Uno-Report 2008 lebt jeder zweite Mensch in der Stadt

Die Verstädterung der Erde schreitet unaufhaltsam voran. Im kommenden Jahr wird mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten wohnen, prognostiziert die Uno. Überraschenderweise wachsen vor allem mittelgroße Städte.


New York - 2008 werde die Stadtbevölkerung die Marke von 3,3 Milliarden Menschen erreichen, erklärten Experten des Uno-Bevölkerungsfonds UNFPA am heutigen Mittwoch im neuen Weltbevölkerungsbericht. Damit lebe jeder zweite Mensch in einer Stadt. Bereits vor einem Jahr hatte das Human Settlements Program der Uno (Habitat) eine ganz ähnliche Prognose veröffentlicht: 2007 würden 50 Prozent der Menschheit in Städten leben, hieß es im "State of the World’s Cities Report 2006/7".

Laut der neuen UNFPA-Berechnung steigt die Zahl der Städter bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf 4,9 Milliarden. Die Weltbevölkerung werde dann bei acht Milliarden Menschen liegen. Derzeit sind es etwa 6,6 Milliarden.

Das rasante Wachstum der Städte stellt vor allem die Entwicklungsländer in Afrika und Asien vor große Herausforderungen, wo 2030 voraussichtlich 70 Prozent der Weltbevölkerung leben werden. Diese Bevölkerungsexplosion werde schwer zu meistern sein, schreiben die Experten der Vereinten Nationen. "Es werden vor allem die Armen sein, die in großem Maße für das künftige städtische Wachstum sorgen werden."

Die Uno-Organisation erklärte Versuche, die Verstädterung durch Beschränkungen zu stoppen, für gescheitert. "Urbanes Wachstum findet statt", sagte UNFPA-Chefin Thoraya Obaid, "es ist unvermeidlich". Die Vertreibung von Zuwanderern vom Lande, die Zerstörung illegal errichteter Viertel oder das Abschalten von Strom und Wasser in Slums hätten "nur den Effekt, die Armut und den Verfall der Umwelt zu steigern", ohne den betroffenen Menschen eine wirtschaftliche Chance zu geben.

Die 10 größten Städte der Welt

Platz Stadt Land Einwohner (Millionen)
im Jahr 2005
1 Tokio Japan 35,3
2 Mexiko-Stadt Mexiko 19,0
3 New York/Newark USA 18,5
4 Mumbai (Bombay) Indien 18,3
4 Sao Paulo Brasilien 18,3
6 Neu-Delhi Indien 15,3
7 Kalkutta Indien 14,3
8 Buenos Aires Argentinien 13,3
9 Jakarta Indonesien 13,2
10 Shanghai China 12,7

(Alle Angaben beziehen sich auf das Jahr 2005.
Quelle: Vereinte Nationen, World Urbanization Prospects, Juni 2006)

Die Verstädterung müsse vielmehr als Chance für die wirtschaftliche Entwicklung gesehen werden, sie sei durchaus eine positive Entwicklung. "Seit Anbruch der Industrialisierung hat noch kein Land echtes Wirtschaftswachstum ohne den Ausbau seiner Städte erzielt", heißt es in dem Bericht. Slums und Kriminalität existierten, weil das urbane Wachstum schlecht gesteuert werde, sagte Obaid.

Sorgen über Folgen des Klimawandels

Auch wenn sich in den Städten oft "eine Konzentration der Armut" finde, böten sie den Menschen "auch die beste Hoffnung, aus dieser zu entkommen". In der globalisierten Welt seien die Städte am besten geeignet, "Arbeitsplätze zu schaffen und Einkommen für mehr Individuen zu erzeugen". Außerdem ermöglichten sie "ihrer ganzen Bevölkerung einen Zugang zu Infrastruktur und Dienstleistungen auf Basis relativ günstiger Kosten". Ein positiver Umgang mit der Verstädterung erfordere jedoch Langzeitstrategien, die Bereitstellung von Land für neuen Wohnraum und in vielen Fällen internationale Unterstützung.

Sorgen bereiten den Experten des Uno-Bevölkerungsprogramms die möglichen Folgen des Klimawandels. Ihren Angaben zufolge leben 13 Prozent aller Asiaten, Australier und Neuseeländer in Küstennähe und könnten von dem erwarteten Anstieg der Meere direkt betroffen sein. In Europa würden dagegen nur sieben, in Lateinamerika sechs Prozent der Bevölkerung unter dem höheren Wasserstand zu leiden haben. Im März hatten britische Wissenschaftler gewarnt, dass zwei Drittel der weltgrößten Metropolen sich in Gebieten befinden, die direkt vom Klimawandel bedroht sind.

Überraschend erleben kleinere Städte mit weniger als einer halben Million Einwohner den größten Zuwachs, berichtet der Bevölkerungsfonds UNFPA. Dagegen blieben Megacitys mit zehn Millionen und mehr Einwohnern deutlich hinter den Prognosen der siebziger Jahre zurück. Ohne die erforderlichen Maßnahmen greife die Armut in Städten noch schneller um sich als auf dem Land: Derzeit leben laut UNFPA eine Milliarde Menschen - knapp jeder siebte Erdenbürger - in einem städtischen Slum.

hda/AFP/dpa/Reuters



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