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Umweltschützerin Nemonte Nenquimo Die Hüterin des Regenwaldes

Ecuadors Regierung wollte einen Teil des Regenwalds an Ölkonzerne verkaufen, in dem die indigenen Waorani wohnen. Ihre Präsidentin Nemonte Nenquimo zog dagegen vor Gericht. Mit historischem Erfolg.

»Sie kommen, um unsere Bäume zu fällen. Sie kommen, um unser Wasser zu verseuchen. Sie kommen, um unsere Lebensweise zu zerstören.«

Das sind die Worte  von Nemonte Nenquimo.

Nenquimo ist eine Frau aus der indigenen Gemeinschaft der Waorani. Und hat gerichtlich den Schutz ihrer Heimat erzwungen – den Schutz des Regenwaldes in Ecuador.

Die Waorani sind Menschen des Waldes

»Waorani« bedeutet »Menschen«. Die Menschen des Waldes leben im Osten Ecuadors, auf einem Gebiet von rund 10.000 Quadratkilometern. Diesen Dschungel bewohnen die Waorani seit Jahrhunderten. Schon lange, bevor spanische Konquistadoren das Land erreichten, bevor Holzfäller und Kautschukhersteller den Wald als Rohstoffquelle entdeckten und bevor bei internationalen Ölgesellschaften die Begehrlichkeiten wuchsen, lebte die Gemeinschaft von der Jagd, vom Fischfang und der Landwirtschaft.

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Heute ist die Heimat der Waorani nicht nur ein wichtiger Kohlenstoffspeicher, sondern auch eine der artenreichsten Regionen der Welt: Die Menschen teilen sich das Land mit mehr als 200 Säugetierarten, 600 Vogelarten, knapp 300 Fischarten und Tausenden Spezies aus der Klasse der Insekten. »Die Waorani waren schon immer Beschützer, sie haben ihr Territorium und ihre Kultur seit Tausenden von Jahren verteidigt«, sagte Nenquimo einmal der BBC .

Was ihre Vorfahren jahrhundertelang getan haben, hat sie fortgesetzt.

Hat die Regierung die Waldbewohner getäuscht?

Im Osten erstreckt sich das Siedlungsgebiet der Waorani  bis in den Nationalpark Yasuní. Doch für einen Teil im Westen interessieren sich Ölkonzerne, weil sie reiche Vorkommen im Boden vermuten. Und die Regierung des Landes hätte das Interesse der Firmen gern in Geld verwandelt.

Zu diesem Zweck wollte die ecuadorianische Regierung die Rechte, in jenem Gebiet Öl zu fördern, in einer internationalen Auktion versteigern. Im Jahr 2012 hieß es, Regierungsvertreter hätten sich mit Angehörigen der Waorani über den Verkauf von Land an Ölfirmen verständigt. Doch bald wurden Vorwürfe laut: Die Regierung habe die Waorani getäuscht und betrogen. Regierungsvertreter hätten Unterschriften der Waorani gesammelt, vorgeblich, um die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner des Gebietes zu ermitteln. Doch später seien eben jene Unterschriftenlisten als Zustimmungsbekundung der Indigenen präsentiert worden. Andere Mitglieder der indigenen Gemeinschaft seien überhaupt nicht kontaktiert worden. Die Regierung kündigte an, 180.000 Hektar Land zur Erdölförderung freizugeben.

Und Nemonte Nenquimo wehrte sich. Auf ihre Initiative hin gründeten vier Indigene Gemeinschaften aus dem Amazonasgebiet das Bündnis Alianza Ceibo , um gemeinsam für ihre Anliegen einzutreten. 2018 wählten die Waorani in der Provinz Pastaza Nenquimo zu ihrer Präsidentin. Sie organisierte Versammlungen, rief die einzelnen Gruppen zusammen und startete eine digitale Kampagne mit dem Slogan »Unser Regenwald steht nicht zum Verkauf«. Rund 380.000 Menschen aus der ganzen Welt unterschrieben die Petition, die Nenquimo ins Leben rief.

Der Kampf wird vor Gericht ausgetragen

Im Februar 2019 zog Nemonte Nenquimo vor Gericht. Unterstützt von der Organisation Amazon Frontlines  reichte sie am Provinzgericht von Pastaza Klage gegen die Regierung Ecuadors ein. Die Waorani, so lautete der Kern dieser Klage, seien nicht ausreichend in die Verhandlungen miteinbezogen worden.

Im April stand die Urteilsverkündung an. Hunderte Waorani reisten an, zum Teil mit Kanus, weil sie in Regionen des Regenwaldes leben, in denen es keine Straßen gibt. Viele der Frauen hatten sich ihr Gesicht mit einem roten Streifen um die Augen bemalt, mit der Farbe der Samen des Annattostrauchs.

Das Gericht entschied: Das Land der Waorani stehe gemäß der Verfassung unter besonderem Schutz. Indigene Gruppen hätten ein »unveräußerliches, unpfändbares und unteilbares« Recht, im Besitz ihres angestammten Landes zu bleiben. Zwar gehörten die Bodenschätze dem Staat, doch über Pläne zu einer möglichen Nutzung der Ressourcen müsse mit indigenen Gruppen verhandelt werden – und zwar fair. Der Prozess, in dem die Regierung 2012 versucht habe, die Waorani einzubeziehen, weise weitreichende Versäumnisse auf: unverständliche Kommunikation, eine grob unzureichende Zeiteinteilung, nicht berücksichtigte Übersetzungsprobleme, schlecht gestaltete Informationsmaterialien, eine falsche Berichterstattung über die Einhaltung der Vorschriften – und böse Absicht. Das Verfassungsgericht in Quito bestätigte das Urteil drei Monate später.

Der Rechtsspruch hat Symbolkraft

Mit diesem Urteil wurden 500.000 Hektar Amazonas-Regenwald und Waorani-Gebiet dauerhaft vor der Ölförderung geschützt. Und zum ersten Mal in der Geschichte Ecuadors wurde einem indigenen Volk das Recht zugesprochen, in ihrem angestammten Land zu leben – ein Präzedenzfall.

»Die Interessen der Regierung an Öl sind nicht wertvoller als unsere Rechte, unsere Wälder und unser Leben.«

Nemonte Nenquimo, Präsidentin der Waorani in Pastaza

Das »Time Magazin«  würdigte Nenquimo im vergangenen Jahr als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. Das Engagement für Naturschutz ist gefährlich und wird es immer mehr. 2020 wurden mehr Umweltschützerinnen und -schützer ermordet als je zuvor.

»Die Regierung hat versucht, unser Land ohne unsere Zustimmung an die Ölfirmen zu verkaufen. Unser Regenwald ist unser Leben. Wir entscheiden, was auf unserem Land geschieht. Wir werden unseren Regenwald niemals an die Ölkonzerne verkaufen«, sagte Nemonte Nenquimo am Tag der Urteilsverkündung . »Heute hat das Gericht anerkannt, dass das Volk der Waorani und alle indigenen Völker Rechte über unsere Gebiete haben, die respektiert werden müssen. Die Interessen der Regierung an Öl sind nicht wertvoller als unsere Rechte, unsere Wälder und unser Leben.«

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