Unsichtbar Forscher entwerfen Tarnkappe

Ein Tarnmantel, der seinen Besitzer unsichtbar macht - wer hätte so etwas nicht gern im Kleiderschrank? US-Forscher haben den Traum jetzt wahrgemacht - bisher zwar nur theoretisch, aber die Herstellung des Wundermaterials soll schon bald beginnen.


Schon seit Jahrtausenden träumen die Menschen davon, einfach mal Urlaub zu machen von der schnöden Sichtbarkeit und einfach zu verschwinden - nicht wirklich natürlich, aber für die Augen der Zeitgenossen. In der Nibelungensage narrt Siegfried seine Feinde mit einer Tarnkappe, die eigentlich ein Mantel ist, der griechische Unterweltgott Hades kriegt von den Zyklopen einen unsichtbar machenden Helm, die "Fantastischen Vier" haben die Invisible Woman, und zuletzt ward Zauberlehrling Harry Potter dank eines Zauberfummels nicht mehr gesehen.

Jessica Alba als Invisible Woman im Film "Fantastic Four": Elektromagnetische Wellen müssen nur abgelenkt werden
DPA

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Jetzt haben Wissenschaftler den Traum wahr gemacht - zumindest theoretisch. In einer Studie, die in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" veröffentlicht wurde, erklären die Forscher, wie man Licht und andere elektromagnetische Wellen um das verhüllte Objekt herumlenken könnte - und es so unsichtbar macht.

"Das ist keine Science Fiction", sagt John Pendry, Physiker am Imperial College in London und einer der Autoren der Studie. "Theoretisch ist alles möglich, was Harry Potter mit seinem Umhang anstellt." Die Forscher haben deshalb schon einmal prinzipiell geklärt, welche Eigenschaften ein solcher Tarnmantel besitzen müsste.

"Der Mantel würde wirken, als ob man ein Loch im Raum geöffnet hätte", erklärte David Smith von der Duke University, Mitglied des Forscherteams. "Das Licht und alle anderen elektromagnetischen Wellen werden um den Bereich herumgeleitet und kommen auf der anderen Seite wieder hervor, als ob sie durch nichts hindurch gegangen wären" - wie Wasser, das in einem Bach einen glatten Stein umfließe.

Bisher gibt es nur ein Problem: Das für den Mantel nötige sogenannte Metamaterial kann noch nicht hergestellt werden. Schon im Jahr 2000 hat ein Team um Smith theoretisch gezeigt, dass Metamaterialien präzise Wechselwirkungen mit Licht eingehen können. Jetzt haben die Forscher nach eigenen Angaben die Eigenschaften, die das Material für seine Tarnfunktion haben müsste, erstmals mathematisch genau beschrieben.

Die Theorie selbst sei relativ einfach, sagte Smith. "Das ist nichts, was man nicht auch schon vor 50 oder 100 Jahren hätte machen können." Allerdings sei das Rechenwerk erst angesichts der heutigen technischen Fähigkeiten von Bedeutung. "Erst jetzt können wir Metamaterialien mit den Eigenschaften herstellen, die wir benötigen", so Smith. An der Duke University arbeite man bereits daran, den exotischen Stoff zu produzieren.

Smiths Kollege David Schurig hat bereits praktische Anwendungen im Sinn. Neben den offensichtlichen Einsatzmöglichkeiten beim Militär und den Geheimdiensten - die Forschung wurde zum Teil vom US-Verteidigungsministerium finanziert - seien auch eine Reihe anderer Einsatzmöglichkeiten denkbar. "Man könnte elektromagnetische Wellen an störenden Hindernissen vorbeiführen", meint der Wissenschaftler. "Zum Beispiel an einer Raffinerie, die einem den schönen Blick auf die Bucht versperrt."

Auch die Kommunikation per Funk könne man verbessern, denn Radiosignale sind ebenso wie Licht elektromagnetische Wellen. Umgekehrt könne der Tarnmantel auch als Schutzschild wirken - was wiederum all jene freuen dürfte, die sich vor Elektrosmog fürchten.

mbe/AFP

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