Uno-Gipfel in Glasgow Scheitert die Klimakonferenz, bevor sie richtig losgeht?

Der Klimagipfel in Schottland beginnt mit einem Redemarathon der Staatschefs, vielen Enttäuschungen und diplomatischen Krisen. Doch immerhin eine positive Überraschung hielt der Tag bereit.
Aus Glasgow berichtet Susanne Götze
Gastgeber Boris Johnson, Angela Merkel und Uno-Generalsekretär António Guterres bei ihrer Ankunft auf dem Klimagipfel in Glasgow

Gastgeber Boris Johnson, Angela Merkel und Uno-Generalsekretär António Guterres bei ihrer Ankunft auf dem Klimagipfel in Glasgow

Foto: Christopher Furlong / Getty Images

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In der Nacht zum Montag zog ein Sturm über Glasgow, einige sichteten sogar einen Tornado. Ein Zug entgleiste im Süden Englands, viele Teilnehmer erreichten die Klimakonferenz mit stundenlangen Verspätungen. Dann kamen noch chaotische Zustände am Flughafen, umständliche Coronakontrollen und endlose Schlangen vor dem Konferenzzentrum dazu. Die Teilnahme an der 26. Uno-Klimakonferenz wurde zu einer echten »Challenge« – und da hatte der Gipfel noch nicht einmal begonnen.

Bereits vor dem Treffen braute sich auch diplomatisch ein Sturm zusammen: Mehrere Staatschefs legten im Gegensatz zu den knapp 30.000 Teilnehmern nämlich keinen Wert darauf, nach Glasgow zu fahren. Darunter der chinesische Präsident Xi Jinping, der nicht einmal eine Videobotschaft, sondern nur eine schriftliche Note schickte, der russische Präsident Wladimir Putin, der nicht nur absagte, sondern auch sonst am Montag nichts von sich hören ließ, und der brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro, der ebenfalls fehlte. Einen richtigen Fauxpas leistete sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der nach dem G20-Gipfel am Sonntag beleidigt wieder nach Hause fuhr – angeblich wegen eines Protokollfehlers.

Plenarsaal im Glasgower Scottish Event Campus

Plenarsaal im Glasgower Scottish Event Campus

Foto: Yves Herman / WPA / Getty Images

Das alles zeigt: Im Kampf gegen den Klimawandel ist die Weltgemeinschaft nicht mehr so geschlossen wie noch auf dem Klimagipfel in Paris. Die Gastgeber in London und ihre Partner in Washington haben als Vertreter der sogenannten westlichen Welt nicht bei allen Ländern einen guten Ruf. Das hat auch Folgen für die Klimadiplomatie. Denn viele Schwellenländer trauen den reichen Ländern nicht über den Weg.

»Ich entschuldige mich für die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten unter der letzten Regierung aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen sind«, so US-Präsident Joe Biden in seiner Rede am Montagnachmittag in Glasgow. Doch nun werde das »Zeitalter der Umsetzung« eingeleitet. »Mit jedem Tag, den wir warten, steigen die Kosten der Untätigkeit.«

Angela Merkel fordert »Dekade des Handelns« – nach 16 Jahren Amtszeit

Die Liste der Redner des World-Leader-Summits war lang, jeder Staatschef hatte nur drei Minuten für seine Klimabotschaft, dann ertönte ein Gong – der Nächste war dran. Über 100 Staats- und Regierungschefs waren angereist. Die zweite Hälfte spricht erst am Dienstag, so lang ist die VIP-Show. Sie soll den »Gipfel der letzten Chance«, wie die Uno-Konferenz in Glasgow  auch genannt wird, einleiten – und den Verhandlungen den richtigen Schubs versetzen.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Vor und nach ihren Auftritten sitzen die Staats- und Regierungschefs in den VIP-Lounges im Glasgower Scottish Event Campus. Auf den beigen Stühlen einer abgeschirmten Halle nimmt auch eine sichtlich entspannte Angela Merkel Platz. Während sie Diplomaten und Unterhändlern zuhört und geduldig nickt, drängelt sich vor den Türen die Weltpresse. Die Gänge sind proppevoll mit Abgesandten von allen Kontinenten.

Als Angela Merkel an der Reihe ist, spricht auch sie von einer »Dekade des Handelns«. Es ist ihre letzte Klimakonferenz und ihre letzte Ansprache als Amtsträgerin vor der Weltgemeinschaft. Warum diese Dekade erst anfangen soll, wenn sie als Kanzlerin abtritt, bleibt ihr Geheimnis. »Damit bürdet sie ihren Nachfolgern das auf, was sie in ihrer Amtszeit stetig aufgeschoben hat«, sagt Christoph Bals von Germanwatch. Der Aufruf, in die Phase der Umsetzung überzugehen, sei aber auch ein klarer Auftrag an die Koalitionsverhandlungen, sagt Bals. Auch wenn Merkels CDU an diesen nicht teilnimmt.

Was ist Greenwashing, was ist ernst gemeint?

Doch was bedeutet das konkret? Vielen Ländern fällt es mittlerweile leichter, das Ziel der Klimaneutralität für 2050 auszugeben, als ihre kurzfristigen Ziele bis 2030 nachzubessern. Das liegt sicherlich auch daran, dass Mitte des Jahrhunderts die wenigsten Politiker von heute noch an der Macht sein werden. Und langfristige Klimaziele verpflichten viel weniger zum Handeln als Versprechen für die nächsten neun Jahre.

Biden auf dem Klimagipfel

Biden auf dem Klimagipfel

Foto: Erin Schaff / AP

Doch genau das erhoffen sich Klimaexperten von den nächsten zwei Wochen. Denn auf dem G20-Gipfel am Sonntag hatten die Staaten angekündigt, ihre Energiepolitik mit den Klimazielen des Paris-Abkommens abzustimmen. »Es war ein harter Kampf der Staats- und Regierungschefs, aber sie haben bestätigt, dass alle Länder ihre Ambitionen bereits in diesem Jahrzehnt erhöhen müssen«, erklärt Nick Mabey, Chef der europäischen Klimadenkfabrik E3G. »Auf der COP26 muss dieses politische Versprechen nun in eine Umsetzungsstrategie übersetzt werden.«

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Noch ist die Lücke für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels groß, vor allem was die kurzfristigen Klimapläne der Länder betrifft. Die neuen Ziele und wie viel sie wert seien, müsse nach dem Redemarathon der Länderchefs erst noch analysiert werden, sagt Christoph Bals. »Das muss man in den nächsten Tagen ausrechnen, ob das reicht.«

Die große Frage dieses Gipfels, wie ernst die Welt den Einigungs- und Fortschrittswillen der Staatschefs nehmen kann, beantwortet der erste Tag noch nicht. Staatschef Jair Bolsonaro kündigte etwa in seiner Videobotschaft am Montag an, die Klimaziele seines Landes anzuheben. Brasiliens Umweltminister Joaquim Pereira Leite erklärte, dass Brasilien seine Treibhausgasemissionen bis 2030 halbieren werde. »Das ist nur eine Greenwashing-Show«, glaubt Beobachter Bals. »Solch eine Regierung kann man nicht ernst nehmen.«

Mit gemischten Gefühlen hörte die Welt auch dem indischen Präsidenten Narendra Modi zu. Der kündigte an, dass sein Land bis 2030 die Hälfte seiner Elektrizität aus erneuerbaren Energien beziehen will. Außerdem will Indien 2070 gänzlich klimaneutral wirtschaften. Die Ankündigung aus Neu-Delhi ist zwar die bisher größte der COP26 – gleichzeitig liegt das Ziel aber in weiter Ferne. Netto null erst in rund 50 Jahren zu erreichen, ist noch einmal zehn Jahre später, als sich China vorgenommen hat – und 20 Jahre nach der EU, Großbritannien und den USA.

Einige Beobachter bleiben nach den ersten Reden dennoch vorsichtig optimistisch: »Es gibt immerhin die klare Erkenntnis, dass wir zu langsam sind«, meint Klimaexperte Bals. Die kommenden zwei Wochen würden zeigen, ob es in Glasgow gelinge, genügend Druck aufzubauen – für höhere Ziele und den Beginn einer »Dekade des Handelns«.

Noch ist also nichts verloren – aber mittlerweile ist selbst der Gastgeber beunruhigt: Er habe den G20-Gipfel mit »nicht erfüllten Hoffnungen« verlassen, schrieb der britische Premier Boris Johnson  auf Twitter. Zu Beginn der feierlichen Eröffnung der Klimakonferenz am Montag erklärte er: »COP26 kann und darf nicht das Ende der Geschichte sein.« Man habe nun die einmalige Chance, das Ruder herumzureißen und dafür zu sorgen, dass kommende Generationen die heutigen Mächtigen nicht verurteilen würden.

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