"Unwort des Jahres" Warum "Klimahysterie" gewonnen hat

Es ist eine Kritik an unsachlicher Kritik: Mit der Wahl des "Unworts" 2019 soll die neue Wissenschaftsfeindlichkeit angeprangert werden. Jurychefin Nina Janich erläutert die Entscheidung.
Ein Interview von Janne Kieselbach
Ein Wort gegen wissenschaftliche Fakten: "Man diskreditiert die Debatte"

Ein Wort gegen wissenschaftliche Fakten: "Man diskreditiert die Debatte"

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

SPIEGEL: Frau Janich, Sie und die anderen Jurymitglieder haben "Klimahysterie" zum "Unwort des Jahres" 2019 gewählt. Warum?

Janich: Zu den Themen Klima und Ökologie haben wir besonders viele Einsendungen erhalten. Der Begriff "Klimahysterie" erfüllt zwei unserer Auswahlkriterien sehr genau: Er führt einerseits in die Irre und andererseits diskreditiert er.

SPIEGEL: Wie tut er das?

Janich: Wenn man die Klimadebatte mit einem Wort wie Hysterie in Zusammenhang bringt, dann diskreditiert man die Debatte, indem man sie pathologisiert und wie eine kollektive Psychose behandelt. Damit werden in der Konsequenz alle, die sich für Klimaschutz engagieren, als Hysteriker abgestempelt. Irreführend ist der Begriff deshalb, weil die Klimadebatte auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse geführt wird, mit dem Wort Hysterie wird sie aber in einen Krankheitsbereich verschoben.

SPIEGEL: Hat sich die Jury einstimmig auf den diesjährigen Sieger geeinigt?

Janich: Ja, wir diskutieren immer so lange, bis wir uns alle einig sind. In diesem Fall war es mit dem ersten Platz eigentlich nicht so schwierig, weil "Klimahysterie" von einer ganzen Reihe von Jurymitgliedern favorisiert wurde.

"Es scheint einen Trend zu geben, der die Wissenschaftsfeindlichkeit zum politischen Programm macht"

SPIEGEL: Sie sagen, dass Sie zur Klimadiskussion besonders viele Einsendungen erhalten haben. Ist das ein neues Phänomen?

Janich: Die Zahl der Einsendungen zu diesem Thema war noch nie so hoch. In den zurückliegenden Jahren überwogen Vorschläge, die sich auf den rechtspopulistischen Sprachgebrauch bezogen, unter anderem im Rahmen des Migrationsdiskurses. Vor zehn bis 15 Jahren wiederum ging es stärker um ökonomische Sicherheit, es wurden also Euphemismen für Entlassungen oder Wörter wie „Low Performer“ vorgeschlagen. Was uns eingeschickt wird, hängt sehr stark davon ab, was gerade in der Gesellschaft diskutiert wird.

SPIEGEL: Können Sie sich erklären, warum gerade Erkenntnisse der Klimaforschung so starke Skepsis oder sogar Ablehnung hervorrufen, die in Begriffen wie "Klimahysterie" münden?

Janich: Wir sind davon überzeugt, dass Wissenschaftskritik geübt werden darf und geübt werden muss. Was wir hingegen kritisieren, ist die Wissenschaftsfeindlichkeit, die im diesjährigen Unwort zum Ausdruck kommt. Derzeit gibt es einen starken Trend, der die Wissenschaftsfeindlichkeit zum politischen Programm macht. Ein möglicher Grund für die starke Ablehnung klimabezogener Forschungsergebnisse könnte sein, dass wir alle in unserem Alltag unmittelbar von ihnen betroffen sind. Die Frage lautet immer: Was darf ich noch machen, was sollte ich unterlassen?

"Wir wollen eine Diskussion darüber anregen, ob solche Worte der Debatte guttun und sachlich genug sind"

SPIEGEL: Im vergangenen Jahr fiel die Wahl auf den von Alexander Dobrindt (CSU) geprägten Begriff "Anti-Abschiebe-Industrie". Sie sprachen damals in Ihrer Begründung von einem "offensichtlichen Kampfbegriff". Inwiefern trifft das auch auf das Wort "Klimahysterie" zu?

Janich: Ich glaube, es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Mit "Anti-Abschiebe-Industrie" hatten wir ein Wort, das von einem Politiker prominent verwendet wurde, um damit seine Position durchzubringen. Bei "Klimahysterie" ist der Fall anders gelagert, weil der Begriff sehr breit in Politik, Wirtschaft und Medien auftaucht. In diesem Jahr kritisieren wir eher, dass viele Menschen vielleicht gar nicht mehr genau darüber nachdenken, was sie eigentlich sagen. Wir wollen eine Diskussion darüber anregen, ob solche Worte der Debatte guttun und sachlich genug sind.

SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie mit der Wahl eines Unworts die Meinungsfreiheit beschneiden wollen. Was antworten Sie?

Janich: Diese Kritik begegnet uns oft. Aber darum geht es uns nicht. Wir fordern weder ein Verbot noch eine Zensur. Ich glaube, "Dönermorde" ist das einzige Wort, das nach unserer Kritik nicht mehr verwendet wurde. Stattdessen wollen wir Diskussionen und Sprachreflexion anregen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass derjenige, der in der Öffentlichkeit kommuniziert, eine große Verantwortung dafür trägt, wie er kommuniziert.

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