Unterwasserstation Riesen-Seepferdchen soll im Atlantik treiben

Ein französischer Architekt will eine gewaltige Unterwasserstation bauen. Das 51 Meter hohe Gefährt soll senkrecht wie ein Seepferdchen im Meer schwimmen und Forschern einen einzigartigen Beobachtungsposten bieten. Auch Astronauten sollen die Station zum Training nutzen können.


"SeaOrbiter" (Modell): Riesen-Seepferdchen für Forscher
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"SeaOrbiter" (Modell): Riesen-Seepferdchen für Forscher

Jules Vernes ist für ihn ein Halbgott, U-Boote und Unterwassersiedlungen faszinieren ihn seit über drei Jahrzehnten. Jetzt will der französische Architekt Jacques Rougerie sich einen lang gehegten Traum erfüllen und eine beispiellose Mischung aus Raumfähre, Schiff und U-Boot zur Erforschung der Unterwasserwelt auf Reisen schicken. Schon in knapp drei Jahren, so hofft Rougerie, wird sein SeaOrbiter, ein futuristisches Gefährt von insgesamt 51 Meter Höhe, wie ein Riesen-Seepferdchen senkrecht durch den Atlantik treiben. "Es wird eine neue Art sein, die Unterwasserwelt zu sehen", schwärmt Rougerie - "ein Abenteuer für Forscher."

Auch 130 Jahre nach dem phantastischen Vernes-Roman "20.000 Meilen unterm Meer" sind weite Teile der Ozeane nicht erforscht. Wissenschaftler vermuten, dass sich in ihnen zahlreiche noch unbekannte Lebewesen tummeln. Bisher mussten die Forscher mit Unzulänglichkeiten kämpfen: Tauchgänge sind wegen des Sauerstoffvorrats zeitlich begrenzt, Forschungs-U-Boote klein und unbequem, die Motorengeräusche vertreiben die Tiere. Der SeaOrbiter soll dagegen still mit der Strömung treiben. Eine "Oase des Lebens" werde sich um das Gefährt bilden, verspricht Rougerie - schwimmende Gegenstände ziehen neugierige Meeresbewohner magisch an.

Ein einzigartiger Beobachtungsposten

So hofft der Visionär auf einen einzigartigen Beobachtungsplatz für Forscher. Rougerie will aber auch die breite Öffentlichkeit für die Unterwasserlandschaften begeistern - und auf die Gefahren durch Umweltverschmutzung hinweisen. Kameraaufnahmen des SeaOrbiters sollen zum Beispiel ins Internet gestellt werden. Nur ein Drittel der Forschungsstation soll über Wasser zu sehen sein, die restlichen 30 Meter ragen unter die Wasseroberfläche und werden mit Sichtfenstern ausgestattet sein. Biologen und Akustiker können sich auf aufwendig ausgestattete Labors freuen. Ferngesteuerte Kameras sollen Aufnahmen in bis zu 600 Metern Tiefe ermöglichen.

"SeaOrbiter", Architekt Jaques Rougerie: Jules Verne als Vorbild
AFP

"SeaOrbiter", Architekt Jaques Rougerie: Jules Verne als Vorbild

In Teilen des Schiffs wird der Luftdruck dem Unterwasserdruck angepasst. "Wenn die Forscher etwas Interessantes sehen, brauchen sie sich nur einen Tauchanzug überzuziehen und durch eine Schleuse ins Wasser hinauszugleiten", erläutert Rougerie. Der Hochdruckbereich bietet acht von insgesamt 18 Besatzungsmitgliedern Platz. Mehrere von ihnen sollen Astronauten sein - der SeaOrbiter sieht nicht nur aus wie ein Raumschiff, er soll auch Trainingsstation für Weltraumbesucher sein. "Im Wasser nähern sich die Bewegungen denen im All an", erläutert Rougerie. "Und der Bereich für die Astronauten kommt dem einer Raumkapsel ziemlich nahe." Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat bereits Interesse an Trainingsgängen angemeldet.

Beteiligt sind Nasa, Franzosen und Norweger

Schon jetzt ist die NASA über ihr Tiefseeforschungsprogramm NEEMO am SeaOrbit-Projekt beteiligt. NEEMO-Leiter Bill Todd gehört zu dem Team von gut 15 Mitarbeitern, das die von Rougerie vor zehn Jahren erstmals entworfene Idee vorantreibt. Beteiligt sind auch Vertreter des norwegischen Marineforschungsinstituts Marintek und des Pariser Ozeanographischen Instituts. Rougeries Büro befindet sich auf einem Schiff auf der Seine in Paris. Aber vor allem das Leben unter Wasser zog ihn immer wieder magisch an: So entwarf er schon in den siebziger Jahren Siedlungen auf dem Meeresgrund oder futuristisch anmutende U-Boote.

Dass Rougerie jetzt mit seinem SeaOrbiter an die Öffentlichkeit geht, hat einen Grund: Zur Umsetzung seines großen Traums fehlt ihm noch das Geld. 25 Millionen Euro veranschlagt der ambitionierte Architekt für den Bau des Wundergefährts und die erste Reise, die in den Golfstrom führen soll. Zwei Finanziers will er schon gefunden haben: Eine auf Unterwassertechnik spezialisierte Firma aus Marseille und den französischen Bau- und Energiekonzern Vinci. Wieviel Geld noch fehlt, wird nicht verraten. Die Planungen sollen aber bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein, dann könnte der SeaOrbiter 2008 in See stechen.

Guy Clavel, AFP



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