Zehntelgrad genau voraus .

Diese unheimliche, unheimlich exakte Prognose entstammt einem internen Dokument eines Unternehmens, das daran, dass die Kurve immer weiter stieg, all die Jahre viel Geld verdient hat. Einem Unternehmen also, das ebenso wie diverse seiner Konkurrenten  keinerlei Interesse hatte, an der Form der Kurve etwas zu ändern, im Gegenteil. Das Unternehmen heißt Exxon.