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24. Juni 2009, 13:47 Uhr

Ursubstanz des Universums

Auf der Suche nach dem Wesen der Information

Licht, DNA, Sprache, Kunst - Information hat viele Gesichter. Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer hält sie für die Ursubstanz des Universums. Wenn wir verstehen würden, wie sie die Welt hervorbringt, könnte das der Schlüssel zur lange gesuchten einheitlichen Theorie des Universums sein.

Was alles - oder zumindest manches - verändern wird, könnte man die durchdringende Verwendung von Information nennen.

DNA-Sequenz: Wir kennen doch nur die Natur, die uns Informationen geliefert hat
Corbis

DNA-Sequenz: Wir kennen doch nur die Natur, die uns Informationen geliefert hat

Zu den merkwürdigen Einsichten der letzten Jahrzehnte gehört die Feststellung, dass die Information noch nicht dort angekommen und eingeführt ist, wo sie eigentlich hingehört. Nämlich im Innersten der Welt und damit in der grundlegenden Physik.

Information ist dabei auf keinen Fall so zu verstehen, wie es im Alltag geschieht, wenn wir uns über den Verlauf einer Opernaufführung oder das Ergebnis eines Fußballspiels informieren.

Wenn Naturvorgänge vermessen werden, entnehmen wir ihnen zwar Information. Aber diese Variable taucht in der Beschreibung, mit der wir diese Abläufe zu verstehen hoffen, an keiner einzigen Stelle auf. Wir kennen doch nur die Natur, die uns Informationen geliefert hat.

Information muss also eine konkrete, physikalische Eigenschaft des Wirklichen sein. Das ist längst bekannt, hat aber nicht zu den nötigen Konsequenzen in der Formulierung der physikalischen Grundgesetze geführt.

Wie wird aus Information Welt?

Information könnte das Prinzip der Natur sein, welches im Austausch - durch Wechselwirkung - das Wirkliche ermöglicht und mehr oder weniger dazu neigt, sich in ihm aus- und in es einzudrücken. Im Zentrum der einzubringenden "Information" steckt die Form, die wir - in der Natur, im Leben und in der Kunst - oft gerne betrachten und bewundern, ohne zu fragen, wie sie zustande kommt. Klar ist nur, dass eine Form keine kausale Erklärung verträgt. Sie ist vielmehr der kreative Ausdruck eines informativen Universums, in der eine kausale Determiniertheit jederzeit durchbrochen werden kann - durch uns zum Beispiel.

Wenn wir Information durchgreifend verstehen und einsetzen können, fügen sich viele Einzelwissenschaften neuartig zusammen. In vielen von ihnen geht es ja um die Übertragung von Information - die physikalische durch Licht, die biologische durch molekulare Strukturen, die sprachliche durch Symbole. Wir müssen und werden noch zu meinen Lebzeiten verstehen, wie nicht nur die Welt uns Informationen liefert, sondern wie auch die Informationen selbst zur Welt führen.

Information ist nicht zuletzt das, was Information erzeugt.

Es hat lange gedauert, bis wir Menschen gelernt haben, dass der Kosmos ein Universum ist. Als im antiken Griechenland der "Kosmos" erfunden wurde, teilten die Philosophen die Welt in zwei Hälften auf. Dieses "Duoversum" wurde durch den Mond in eine sub- und eine supralunare Sphäre getrennt. Es dauerte bis in die frühe Neuzeit, um zu erkennen und zu akzeptieren, dass in beiden Sphären die gleichen Elemente zu finden sind, die zudem den gleichen Gesetzen unterliegen.

Formbildende Information ist das Einheitliche, das wir suchen

Es hat mehr als tausend Jahre gedauert, bis die Einheit im Kosmos verstanden war. Ich glaube trotzdem nicht, dass wir erneut solange brauchen, um eine andere unnötige Zweiteilung aufzuheben. Nämlich die zwischen dem, was wirklich der Fall ist, und dem, was wir darüber sagen können. Das Ding-an-sich steckt in den Informationen, die zu ihm führen. Wir müssen sie aber erst in die Welt hineinlegen, die dann eine Einheit in der Art wird, wie es das Universum geworden ist.

Die letzten beiden großen Umwälzungen der Physik - die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik - haben beide auf ihre Weise mit der Information zu tun. Albert Einstein nutzte 1905 das damals beste Pendant der Information - die Entropie -, um eine neue Theorie des Lichts auf die Beine zu stellen. Und in der Quantenmechanik zeigte es sich, dass Objekte erst dann bestimmt werden, wenn wir Informationen mit ihnen austauschen. In beiden Wissenschaften kennen wir inzwischen Erhaltungssätze für die Information, die dadurch bei allem, was passiert, insgesamt erhalten bleibt.

Wenn die durchgreifende Verwendung von Information gelingt, die eingangs genannt wurde, dann könnte sich mit ihrer Hilfe der Weg zu der einheitlichen Theorie zeigen, den man schon lange sucht. Die formbildende Information ist das Einheitliche, das wir suchen.

Wenn wir fündig werden, ändert sich nicht alles, aber es ändert sich mindestens so viel, wie sich geändert hat, als der Kosmos ein Universum wurde. Das war eine ganze Menge.

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