Uri-Geller-Show Deutschlands nächster Löffelbieger

Von

2. Teil: Übersinnliche Fähigkeiten oder billige Tricks? Wie professionelle Magier und Wissenschaftler versuchen, dem Phänomen Uri Geller auf die Schliche zu kommen


Auch professionelle Zauberkünstler haben Gellers Fähigkeiten wiederholt angezweifelt: Seine angeblich übersinnlichen Fähigkeiten basierten auf nichts als einfachen Magiertricks. Uhren etwa würden nach dem Schütteln und unter heißen Studio-Scheinwerfern wieder ihren Betrieb aufnehmen. Auch der Löffelverbiegetrick beruhe auf der vorherigen Manipulation des Gegenstands. An der Spitze der Kritiker: James Randi, der in ebenfalls auf YouTube verbreiteten Videos Gellers Tricks zerpflückt. Mehrmals hat Geller den kanadischen Bühnenmagier verklagt, jedes Mal scheiterte er.

Zwischendurch gibt sich Geller demonstrativ gelassen: "Jeder Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, wird angegriffen. Ich habe über die Jahre gelernt, dass es nichts publicitywirksameres gibt als schlechte Publicity."

Umstrittener "Nature"-Artikel über Geller

Die Wissenschaft versucht derweil seit mehr als 70 Jahren, den sogenannten Psi-Phänomenen wie Telepathie und Telekinese auf die Spur zu kommen - zunächst mit statistischen Experimenten, angefangen in den dreißiger Jahren mit dem berühmten Kartenspiel-Versuch des Biologen Joseph Banks Rhine. Die Logik dahinter: Lässt man Probanden verdeckte Karten ausreichend oft erraten, kann die Abweichung von der mathematischen Zufallsverteilung die Existenz eines übersinnlichen Einflusses beweisen.

Als Gellers Karriere in den siebziger Jahren begann, herrschte tiefster Kalter Krieg. Nicht nur sowjetische und US-Militärs ließen ernsthaft mögliche praktische Anwendungen von übersinnlichen Phänomenen wie Telekinese, Hellseherei oder Gedankenübertragung prüfen. Auch zivile Forscher beschäftigten sich mit der Frage, ob es eine physikalische Erklärung für Geisteskräfte gibt, die Menschen ferne Orte sehen oder Gegenstände bewegen lässt.

In Gellers Fall gipfelte dies in einem Fachartikel im altehrwürdigen Wissenschaftsmagazin "Nature", erschienen im Oktober 1974. Russel Targ und Harold Puthoff vom renommierten Stanford Research Institute ließen Geller eine Reihe von Laborexperimenten durchführen. So musste Geller etwa Zeichnungen auf für ihn unsichtbaren Zetteln oder Begriffe erraten, welche die Forscher zufällig aus einem Lexikon gepickt hatten. Targ und Puthoff schlossen Geller gar an ein EEG-Gerät an, um herauszufinden, ob mit Hirnströmen Informationen übertragen könnten.

Kanal für geheimnisvolle Wahrnehmungen

Das Fazit des Forscherduos war durchaus mutig: "Es gibt einen Kanal, über den mittels einer bisher unbekannten Art der Wahrnehmung Informationen über einen entfernten Ort empfangen werden können." Allerdings sei die Übertragung "unvollkommen", das Signal verrauscht - "wie bei allen biologischen Systemen", bemerkten die Wissenschaftler. Dennoch bewege sich die Übertragung auf dem "Niveau einer verwendbaren Informationsübertragung".

Die "Nature"-Redaktion war weit zurückhaltender und begleitete die Veröffentlichung des Geller-Artikels mit einem beinahe entschuldigenden Kommentar. Targs und Puthoffs Arbeit sei "schwach in der Konzeption und Darstellung", hieß es. Die Angaben über das Design der Experimente seien "beunruhigend vage", manche Methoden - etwa das zufällige Aufschlagen eines Lexikons - "naiv". Die drei unabhängigen Experten, die den Artikel für das Magazin begutachtet hatten, seien uneins darüber gewesen, ob der Artikel überhaupt veröffentlicht werden sollte.

Man habe sich dennoch dazu entschlossen, weil auch Kontroverses in der Wissenschaft seinen Platz haben müsse, so der "Nature"-Kommentar. Für Geller war die Untersuchung dennoch wenig schmeichelhaft: "Entgegen weit verbreiteter Gerüchte liefert der Artikel keinerlei Beweise für Gellers angebliche Fähigkeit, Metall durch Streicheln zu verbiegen, Magneten auf Distanz zu beeinflussen oder Uhren mit Hilfe irgendeiner psychokinetischen Kraft anzuhalten oder laufen zu lassen", warnte die "Nature"-Redaktion.

Lösung durch verallgemeinerte Quantentheorie?

Rückblickend war die Entscheidung zur Veröffentlichung wohl richtig, denn eines der erklärten Ziele - der Erforschung des Paranormalen Impulse zu geben - scheint aufgegangen zu sein. In den vergangenen 20 Jahren habe die Wissenschaft deutliche Fortschritte gemacht, sagt Walter von Lucadou, Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. "Rhine hat im Nebel gestochert, weil er gar nicht wusste, was er überhaupt erforscht", sagt Lucadou im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Inzwischen führe man nicht nur statistische, sondern von Theorien geleitete Experimente durch.

So haben die beiden Physiker Harald Atmanspacher und Hartmann Römer die sogenannte Generalisierte Quantentheorie ("Weak Quantum Theory") entwickelt. Die beiden Forscher haben die klassische Quantenmechanik, die die Welt im Allerkleinsten beschreibt, verallgemeinert - so dass sie sich auch außerhalb der Quantenwelt anwenden lässt.

Auf diese Art könne man durchaus zu einem besseren Verständnis psychologischer Prozesse kommen, meint der Physiker und Psychologe Lucadou. Vielleicht könne man sogar eines Tages enträtseln, ob physikalisch greifbare Prozesse hinter Vorgängen wie Telepathie und Telekinese stehen. "In Ansätzen weiß man, wovon man redet", sagt Lucadou. "Aber es ist wichtig, vom übersinnlichen Quatsch wegzukommen." Uri Geller kenne er sogar persönlich. "Er ist ein guter Bühnenmagier und ein charmantes Schlitzohr." Aber mit echten Psi-Phänomenen habe Gellers Tun nichts zu tun.

ProSieben ist nun drauf und dran, alles noch schlimmer zu machen. Denn die Suche nach dem nächsten Uri Geller bedeutet keineswegs, dass der jetzige abtritt. "Auch nach der Show werde ich mich nicht in den Ruhestand begeben", sagte Geller. Das bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass es nach der letzten Folge zwei Uri Gellers geben wird.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.