Urmensch-Denken Das verfluchte Erbe der Steinzeit

2. Teil: Von Brüdern, Schwestern und "la famiglia"


Der Ruf der Kultur hingegen reicht noch etwas weiter. Schon manche Tiere reagieren auf Reize bloß scheinbarer Verwandtschaft. Wenn Vogeleltern alles als Nachwuchs identifizieren, was im eigenen Nest hockt, das Maul aufreißt und einen bestimmten Bettelruf ausstößt, dann ziehen sie auch den Kuckuck auf. Die Anerkennung als Vogel-Mutter kann man sich, wie wir von Konrad Lorenz und der Graugans wissen, sogar als Mensch zuziehen. Beim Menschen, so dürfen wir annehmen, ist es vor allem die frühe Vertrautheit, die als Symptom von Verwandtschaft verarbeitet wird und auch den Bereich von Nachbarschaft und Heimat mit Verwandtschaftsvalenzen verknüpft. Vor allem aber sind es die sprachlich-symbolischen Ordnungen der kulturellen Zwischenwelten, die zwischen den vielfältigen Umwelten der Menschen und ihrem evolvierten Nervensystem vermitteln.

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Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Sattsam bekannt sind die diversen Brüder und Schwestern politischer wie religiöser Art. Mittelalterliche Lehensverhältnisse wurden als Verwandtschaftsverhältnisse konzipiert ebenso das neuzeitliche Verhältnis zwischen Herrscher und Volk, selbst demokratisch gewählte Ministerpräsidenten werden gern als Landesväter tituliert, und die Gattin wird dann auch noch zur Landesmutter ernannt. Auch die Gemeinschaftsrhetorik, in der Gemeinschaft der Gesellschaft gegenübergestellt wird, setzt letztlich Verwandtschaft gegen den Rest der Welt. Die Mitglieder von Protektionskartellen sehen sich als Familienmitglieder, und auch die Mafia versteht sich als "famiglia".

Wahrscheinlich ist homo sapiens nur deshalb fähig, solch riesige Rudel von einander unbekannten Individuen leidlich konfliktlos interagieren zu lassen, weil er sie seinem Nervensystem als entfernte Verwandte anbietet, die, wenn nicht unterstützt, so doch zumindest geschont werden müssen. Wie belastbar solche Konstruktionen sind, ist eine andere Frage, und dass jede kulturelle Verbrüderung nur um den Preis einer Innen-Außen-Differenzierung zu bekommen ist, dass also auch urtümliche Feindattrappen durch kulturelle Definitionen aktiviert werden können, soll hier nur vermerkt, weiter nicht erörtert werden. Das Projekt: "Alle Menschen werden Brüder", oder Schwestern, oder auch nur Vettern und Basen, ist möglicherweise etwas "überspannt".

Möglich ist eine solche Ausweitung durch etwas, das man als Signifikanten-Shifting bezeichnen könnte. Erst im Medium der Sprache ist es möglich, dem Nervensystem Sachverhalte als angemessen anzubieten, für die es eigentlich nicht gemacht war. Insbesondere die Urmetaphern können dabei die vielfältigsten Bereiche strukturieren. Ein Musterfall solcher Verwendungsvielfalt ist die Metapher von der Wiedervereinigung.

Die Wiedervereinigung als Schema der Situationsdeutung ist von hohem Überlebenswert, sogar noch weit vor der Entstehung des Menschen. Ein Tier, das sein Rudel verloren hat, muss dringend den Anschluss wiederfinden, wenn es überleben will. Auch wenn Lebewesen sich freiwillig aufgemacht haben, um anderswo Glück oder Futter zu suchen, werden sie angetrieben von der Hoffnung, wieder heimzukehren oder ein neues Rudel zu finden. Wiedervereinigung dürfte demnach ein angeborenes kognitives Strukturierungsschema sein, eine angeborene 'Gestalt', mit der wir unsere Lebenssituationen zwischen 'nicht mehr' und 'noch nicht' ansiedeln und als hoffnungsvoll wahrnehmen können. Eingesetzt wird diese 'Gestalt' in den heterogensten Lebensbereichen.

Die getrennten Liebenden ersehnen die Wiedervereinigung in der Literatur und im wirklichen Leben, die Hegelsche Geschichtsphilosophie und ihre idealistischen Vettern träumen gar von der Rückkehr Gottes zu sich selbst, die christliche Religion hat den tröstlichen Gedanken einer Wiederkunft des Erlösers, die Politik kennt den Gedanken ja nicht nur in der deutschen Geschichte - auch die Eroberungen Ludwigs XIV. traten als Réunions auf, die Volksrepublik China brennt vor Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit Taiwan (denn alle Chinesen sind ja eine große Familie ...), sogar Fakultäten wurden schon mit Unterstützung des Wiedervereinigungsgedankens zusammengelegt, und dass die christlichen Kirchen die diversen Schismen überwinden sollen, hört man auch immer wieder. Und klingt Kernfusion nicht viel einschmeichelnder als Kernspaltung?

Wiedervereinigung ist wie Gleichgewicht oder Verwandtschaft eine Formel, die weiteres Argumentieren erübrigt. Solche Urmetaphern übertragen die Qualität fragloser Positivbewertung aus der Welt altsteinzeitlicher Reiz-Reaktionskonstellationen in völlig andere Lebensbereiche und schaffen dort Tabus - entsprechend heftig können die Reaktionen ausfallen, wenn man sie in Frage stellt.

Es gibt noch ein Fülle weiterer ererbter Denk- und Empfindungstendenzen, die sich erfolgreichem Handeln unter Steinzeit-Bedingungen verdanken: Die Neigung zu monokausalem Denken, zur Freund-Feind-Schematisierung, zu Intentions- und Zweckunterstellungen, Pauschalurteilen usw. Sie entfalten ihre Wirkung hinter unserem Rücken. Deshalb wäre es zu wünschen, dass sie unter strenge Beobachtung gestellt und einer systematischen biologischen Ideologiekritik unterzogen werden.



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