Klimapioniere James Hansen, der unbequeme Prophet der Erderhitzung

Er ist eine Galionsfigur der Klimaforschung, viele seiner Prognosen sind eingetroffen. Aber seine Wissenschaft war eine unbequeme – manche Forderungen vertrat er so vehement, es klickten die Handschellen.
Klimaforscher James Hansen

Klimaforscher James Hansen

Foto: [M] Sean Gallup / Getty Images

Am 23. Juni 1988 sitzt ein unscheinbarer Mann mit schütterem Haar, sorgfältigem Seitenscheitel und hellem Anzug vor dem US-Senat und redet Klartext. Mit ruhiger Stimme feuert er drei Statements auf sein Publikum ab, mit denen er Geschichte schreiben sollte:

  • »Erstens: 1988 ist es wärmer als je zuvor seit Beginn der Temperaturmessungen.«

  • »Zweitens: Die globale Erwärmung schreitet so schnell voran, dass höchstwahrscheinlich der Treibhauseffekt die Ursache ist.«

  • »Drittens: Unsere computergestützten Klimamodelle deuten darauf hin, dass der Treibhauseffekt schon heute groß genug ist, um extreme Hitzewellen zu begünstigen.«

Mit dem, was James E. Hansen da vortrug, war eigentlich das Wichtigste zur gerade erst heraufziehenden Klimakrise gesagt. Ach ja, und natürlich erwähnte der Wissenschaftler, dass mit »99-prozentiger Wahrscheinlichkeit« diese Schwankungen keine natürlichen Ursachen haben, sondern durch Treibhausgase in der Atmosphäre verursacht werden, die der Mensch freisetzt.

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Hinweise auf den anthropogenen Klimawandel hatte es auch schon Jahrzehnte vor dem Auftritt des US-Amerikaners gegeben. Aber die breite Öffentlichkeit sah damals die Erderwärmung mit einem Anstieg der Temperaturen keineswegs als bewiesen an, was auch an der geschickten Lobbyarbeit der Ölindustrie lag, wie man inzwischen weiß. Hansen verkündete die Ergebnisse aus der Klimaforschung erstmals vor US-Politikern. Nun konnte zumindest keiner dieser Leute sagen, er hätte von den Auswirkungen der massiven Kohlendioxidemissionen nichts gewusst.

Der Physiker arbeitete damals für die Nasa am Goddard Institute for Space Studies (GISS) in New York, er war bis 2013 Direktor der Institution. Aufgewachsen war Hansen mit sechs Geschwistern auf einer Farm in Iowa. Zunächst widmete er sich aber nicht den Mechanismen der Erdatmosphäre, sondern dem All, genauer der Planetenforschung. Er war beispielsweise an einem Projekt über die Venus beteiligt.

»Er war seiner Zeit bemerkenswert voraus«

Irgendwann erkannte er, dass man aus den Satellitendaten über die Atmosphären von fremden Planeten auch Erkenntnisse über unseren eigenen ziehen konnte. Ab Mitte der Siebzigerjahre bildete die Klimaforschung den Schwerpunkt seiner Arbeit, und er avancierte zu einem der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Treibhausgase. Und zu einem der ersten, die vor den Folgen der menschengemachten Erderwärmung warnten.

Einige Jahre vor seinem Auftritt vor dem Senat veröffentlichte Hansen zusammen mit fünf Kollegen eine aufsehenerregende Studie. Unter dem Titel »Klimaauswirkungen von zunehmendem Kohlendioxid in der Atmosphäre«  erschien in der Fachzeitschrift »Science« eine Prognose zum Temperaturanstieg auf der Erde. Er ging davon aus, dass sich die globalen Durchschnittstemperaturen in den Neunzigerjahren so stark erhöhen würden, dass man klar erkennen könne, dass es sich nicht um ein paar zufällige Wetterkapriolen handele, sondern dass das System Mensch dahinterstecke. Tatsächlich gelang es dem dieses Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Deutschen Klaus Hasselmann, dann diesen Nachweis auch tatsächlich zu erbringen.

Hansen erwartete, dass die globale Temperatur ab den Achtzigerjahren bis 2010 im Mittel maximal um 0,45 Grad Celsius steigen würde. Der tatsächliche Wert beträgt 0,48 Grad. »Er war seiner Zeit bemerkenswert voraus und prognostizierte die Erderwärmung, die wir drei Jahrzehnte später tatsächlich so gemessen haben«, sagt der renommierte US-Klimaforscher Michael E. Mann über ihn.

Hansen ist nicht nur wegen seiner öffentlichen Wirkung einer der bedeutenden Klimaforscher, denn in all den Jahren war die Liste seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen stets länger als die seiner Preise und Ehrungen. Seit den Sechzigerjahren hat er Jahr für Jahr meist mehrere Aufsätze in Fachzeitschriften publiziert.

Und: Der 80-Jährige hat die bis heute stark diskutierte Frage, ob Wissenschaftler sich in ihren Botschaften nur an die Wissenschaft wenden oder ob sie auch Appelle an die Öffentlichkeit oder gar Forderungen an die Politik adressieren sollten, mit einem klaren Ja beantwortet. Wissenschaft und Aktivismus sind für ihn, der seit 1985 an der Columbia University in New York eine Professur für Erd- und Umweltforschung innehat, kein Widerspruch.

Das lag wohl auch an einer Episode, die er 1989 vor einem weiteren Auftritt vor der US-Senatskommission für Energie und natürliche Ressourcen erlebte. Damals soll sein Skript vorab von Mitarbeitern der Regierungsstelle an einigen Stellen geändert worden sein – eine Handlung, die Hansen später immer wieder öffentlich anprangerte; er forderte, dass Politik jegliche Einflussnahme auf seine Forschungsergebnisse unterlassen solle. Ähnliche Versuche prangerte Hansen auch während der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush an.

Als Hansen feststellte, dass die Politik beim Thema Kohlendioxidreduktionen nicht so energisch reagierte wie zuvor beim Verbot von FCKW, das die Ozonschicht zerstört, wurde er zunehmend aktivistischer. Mit einigen Standpunkten und Forderungen eckte er auch bei manchen Kolleginnen und Kollegen an. Sein Engagement ging so weit, dass er mehrmals bei Demonstrationen für den Klimaschutz verhaftet und nicht müde wurde, den Ausstieg aus der Kohleenergie zu fordern. Was ihn dazu treibt, sich so weit vorzuwagen? »Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, was ich weiß?«, fragte Hansen einmal bei einem Vortrag.

Im Jahr 2013 betone er, dass er den Ausstieg aus der Atomkraft in einigen Ländern – darunter auch Deutschland – für einen Fehler halte. Statt sich von der Technik zu verabschieden, solle man die Entwicklung von sicheren Kraftwerken vorantreiben. Das war selbst manchen Umweltschützern zu viel. Doch zuletzt nahm auch diese Diskussion wieder an Fahrt auf. Vielleicht war Hansen auch bei diesem Thema seiner Zeit voraus.

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