Schlaflabor Wenn Männer von Männern träumen

Träumen Frauen von schicker Kleidung, Männer dagegen von Sex? Im Schlaflabor bestätigt sich manches Klischee. Doch es gibt auch Überraschungen, wie Studien zeigen - zum Beispiel, dass Männer im Schlaf oft Männern begegnen.

Schlafendes Paar: Unterschiedliche Träume
Corbis

Schlafendes Paar: Unterschiedliche Träume


Eine Nacht in Michael Schredls Schlaflabor ist nicht immer angenehm. Abrupt kann der Mannheimer Schlafforscher seine Gäste aufwecken und sie dann bitten, von ihrem Traum zu erzählen. Manches Mal schlägt das Unterbewusstsein der Testschläfer dem Wissenschaftler ein Schnippchen: Seine Probanden erinnern sich an nichts. Oder sie haben schlicht davon geträumt, in einem Labor zu schlafen.

Am einfachsten ist es noch, Trauminhalte nach REM-Phasen wiederzugeben. Die Abkürzung REM steht für "Rapid Eye Movement" - das sind Schlafzyklen, in denen sich die Augen unter den geschlossenen Lidern heftig bewegen. "Das Gehirn ist in diesen Phasen ohnehin schon sehr aktiv, das macht das Erinnern leichter", erläutert der Psychologe Michael Schredl. Junge Erwachsene, die im Schlaflabor aus dem REM-Schlaf geweckt würden, könnten ausnahmslos von Träumen berichten - nach Tiefschlafphasen seien es nur 60 Prozent. Durchschnittlich aber können sich Menschen nur an etwa einen Traum pro Woche erinnern; Frauen gelingt das öfter als Männer.

Kreativer Mensch, kreativer Traum

Eine Bilanz der Mannheimer Forscher zeigt nun: Männer träumen deutlich häufiger von Aggressionen, Waffen, Sexualität und Situationen, die sich draußen abspielen. Frauen träumen mehr von Kleidung, zwischenmenschlichen Konflikten und Emotionen. Wie lässt sich das erklären?

Am Anfang steht die Frage, warum es Träume überhaupt gibt. "Die Verarbeitungsfunktion ist noch offen", sagt Schredl, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim forscht. Als gesichert gilt nur, dass das menschliche Bewusstsein nie schläft. "Es ist wie beim Herz. Das schlägt während des Schlafs auch weiter", sagt Schredl. "Das subjektive Erleben, dieser Bewusstseinsstrom, reißt nie ab."

Man könne aber auch von Dingen träumen, die man noch nie erlebt habe. "Ein Traum ist kein reines Abspulen und Zusammenwürfeln", so Schredl. Zwar sei das Ich aus dem Wachzustand zu 99 Prozent auch das Traum-Ich. Aber es gebe eben auch Abweichungen - bis hin zum Wechsel des Geschlechts und zum Verwandeln in eine Tiergestalt.

"Das hat sicher auch etwas mit der Phantasie im Wachzustand zu tun", meint Schredl. "Wer dort sehr kreativ ist, hat auch kreativere Träume." Und vielleicht gibt es auch eine methodische Fehlerquelle bei den vielen Traumberichten, die Forschern als Quellen für Analysen dienen: "Kreative Menschen sind oft auch kreativer im Aufschreiben."

Klassiker des Kopfkinos

Die Klassiker des Kopfkinos ergründeten kanadische Forscher nach ausgiebigen Befragungen - über Nationalität, Alter, Geschlecht und Kulturen hinweg:

  • Tiefes Fallen,
  • Verfolgtwerden,
  • Zuspätkommen,
  • Nacktsein,
  • Tod.

Für Schredl sind auch das Grundthemen des Wachlebens, die bei vielen Menschen eine Rolle spielen - häufig in Form von Ängsten. "Nur die Bebilderung ist individuell", sagt er. So gibt es Studien, dass Menschen mit einem höheren Bildungsgrad häufiger von Prüfungen träumen - wahrscheinlich, weil Leistung in ihrem Alltag eine größere Rolle spielt.

Noch für Sigmund Freud waren Träume der Königsweg zum Unterbewussten. Er sah darin die Maskierung von Wünschen, die im Wachleben verborgen bleiben - oft sexuelles Verlangen. Die moderne Forschung geht anders vor, auch mit Blick auf Männer und Frauen. "Früher hat man auf die Traumunterschiede geschaut", sagt Schredl. "Heute weiß man, dass Träume auch viel mit Wachunterschieden zu tun haben."

Sex-Träume

So gab es zum Beispiel nach Befragungen das auffällige Ergebnis, dass Männer häufiger von Männern träumen als von Frauen. Deuteten frühere Forscher das noch als Folge eines Freudschen Ödipus-Komplexes, sehen heutige Wissenschaftler die Personenkonstellation in Träumen in einem anderen Licht: Sie hänge viel eher mit der Zeit zusammen, die Menschen im Alltag miteinander verbringen.

So zeigte eine Studie, dass Single-Studenten in typisch männlichen Studiengängen mehr von Männern träumten als von Frauen. Lebten die Studenten jedoch in einer festen Partnerschaft, herrschte auch in ihren Träumen häufig ein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Akteuren.

Auch bei Sex-Träumen gilt der Wachzustand nun als Indikator. Da Männer am Tag generell häufiger sexuellen Phantasien nachhängen als Frauen, spiele das Verlangen auch in ihren Träumen eine größere Rolle, folgern Schlafforscher heute. Eine kleine Pilotstudie habe darüber hinaus gezeigt, dass Shoppen im Alltag von Frauen eine größere Rolle spiele als bei Männern - und wahrscheinlich auch deshalb häufiger Eingang in ihre Traumwelt finde.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa



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