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24. Juli 2007, 15:13 Uhr

Unterwasser-Expedition

Russen wollen Flagge unterm Nordpol hissen

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Der Klimawandel lässt das Eis der Arktis auftauen - und befeuert die Gier auf Öl- und Gas-Vorräte, die am Meeresgrund schlummern sollen. Russland untermauert jetzt mit einer spektakulären Aktion seine Ansprüche: Ein U-Boot soll unter dem Nordpol die russische Flagge setzen.

In der nordrussischen Hafenstadt Murmansk dümpelt das "Akademik Fjodorow" vor Anker. Das Forschungsschiff, frisch überholt und knallrot gestrichen, soll unter Führung von Kapitän Wladimir Kaloschin am heutigen Dienstag in See stechen, Kurs Nord. Die "Akademik Fjodorow" wird nach den Angaben von Kapitän Kaloschin innerhalb der nächsten zweieinhalb Monate 2000 nautische Meilen zurücklegen - das sind 3600 Kilometer -, "davon 800 Meilen durch dickes Eis", sagt Kapitän Kaloschin.

Mit an Bord bei dem Trip in die arktische Unendlichkeit: die beiden Tauchboote "Mir 1" und "Mir 2" der russischen Akademie der Wissenschaften. Die aus einer Nickel-Stahl-Legierung hergestellten Forschungs-Gefährte gehören zum Leistungsfähigsten, was Tiefseereisenden weltweit zur Verfügung steht. Die Zwillingsschiffe kamen unter anderem vor zehn Jahren bei den Dreharbeiten zu James Camerons Eismeer-Schmonzette "Titanic" zum Einsatz.

Läuft alles glatt, werden die beiden Tauchboote in wenigen Tagen Forschungsgeschichte schreiben. Zum ersten Mal sollen sie Menschen auf den Meeresboden unter dem Nordpol bringen. Und das ist alles andere als eine leichte Aufgabe, denn an der Stelle ist das für gewöhnlich eisbedeckte Nordpolarmeer rund 4100 Meter tief. Zu dem polaren Abenteuer machen sich fast 140 Menschen von Murmansk aus auf: 85 Expeditionsteilnehmer reisen mit der "Akademik Fjodorow", dazu kommen weitere 50 an Bord des Atomeisbrechers "Rossiya". Er soll dem Tauchboot-Transporter den Weg durchs arktische Treibeis bahnen - und verhindern, dass der Wiederaufstieg der beiden U-Boote am Pol durch Eisschollen behindert wird.

Gewagte Ansprüche aus dem Kreml

Mit der Forschungsreise verfolgt Russland handfeste geopolitische Interessen: Im Jahr 2001 hat die Regierung Anspruch auf den Nordpol erhoben – und auf mehr als eine Million Quadratkilometer des umgebenden Territoriums. Die Argumentation des Kremls: Der russische Kontinentalschelf setze sich bis zum Nordpol fort. Und deswegen stehe Moskau eben die staatliche Souveränität über das Gebiet zu, inklusive der dort vermuteten Öl- und Gasvorkommen.

Vermeintliches Hauptindiz der Russen ist dabei der sogenannte Lomonossow-Rücken, eine unterirdische Gebirgskette, die sich bis zu 3700 Meter über den Boden des arktischen Ozeans erhebt. Der unterseeische Rücken sei, so argumentieren die Russen, eine Fortsetzung des eurasischen Kontinents unter der Meeresoberfläche.

Wer einen Blick auf die Karte wirft, erkennt allerdings schnell, dass der russische Anspruch durchaus gewagt ist: Das zu Dänemark gehörende Grönland und die kanadische Ellesmere-Insel liegen näher am Nordpol und am Lomonossow-Rücken als das russische Festland. Sogar die Norweger können dank der weit nördlich gelegenen Inselgruppe Svalbard Ansprüche anmelden. Dänemark etwa sieht im Lomonossow-Rücken eine Fortsetzung Grönlands.

Die Rechnung beim Rennen um die arktischen Gebiete ist ganz einfach: Durch die globale Erwärmung wird in den kommenden Jahren ein großer Teil der dortigen Eismasse abschmelzen. Die arktischen Rohstoffe sind dann deutlich leichter zugänglich als bisher. Der Umstand, dass gleichzeitig viele andere Öl- und Gasvorkommen weltweit versiegen dürften, macht die Lagerstätten im hohen Norden noch attraktiver. Dazu kommen vermutete Mineral- und Diamantenvorkommen am arktischen Ozeanboden - und die Aussicht auf dramatisch kürzere Schifffahrtsrouten über einen eisfreien Nordpol.

Uno ratlos im Gebietsstreit

Eine offizielle Lösung des Gebietsstreits ist nicht in Sicht. Ein zuständiges Komitee der Vereinten Nationen konnte sich im Jahr 2002 nicht zu einer endgültigen Entscheidung durchringen. Die Seerechts-Experten gaben jedoch den Hinweis, dass zur Klärung der russischen Ansprüche weitere wissenschaftliche Erkenntnisse nötig seien. Konkret geht es dabei um die Frage, inwieweit unterirdische Gebirgszüge in der Arktis eine ähnliche geologische Zusammensetzung aufweisen wie das angrenzende Festland.

Genau hier soll die russische Expedition nun Argumentationshilfe im Sinne Moskaus liefern - mit Hilfe hochrangiger Wissenschaftler. "Der Präsident der russischen Vereinigung der Polarforscher, Artur Tschilingarow, wird sich um den Tauchgang kümmern", sagt Expeditionschef Wladimir Sokolow. Die Expedition soll sogar eine russische Fahne auf dem Ozeanboden unter dem Pol verankern. Einen Meter hoch und aus Titan soll sie die Zeiten überdauern - und den russischen Gebietsanspruch symbolisieren.

Im kommenden Jahr soll die arktische Tauchtour übrigens auch für zahlungskräftige Touristen angeboten werden - die dann einen Blick auf die Fahne am Meeresgrund werfen können. Ein Spezialreisebüro offeriert derzeit ein entsprechendes Reisepaket. Für fast 100.000 Dollar wird eine Polar-Reise an Bord des russischen Atomeisbrechers "Yamal" geboten. In der Nähe des Pols sollen dann die beiden "Mir"-Tauchboote zu Wasser gelassen werden. Leiter der Expedition ist dann Anatoli Sagalowitsch, der in dem kommenden Tagen zusammen mit Artur Tschilingarow auf die historische Tauchfahrt unter dem Pol gehen soll.

Mit Material von AP

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