Uralte Inschrift Ältester Hinweis auf Jesus entdeckt?

Das älteste Indiz dafür, dass Jesus gelebt hat, will ein Gelehrter auf einem fast 2000 Jahre alten Gebeinkasten entziffert haben. Die Totenkiste soll einem direkten Verwandten gehört haben.


Antiker Ossuar: Ältester Hinweis auf Jesus?
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Antiker Ossuar: Ältester Hinweis auf Jesus?

Eine Kiste aus Kalkstein ist einem französischen Wissenschaftler zufolge vermutlich der älteste Hinweis darauf, dass es sich bei Jesus tatsächlich um eine historische Person handelt. Der etwa einen halben Meter lange Gebeinkasten, ein so genannter Ossuar, trägt demnach die aramäische Inschrift "Jakob, Sohn des Joseph, Bruder von Jesus". Allerdings äußerten Fachleute bereits Zweifel an der Authentizität der Steintruhe.

André Lemaire, ein Experte für antike Inschriften von der Pariser Sorbonne-Universität, datiert den Ossuar etwa auf das Jahr 63 nach Christus. Nach Ansicht des Forschers spricht alles dafür, dass die Zeichen authentisch sind und nicht etwa nachträglich eingeritzt wurden. So sei ein Schriftstil benutzt worden, der in der Zeit von 10 bis 70 nach Christus gebräuchlich war. Die Ergebnisse seiner Untersuchung stellt Lemaire in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Biblical Archaeology Review" vor.

Inschrift auf dem Ossuar: "Jakob, Sohn des Joseph, Bruder von Jesus"
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Inschrift auf dem Ossuar: "Jakob, Sohn des Joseph, Bruder von Jesus"

Labortests israelischer Geologen zeigen der Zeitschrift zufolge, dass der Kalkstein des Gebeinkastens aus der Gegend von Jerusalem stammt. Die Patina auf der Oberfläche entspreche den Ablagerungen, die im Verlauf von Jahrhunderten in Höhlen entstehen. Außerdem fanden die Experten, so das Magazin, auf dem Ossuar keinerlei Spuren moderner Einwirkungen, die auf eine Fälschung hindeuten könnten.

Die Praxis der frühen Christen, die Knochen der Toten nach einiger Zeit aus der Grabhöhle in einen Ossuar umzubetten, ist nach Angaben des Magazins im ersten Jahrhundert nach Christus aufgekommen. Allerdings sei sie nach der Zerstörung des Jüdischen Tempels 70 nach Christus aus ungeklärten Gründen wieder weitgehend aufgegeben worden.

"Der Jakob-Ossuar könnte sich als der wichtigste Fund in der Geschichte der neutestamentarischen Archäologie erweisen", sagt Hershel Shanks, Redakteur von "Biblical Archaeology Review". "Er hat nicht nur Bedeutung für die Forschung, sondern auch für unser Verständnis der Bibel." Als älteste Schriftzeugnisse, die den Namen Jesus erwähnten, galten bislang Papyrusfragmente.

Es gibt unter Experten aber auch Zweifel daran, ob der Ossuar die Knochen jenes Jakobs enthielt, der einem zeitgenössischen Historiker zufolge im Jahr 62 nach Christus zu Tode gesteinigt wurde. Denn über die Herkunft des Fundes ist wenig bekannt: Ein israelischer Sammler hatte den leeren Gebeinkasten vor 15 Jahren bei einem Antiquitätenhändler in Jerusalem gekauft. Der Besitzer, der anonym bleiben möchte, erkannte die mögliche Bedeutung der Totenkiste erst, nachdem Lemaire sie in diesem Frühjahr untersucht hatte.

Zudem waren alle drei auf dem Gebeinkasten erwähnten Namen im Jerusalem dieser Zeit sehr verbreitet. Lemaire hat jedoch berechnet, dass damals von geschätzten 80.000 Jakobs in der Stadt nur rund 20 einen Vater namens Joseph und einen Bruder Jesus gehabt haben können. Zudem sei es äußerst ungewöhnlich, dass auf dem Ossuar auch der Bruder genannt werde - dies spreche dafür, dass der erwähnte Jesus eine berühmte Person gewesen sein müsse.

Doch auch wenn Lemaire es auf einer Pressekonferenz als "sehr wahrscheinlich" bezeichnete, dass der Gebeinkasten tatsächlich die Knochen des Jesus-Bruders enthielt, bleiben einige Fachleute skeptisch. "Das große Problem ist", sagt Joseph Fitzmyer von der Catholic University of America, "dass wir wissen müssen, ob es sich bei dem erwähnten Jesus um Jesus von Nazareth handelt." Das aber, so der Theologe, "kann niemand beweisen."



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