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27. April 2009, 14:09 Uhr

Urmensch-Denken

Das verfluchte Erbe der Steinzeit

Der Mensch hat im Laufe der Evolution viel gelernt - nicht alles erweist sich heutzutage als nützlich. Freund-Feind-Schemata und Pauschalisieren, das Suchen nach Mustern und monokausalen Zusammenhängen - der Literaturwissenschaftler Karl Eibl warnt vor den Gefahren dieses Steinzeit-Erbes.

Nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere geistige Grundausstattung stammt aus der Altsteinzeit. Dass wir gleichwohl in Millionenstädten leben, die Weltmeere kreuzen, Fabriken betreiben und Massenvernichtungswaffen bauen können, verdanken wir der Menschensprache. Sie befähigt uns nicht nur, Gefühle und Wünsche zu äußern, sondern auch künstliche Welten zu konstruieren - Kulturen, in denen Erfahrungen gespeichert und weitergegeben werden und die unsere alten Verhaltensprogramme auf neue Motive und Ziele abstimmen können.

Rekonstruktion eines Neanderthalers: Kultur etabliert eine sprachgezeugte Zwischenwelt
DPA

Rekonstruktion eines Neanderthalers: Kultur etabliert eine sprachgezeugte Zwischenwelt

Es lohnt, diese alten Baumaterialien kritisch zu beobachten, denn sie bilden die Basis der Leistungen und Fehlleistungen des Kulturwesens Mensch. Dabei geht es nicht nur um Aggression und Herrschaft, Hunger und sexuelles Begehren, die traditionellerweise den "Trieben" oder "Instinkten" zugeschrieben werden, sondern auch um Vorgaben der Weltdeutung und des Argumentierens, also die kognitive Ausstattung.

Josef H. Reichholf hat das Konzept des Gleichgewichts kritisch unter die Lupe genommen. Dem wurde teilweise so heftig widersprochen, dass man sich unwillkürlich fragt, welche unausgesprochenen Beweggründe hier am Werk sind. Reichholf hatte dargelegt, dass sich hinter der Gleichgewichts-Metapher eine Variante des naturalistischen Fehlschlusses verbirgt, also eines fehlerhaften logischen Manövers, mit dem man aus Tatsachen-Befunden normative Wertungen ableitet. Mit dem Begriff des Gleichgewichts soll nämlich ein bestimmter Zustand eines Ökosystems beschrieben und zugleich als Norm festgehalten werden.

Reichholf zeigt, dass dieser Gebrauch der Gleichgewichtsmetapher doppelt unbefriedigend ist. Erstens finden wir nirgends auf der Erde, wo Menschen hausen, so etwas wie ein 'natürliches' Gleichgewicht. Wer trotzdem so etwas fordert, versucht seinem eigenen Wunsch (der im übrigen durchaus berechtigt sein mag) die Autorität des 'Natürlichen' zu verschaffen. Und zweitens sind erstrebenswerte Gleichgewichtszustande eher die Ausnahme. Vollkommenes Gleichgewicht wäre Entropie und Tod. Gerade die Ungleichgewichte sind es, die das Leben erhalten; jeder Morgen, an dem die Sonne aufgeht, bringt ein gewaltiges Energiegefälle und damit einen gewaltigen Schub Ungleichgewicht in die Welt.

Aber weshalb fordert niemand biologisches Ungleichgewicht, sondern spricht lieber auch da von Gleichgewicht, wo gar kein "Gewicht" in einem wörtlichen Sinn auszumachen ist? Das Gleichgewicht der europäischen Mächte galt im 18. und 19. Jahrhundert als wünschenswert, sogar das Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg im 20., das humorale Gleichgewicht war für die alteuropäische Säftelehre sehr wichtig und ist es auch für die derzeitigen Ayurveda-Praktiken. Ökonomen halten ein Marktgleichgewicht für wünschenswert, Therapeuten das innere Gleichgewicht (vielleicht als Yin-Yang), beim Fotomaterial soll das Farbengleichgewicht stimmen und für jede Art von Komposition (musikalisch, bildnerisch, im Design ...) ist das Gleichgewicht eine wichtige Größe. "Gleichgewicht" (Balance, Homöostase usw.) ist offenbar in besonderem Maße geeignet, einen wünschenswerten Zustand zu bezeichnen. Was macht die Gleichgewichts-Metapher so attraktiv?

Die Gleichgewichtsmetapher gehört zur Klasse der Urmetaphern. Urmetaphern machen für die Plausibilisierung ihrer Botschaft genetische Dispositionen nutzbar, die sich vor Urzeiten in unsere Weltwahrnehmung eingegraben haben, weil sie das Überleben und die Reproduktion förderten. Wenn jemand das Gleichgewicht verliert, ist das ein äußerst gefährlicher Zustand. Jeder aufrechtstehende oder -gehende Organismus ist fortwährend damit beschäftigt, sein Gleichgewicht zu bewahren. Das gilt ganz besonders für den Zweibeiner. Entsprechend ist unsere Aufmerksamkeit unentwegt und ganz unbewusst auf Gleichgewicht gerichtet.

Auch die Dinge um uns herum - Felsen, Bäume, Stege, Hütten usw. - müssen beobachtet werden, damit wir sie im Gleichgewicht halten oder uns rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Eine der unheimlichsten Katastrophen, die uns zustoßen können, ist das Erdbeben. Wer besser auf das Gleichgewicht achtete, hatte bessere Überlebens- und Reproduktionschancen und hat damit auch seine Achtsamkeit besser an Nachkommen weitergegeben. Auf dieser Grundaufmerksamkeit können dann überzeugende gemeinsame Welt-Entwürfe aufbauen. Wenn aber jemand diese Basis in Frage stellt, dann schrillt sogleich die Alarmglocke. Geschieht das gar noch im Zusammenhang einer wichtigen Angelegenheit, dann erscheint er schnell als einer, dem man auch andere Greuel zutrauen kann.

Metaphern entstehen erst mit der Sprache, und erst im Zustand der Kultur können sie ihre weltstrukturierende Wirkung entfalten. Kultur etabliert eine sprachgezeugte Zwischenwelt, die als eine Art Interface zwischen unseren alten, für sich genommen relativ starren Verhaltensprogrammen und den verschiedenen und wechselnden Problemen fungiert, die wir lösen müssen. Ihr wichtigster Mechanismus ist die Umdeutung von Auslösern. Das kann ungemein produktiv sein. Als Beispiel dient die Urmetapher 'Verwandtschaft'. Die Soziobiologie hat unter den Stichwörtern 'kin selection' und 'inclusive fitness' aufgezeigt, dass es unter den Lebewesen eine Art von natürlichem Altruismus gibt, nämlich dann, wenn es um das Wohlergehen der eigenen Verwandtschaft geht.

Grundlage dafür ist, dass verwandte Organismen eine ähnliche genetische Ausstattung haben. Wenn wir (oder irgendwelche Insekten) einem Verwandten helfen, dann begünstigen wir damit die Reproduktion unserer eigenen Gene, unter anderem auch jener, die uns zur Begünstigung unserer Verwandten veranlassen. Keine Säugetiermutter würde die Mühe auf sich nehmen, ein Kind großzuziehen, wenn sie nicht durch ihre genetische Ausstattung dazu gezwungen würde. Und von Menschenmüttern wissen wir, dass ihnen das gelegentlich sogar Freude macht. Aber auch unsere Geschwister, unsere Vettern und Basen, Nichten und Neffen teilen die Gene mit uns: Wer Vetternwirtschaft betreibt, folgt sozusagen dem Ruf der Natur.

Von Brüdern, Schwestern und "la famiglia"

Der Ruf der Kultur hingegen reicht noch etwas weiter. Schon manche Tiere reagieren auf Reize bloß scheinbarer Verwandtschaft. Wenn Vogeleltern alles als Nachwuchs identifizieren, was im eigenen Nest hockt, das Maul aufreißt und einen bestimmten Bettelruf ausstößt, dann ziehen sie auch den Kuckuck auf. Die Anerkennung als Vogel-Mutter kann man sich, wie wir von Konrad Lorenz und der Graugans wissen, sogar als Mensch zuziehen. Beim Menschen, so dürfen wir annehmen, ist es vor allem die frühe Vertrautheit, die als Symptom von Verwandtschaft verarbeitet wird und auch den Bereich von Nachbarschaft und Heimat mit Verwandtschaftsvalenzen verknüpft. Vor allem aber sind es die sprachlich-symbolischen Ordnungen der kulturellen Zwischenwelten, die zwischen den vielfältigen Umwelten der Menschen und ihrem evolvierten Nervensystem vermitteln.

Sattsam bekannt sind die diversen Brüder und Schwestern politischer wie religiöser Art. Mittelalterliche Lehensverhältnisse wurden als Verwandtschaftsverhältnisse konzipiert ebenso das neuzeitliche Verhältnis zwischen Herrscher und Volk, selbst demokratisch gewählte Ministerpräsidenten werden gern als Landesväter tituliert, und die Gattin wird dann auch noch zur Landesmutter ernannt. Auch die Gemeinschaftsrhetorik, in der Gemeinschaft der Gesellschaft gegenübergestellt wird, setzt letztlich Verwandtschaft gegen den Rest der Welt. Die Mitglieder von Protektionskartellen sehen sich als Familienmitglieder, und auch die Mafia versteht sich als "famiglia".

Wahrscheinlich ist homo sapiens nur deshalb fähig, solch riesige Rudel von einander unbekannten Individuen leidlich konfliktlos interagieren zu lassen, weil er sie seinem Nervensystem als entfernte Verwandte anbietet, die, wenn nicht unterstützt, so doch zumindest geschont werden müssen. Wie belastbar solche Konstruktionen sind, ist eine andere Frage, und dass jede kulturelle Verbrüderung nur um den Preis einer Innen-Außen-Differenzierung zu bekommen ist, dass also auch urtümliche Feindattrappen durch kulturelle Definitionen aktiviert werden können, soll hier nur vermerkt, weiter nicht erörtert werden. Das Projekt: "Alle Menschen werden Brüder", oder Schwestern, oder auch nur Vettern und Basen, ist möglicherweise etwas "überspannt".

Möglich ist eine solche Ausweitung durch etwas, das man als Signifikanten-Shifting bezeichnen könnte. Erst im Medium der Sprache ist es möglich, dem Nervensystem Sachverhalte als angemessen anzubieten, für die es eigentlich nicht gemacht war. Insbesondere die Urmetaphern können dabei die vielfältigsten Bereiche strukturieren. Ein Musterfall solcher Verwendungsvielfalt ist die Metapher von der Wiedervereinigung.

Die Wiedervereinigung als Schema der Situationsdeutung ist von hohem Überlebenswert, sogar noch weit vor der Entstehung des Menschen. Ein Tier, das sein Rudel verloren hat, muss dringend den Anschluss wiederfinden, wenn es überleben will. Auch wenn Lebewesen sich freiwillig aufgemacht haben, um anderswo Glück oder Futter zu suchen, werden sie angetrieben von der Hoffnung, wieder heimzukehren oder ein neues Rudel zu finden. Wiedervereinigung dürfte demnach ein angeborenes kognitives Strukturierungsschema sein, eine angeborene 'Gestalt', mit der wir unsere Lebenssituationen zwischen 'nicht mehr' und 'noch nicht' ansiedeln und als hoffnungsvoll wahrnehmen können. Eingesetzt wird diese 'Gestalt' in den heterogensten Lebensbereichen.

Die getrennten Liebenden ersehnen die Wiedervereinigung in der Literatur und im wirklichen Leben, die Hegelsche Geschichtsphilosophie und ihre idealistischen Vettern träumen gar von der Rückkehr Gottes zu sich selbst, die christliche Religion hat den tröstlichen Gedanken einer Wiederkunft des Erlösers, die Politik kennt den Gedanken ja nicht nur in der deutschen Geschichte - auch die Eroberungen Ludwigs XIV. traten als Réunions auf, die Volksrepublik China brennt vor Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit Taiwan (denn alle Chinesen sind ja eine große Familie ...), sogar Fakultäten wurden schon mit Unterstützung des Wiedervereinigungsgedankens zusammengelegt, und dass die christlichen Kirchen die diversen Schismen überwinden sollen, hört man auch immer wieder. Und klingt Kernfusion nicht viel einschmeichelnder als Kernspaltung?

Wiedervereinigung ist wie Gleichgewicht oder Verwandtschaft eine Formel, die weiteres Argumentieren erübrigt. Solche Urmetaphern übertragen die Qualität fragloser Positivbewertung aus der Welt altsteinzeitlicher Reiz-Reaktionskonstellationen in völlig andere Lebensbereiche und schaffen dort Tabus - entsprechend heftig können die Reaktionen ausfallen, wenn man sie in Frage stellt.

Es gibt noch ein Fülle weiterer ererbter Denk- und Empfindungstendenzen, die sich erfolgreichem Handeln unter Steinzeit-Bedingungen verdanken: Die Neigung zu monokausalem Denken, zur Freund-Feind-Schematisierung, zu Intentions- und Zweckunterstellungen, Pauschalurteilen usw. Sie entfalten ihre Wirkung hinter unserem Rücken. Deshalb wäre es zu wünschen, dass sie unter strenge Beobachtung gestellt und einer systematischen biologischen Ideologiekritik unterzogen werden.

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