So wollen die Staaten die Klimakrise lösen Die Grad-Wanderung von Glasgow

1,5 Grad? Wir bemühen uns. Emissionsziele? Wir bessern nach. Beim größten Weltklimagipfel, den es je gab, haben sich die Staaten vor allem auf weiche Absichtserklärungen geeinigt. War er trotzdem ein Erfolg?
Aus Glasgow berichtet Susanne Götze
Die sogenannte »Action Zone« auf dem Klimagipfel: Auf der Konferenz standen technische Details des Pariser Vertrags im Mittelpunkt

Die sogenannte »Action Zone« auf dem Klimagipfel: Auf der Konferenz standen technische Details des Pariser Vertrags im Mittelpunkt

Foto: Christoph Soeder / dpa

Die nette Idee mit James Bond hätte Boris Johnson sich vielleicht besser sparen sollen. Denn als der britische Premierminister am ersten Tag der Uno-Klimakonferenz die Mission der Delegierten mit der des Filmhelden verglich, legte er die Latte der Erwartungen hoch. Sehr hoch. Die Welt retten in nur zwölf Tagen – das war nicht zu schaffen. Schlussendlich dauerte die Konferenz überdies deutlich länger, der »Klimapakt von Glasgow« wurde mit 24 Stunden Verspätung angenommen.

Dieses 26. Treffen von fast 200 Staaten war die größte Klimakonferenz, die es je gab – trotz steigender Coronazahlen, trotz zwei Jahren Pandemie. Über 30.000 Teilnehmer reisten nach Glasgow, fast 40.000 waren für die Konferenz registriert.

Die Klimabewegung sah in den Verhandlungen von Beginn an nur »Greenwashing« und »Blabla«, die britische Regierung stilisierte das Treffen, nicht zuletzt aus innenpolitischen Motiven, zu einem »Entscheidungsgipfel« hoch. Auch das jetzt vorliegende Ergebnis von Glasgow polarisiert: Die Konferenz war wichtig für die technischen Details zur Umsetzung des Pariser Abkommens – so sehen es auch viele Diplomaten – aber Glasgow war kein zweites Paris.

»Der Erfolg liegt in den Details, nicht in den großen Worten«, sagt Christina Voigt, Juristin und Delegationsmitglied von Norwegen in Glasgow. Die Adjektive, Tabellen und spitzen Formulierungen seien entscheidend dafür, wie gut die weltweite Klimadiplomatie in den nächsten Jahrzehnten funktioniere. »Und daran hängt am Ende auch das 1,5-Grad-Ziel«, so die Juristin.

Sechs Jahre ist es her, dass unter französischer Präsidentschaft das Weltklimaabkommen von fast 200 Staaten angenommen wurde. Tausende Delegierte feierten damals den Erfolg im Vorort Le Bourget. Dann begann das Ringen um die Details.

Dass sich große Vorhaben leichtfüßig verkünden lassen, ihre Umsetzung in konkretes politisches Handeln dagegen schwerfällt, das haben die vergangenen fünf Klimakonferenzen seit Paris gezeigt. Die Weltrettung, das lernten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer jetzt in Glasgow, ist bürokratischer als gedacht.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Entsprechend technisch und komplex im Detail fallen die Beschlüsse aus. Die wichtigsten sind:

Treibhausgase – wie drücken wir die Emissionskurve?

  • Der Glasgow-Pakt »erkennt an«, dass die Folgen des Klimawandels bei einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad wesentlich geringer sind als bei 2 Grad. Allerdings ist im Abschlussdokument nur von einer »Bemühung« die Rede, dieses Ziel einzuhalten. Immerhin aber taucht in dem Dokument erstmals die für das Erreichen der 1,5-Grad-Grenze notwendige Senkung der Emissionen um 45 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2010 auf. Die 2015 in Paris getroffene Verabredung, die Erderwärmung »möglichst« nicht über 1,5 Grad ansteigen zu lassen, wurde in Glasgow also gestärkt – ein wichtiges Signal vor allem an besonders durch den Klimawandel bedrohte Staaten.

  • Die Länder haben beschlossen, schon im nächsten Jahr ihre Klimaziele für 2030 nachzubessern. Vor allem jene Staaten müssen nachlegen, die bisher noch gar keine oder besonders schlechte Updates ihrer Klimapläne eingereicht haben. Bisher hatten viele größere Staaten vor allem Langfristziele zur Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts vorgelegt, ohne immer nachvollziehbar darzulegen, wie sie sicherstellen, dass sie diese auch erreichen. Die notwendige Transparenz, so haben es die Delegierten in Glasgow verabredet, wird also im kommenden Jahr nachgeholt.

  • Erstmals überhaupt wurde im Abschlussdokument eines Klimagipfels ein Bekenntnis zum längerfristigen Ausstieg aus der Kohle und dem Abbau fossiler Subventionen abgelegt. Nicht einmal im Weltklimavertrag von Paris findet sich ein Hinweis darauf, dass das Verbrennen fossiler Rohstoffe enden muss, das Abschlussdokument von Glasgow geht hier also entschieden weiter. Allerdings wurde dieser Artikel noch im letzten Moment immer wieder abgeschwächt – zuletzt von »Ausstieg« auf »Abbau«.

Transparenzregeln: Wer hält sich an seine Versprechen?

  • Die Länder werden »ermutigt«, ihre Klimapläne künftig auf fünf Jahre auszurichten. Damit legen sie fest, wie schnell sie ihre Emissionen senken wollen. Erstmals ist das nun in einem einheitlichen Zeitrahmen geregelt. So ist vergleichbar, wer wie viel tut. Aber auch ein Zehnjahresziel ist damit nicht ausgeschlossen.

  • Eine Überprüfung, wie nah dran die Weltgemeinschaft an den Zielen des Pariser Abkommens ist, findet eigentlich ebenfalls alle fünf Jahre statt – aber einige Länder hatten gefordert, zusätzlich eine jährliche Bilanz kurz vor den Klimakonferenzen zu ziehen. Das soll nun »beauftragt« werden.

  • Immerhin aber einigten sich die Delegierten auch auf eine transparentere Überprüfung der nationalen Klimapläne, die sie bei der Uno einreichen. Die Staaten müssen ab 2024 alle zwei Jahre über ihre Emissionsbilanz berichten – also angeben, wie viel CO₂ oder Methan ihre Kohlemeiler oder Stahlwerke in die Luft geblasen haben. In der Bundesrepublik erhebt schon heute die Deutsche Emissionshandelsstelle regelmäßig diese Daten.

  • Die Industrieländer müssen sich zudem jetzt regelmäßig beim Thema Klimahilfen in die Bücher schauen lassen und darlegen, in welchen Zeiträumen genau welche Summen an Projekte oder Regierungen fließen.

Kohlenstoffmärkte: Kann man Klimaschutz handeln?

  • Auch wenn das Klimaabkommen von Paris inzwischen rund sechs Jahre alt ist, sind Teile des Regelwerks bis heute nicht ausformuliert. Einer davon ist Artikel sechs des Vertrages. Dieser soll regeln, wie Länder Klimaschutzmaßnahmen untereinander handeln können. Errichtet Land A einen Windpark oder forstet Wälder auf, kann es den so entstandenen Klimanutzen in Form eines Zertifikats an Land B verkaufen. Letzteres darf sich die eingesparten Treibhausgase dann auf die eigene Bilanz anrechnen lassen und muss weniger Klimaschutz im eigenen Land umsetzen. Allerdings hatten mehrere Länder vor, den Klimaeffekt nicht nur zu verkaufen, sondern ihn zusätzlich auch noch im eigenen Land zu werten – Klimaschutz drohte so zwar doppelt gezählt, aber nur einmal geleistet zu werden. In Glasgow einigten sich die Staaten nun auf einen Kompromiss: Es soll neue CO-Gutschriften, sogenannte Paris Agreement Ajustment Units (PAAU), geben. Mit ihnen verpflichten sich die Verkäufer, die verkauften Zertifikate nicht doppelt zu werten. Allerdings kam es zu keiner Regelung für den sogenannten freiwilligen Markt, hier sind die Standards weiterhin ungeklärt.

  • Klimaschutzzertifikate existierten schon im Vorläuferabkommen von Paris, dem Kyoto-Protokoll. Vor allem China hatte darauf gedrängt diese alten und zu großen Teilen inzwischen nutzlosen Zertifikate weiter handeln zu dürfen. Ein Kompromiss sieht jetzt vor, dass nur noch jene Zertifikate gehandelt werden dürfen, die nach 2013 geschaffen wurden.

Klimahilfen: Wie klappt die Unterstützung?

  • Schon 2019 hatten die reicheren Staaten den ärmeren zugesagt, ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für die Umstellung auf regenerative Energien und Anpassungen an den Klimawandel zu überweisen. Nun stellt die Weltgemeinschaft »mit großem Bedauern« fest, dass die versprochene Summe noch immer nicht erreicht ist. Die Delegationen aus Deutschland und Kanada hatten in Glasgow einen Fahrplan erarbeitet, wie das Geld zumindest in den kommenden Jahren herbeigeschafft werden kann, darauf wird im Abschlussdokument nun verwiesen.

  • Ab 2025 sollen die Summen für die Anpassung an den Klimawandel gegenüber 2019 verdoppelt werden. Auf konkrete Zusagen für solche Hilfen hatten vor allem ärmere Staaten gedrängt, die bereits stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Auf ein »globales Anpassungsziel« wollen sich die Länder in den nächsten zwei Jahren einigen.

Verluste und Schäden: Wer zahlt die Zeche?

  • Erstmals schenken die Industrieländer in Glasgow dem Thema Verluste und Schäden (Loss and Damage) etwa durch Wetterextreme infolge des Klimawandels mehr Aufmerksamkeit. Die Staaten wollen einen Prozess für »technische Hilfe« auf den Weg bringen. Weil Stürme, Dürren oder Überflutungen zunehmen, wird die Frage, der Verantwortung für den Klimawandel immer präsenter. Im Pariser Abkommen haben die Staaten auf Druck der Industrieländer das Wort »Entschädigung« für Klimawandelfolgen, die historisch vor allem durch die reicheren Staaten verursacht wurden allerdings ausgeschlossen – sie wollen für die Schäden nicht haftbar gemacht werden. Deutschland, Schottland und Wallonien sind bisher die Einzigen, die konkrete Gelder dafür zugesagt haben.

Fazit: Erfolg oder Misserfolg?

Der »Klimapakt von Glasgow« ist vielleicht nicht der große Wurf, den viele gern gesehen hätten. Doch eine einzige Konferenz kann ein Menschheitsproblem nicht lösen – schon gar nicht, wenn 200 Staaten mit unterschiedlichsten Interessen beteiligt sind. Bei den technischen Details des Pariser Abkommens haben die Länder in Glasgow allerdings geliefert. Das ist nicht glamourös, aber wichtig. Die Welt hat jetzt ein Regelwerk für die weltweite Überwachung von klimaschädlichen Emissionen und kann messen, welche Länder Fortschritte im Klimaschutz machen – und welche nicht.

Damit ist noch keine Tonne CO₂ eingespart und auch die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels nicht sichergestellt. Das müssen die Regierungen nun in ihren Ländern angehen. Ob die neuen Regeln und Versprechen von Glasgow ausreichen, um Unternehmen, Anleger und Politiker auf die Transformation in eine postfossile Welt einzustimmen, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.