Uralt-Observatorium Buddeln im Zentrum des Himmelskults

Forscher haben das älteste Observatorium Europas rekonstruiert: Der Sakralbau war wohl nur Auserwählten zugänglich. Bis 2007 wollen Archäologen die Kultstätte bei Goseck freilegen, die Fortschritte lassen sich per Webcam verfolgen.
Luftbild der Gosecker Anlage: Monumentales Erdwerk

Luftbild der Gosecker Anlage: Monumentales Erdwerk

Foto: AP/ Landesamt für Archäologie
Ausgrabungsgelände: Einblicke in die Welt der ersten Bauern Europas

Ausgrabungsgelände: Einblicke in die Welt der ersten Bauern Europas

Foto: DPA
Suche nach Scherben: Buddeln bis 2007

Suche nach Scherben: Buddeln bis 2007

Foto: AP
Keramikfundstücke: Geschätzte 7000 Jahre alt

Keramikfundstücke: Geschätzte 7000 Jahre alt

Foto: DPA




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Verschlafen liegt das kleine Örtchen Goseck im sachsen-anhaltischen Landkreis Weißenfels da, auch hier treibt die Hitze die Menschen in den Schatten. Nichts deutet darauf hin, dass in der Nähe eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen aller Zeiten gemacht wurde: Luftbildaufnahmen halfen, das älteste Sonnenobservatorium Europas zu finden.

Auf rund 7000 Jahre schätzt François Bertemes von der Universität Halle-Wittenberg das Alter der Anlage. "Sie ist eines der frühesten Heiligtümer, die in Mitteleuropa entdeckt wurden", beschreibt er die Bedeutung des Fundes. Doch nicht nur ihr Alter macht die Anlage einzigartig: Während die etwa 180 Kreisgrabenanlagen, die man in Mitteleuropa kennt, zumeist vier Tore hatten, weist die Gosecker Anlage drei Tore auf.

Dass dies kein Zufall ist, konnte Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum nachweisen. Der Astronomie-Experte zeigte auf, dass die südlichen Tore exakt den Sonnenauf- und -untergang zur Wintersonnenwende markieren. Dennoch macht er deutlich: "Es handelt sich hierbei nicht um ein Kalenderbauwerk, sondern es ist eindeutig ein Sakralbau." Bertemes pflichtet ihm bei: "Solche Kultstätten waren Zentren des religiösen und gesellschaftlichen Lebens."

Dennoch hatten die Anlagen auch einen wissenschaftlichen Zweck: die Beobachtung astronomischer Phänomene. Die monumentale Gosecker Anlage errichteten frühe bäuerliche Gemeinschaften bereits 3000 Jahre vor der letzten Ausbaustufe des englischen Stonehenge. Auch aus einem anderen Grund hat der Fund besondere Bedeutung: "Der Aufbau der Anlage, ihre Ausrichtung und die Markierung der Wintersonnenwende lässt sich auf der inzwischen weltberühmten Himmelsscheibe von Nebra wiederfinden - allerdings entstand die etwa 2400 Jahre später", so Schlosser. Für ihn ein Zeichen der Kontinuität, mit der die damaligen Menschen die Gestirne beobachteten.

Nach der Entdeckung auf Luftaufnahmen von 1999 begannen die ersten Ausgrabungen im vergangenen Jahr. Da die Arbeiten als Lehrgrabungen für Studenten der Universität Halle-Wittenberg und der Bergakademie Freiberg angelegt sind, kann immer nur wenige Wochen im Jahr gebuddelt werden. In diesem Sommer sind noch bis Ende August rund 30 Studenten bei den Grabungen dabei, im kommenden Jahr sollen zehn Studenten der US-amerikanischen University of California in Berkeley hinzukommen.

Schon jetzt wissen die Forscher auf Grund einer Rekonstruktion, wie die Anlage in Goseck vor 7000 Jahren aussah: Sie hatte einen Kreisgraben von rund 75 Metern Durchmesser, der im Inneren mit zwei übermannshohen Palisaden gleichsam noch einmal nachgezogen war. Der Außenring war von drei aufwendig gestalteten Tore druchbrochen, die Durchgänge in den hölzernen Palisaden waren dagegen eng. "Im Inneren der Anlage durften sich vermutlich nur einzelne Menschen aufhalten, während das Volk vor den Toren lauschte, was sich im Zentrum tat", so Bertemes.

In der Anlage könnten demnach religiöse Zeremonien stattgefunden haben. Die Wissenschaftler sind sich nach den Entdeckungen von Nebra und Goseck sicher, dass es bereits für die ersten agrarisch geprägten Gesellschaften Europas von größter Bedeutung war, markante Fixpunkte der Jahreszyklen festzulegen. Zudem zeigen sowohl die Gosecker Kreisgrabenanlage als auch die Himmelscheibe von Nebra, dass astronomisches Wissen von Anfang an mit mythologischen Vorstellungen verknüpft war. Dadurch gewähren beide Funde Einblicke in die geistig-religiöse Welt der ersten Bauern Europas.

Dass sie das Entstehungsdatum der Gosecker Anlage so genau festlegen konnten, verdanken die Archäologen Fundstücken auf dem Gelände. So entdeckten sie Material aus der frühen stichbandkeramischen Kultur, die mit großer Sicherheit in die Zeit zwischen 5000 und 4800 vor Christus eingeordnet werden kann. Damit steht für sie auch fest, dass Goseck das älteste zweifelsfrei nachgewiesene Sonnenobservatorium Europas ist. So steht die Anlage am Anfang einer Reihe vergleichbarer gewaltiger Erdwerke der europäischen Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit.

Für den Landrat des Landkreises Weißenfels, Rüdiger Erben, haben sich aus der Entdeckung der Gosecker Anlage eher unwissenschaftliche Möglichkeiten ergeben. Er könnte sich vorstellen, dass die Anlage zu einem "Mekka für Hobbyarchäologen und -astronomen" werden könnte. Auch Bertemes denkt über den Tag hinaus: Bis 2007 sollen die Ausgrabungsarbeiten abgeschlossen sein, danach könnte er sich eine vollständige Rekonstruktion einschließlich der Palisaden gut vorstellen. Den Weg dorthin können Interessierte im Internet verfolgen: Auf einer Webseite  der Universität Halle-Wittenberg sollen Bilder direkt von der Ausgrabungsstätte übertragen werden.

Von Jörg Aberger, AP

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