US-Angebot Googeln in den eigenen Genen - für 999 Dollar

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2. Teil: Wie man im eigenen Erbgut surfen kann


Das Analyseergebnis wird auf der Webseite von 23andMe online zur Verfügung gestellt. Der Eigentümer der DNA bekommt einen Zugangscode, mit dem nur der Kunde auf die eigenen Daten zugreifen kann. Die Website ist eine gewaltige interaktive Datenbank, durch die man den eigenen Genotyp nun scheuchen kann:

  • Ist mein Diabetesrisiko geringer oder höher als das der Normalbevölkerung?
  • Droht mir eines Tages ein Herzinfarkt?
  • Wie sieht mein Genotyp aus, wenn man mich mit einem durchschnittlichen Nigerianer, Chinesen, Inder vergleicht?
  • Gibt es irgendwo auf der Welt eine Gruppe Menschen, die mir genetisch viel ähnlicher ist als meine unmittelbaren Nachbarn?

Noch viele weitere Fragen sind möglich. Wer außerdem für die Verwandtschaft je 999 Dollar springen lässt, kann die eigenen Eltern sogar darüber aufklären, welcher Anteil ihres Genmaterials in ihren Enkelkindern zum Tragen kommt. Geschwister können vergleichen, wie genetisch ähnlich sie einander sind.

"Die Kunden kommen sehr gut damit klar"

Dyson, Avey und Wojcicki sehen darin einen Spaß: herauszufinden, dass man zum Beispiel portugiesische Vorfahren habe. Den Einwand, dass das Wissen um eine mögliche Erkrankung die Lebensfreude beeinträchtigen könne, will Avey nicht gelten lassen: "Wenn die Kunden erst mal Zugriff auf ihre Daten haben, kommen sie damit sehr gut klar", sagte sie gestern bei der Konferenz "Digital Life Design" (DLD), die Burda jährlich in München veranstaltet.

Die drei Frauen träumen davon, dass ihr Unternehmen die Menschheit voranbringt: Die gesammelten Daten der künftigen Kunden könnten anonymisiert als Forschungsmaterial dienen, um zum Beispiel herauszufinden, welche spezielle Genkonfiguration für eine besonders seltene Medikamentenunverträglichkeit verantwortlich ist. Die eigene Datenbank könne helfen "diese Nadeln im Heuhaufen zu finden", sagt Avey.

Mit anderen Worten: Das Unternehmen will an Pharmaindustrie und Medizinern vorbei in großem Stil medizinische Daten von möglichst vielen Menschen sammeln. Nach Möglichkeit auch von solchen, die sich die 999 Dollar pro Test nicht leisten können. Es plant Kooperationen mit Selbsthilfegruppen und Stiftungen, um zum Beispiel Massentests von Menschen mit Autismus zu ermöglichen und mehr über dessen komplexe Hintergründe zu erfahren. Es drohe derzeit eine "genetische Kluft" zwischen Arm und Reich, sagt Wojcicki.

Die Konkurrenz schläft nicht

Ein 23andMe-Konkurrent namens Navigenics will demnächst ebenfalls breit angelegte Gentests gegen Geld anbieten. Dessen "Health Compass" soll rund 2500 Dollar kosten und Informationen über "20 behandelbare medizinische Leiden" enthalten. Navigenics bietet ein Jahr lang Updates über relevante Entwicklungen in der Genforschung an, außerdem ein Informationsportal und Beratung durch einen Fachmann für Genetik. Auch das Navigenics-Angebot beruht auf der Analyse der SNPs und nicht auf einer vollständigen Sequenzierung des Genoms. Die wäre derzeit zu diesem Preis einfach nicht zu machen.

Es gibt noch weitere Mitbewerber, etwa deCode Genetics aus Island. Doch die Probleme, die ihre Pläne mit sich bringen, wird wohl keines der Unternehmen so schnell ausräumen können:

  • Erstens ist die SNP-Analyse keineswegs ein vollständiger Gentest. Die meisten der vielen hundert Spezialtests, wie sie zum Beispiel für ein stark erhöhtes Brustkrebsrisiko existieren, werden ihre Bedeutung nicht velieren. Viele Bedrohungen kann der SNP-Test einfach nicht erfassen.
  • Zweitens bleibt die Frage, was das, was er erfasst, tatsächlich bedeutet. Auch ein Diabetes-Typ-1-Risiko von 88 Prozent heißt nicht, dass der Betreffende in jedem Fall daran erkrankt. Viele der SNP-Marker sind jeweils durch eine oder mehrere Studien mit einem bestimmten Risiko verknüpft. Was bedeutet es, wenn mehrere Marker vorhanden sind, von denen einige das Risiko vielleicht erhöhen - andere es jedoch senken? Wie soll man das miteinander verrechnen?
  • Drittens bleibt in vielen Fällen, etwa wenn jemandem ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt enthüllt wird, die Frage: Was tun? Dass man nicht Rauchen sollte, sich ausreichend bewegen, sich gesund ernähren, wissen die meisten Menschen jetzt schon.

Nimmt 23andMe Geld dafür, Menschen konkrete Gründe dafür zu geben, sich so zu verhalten, wie sie sich ohnehin verhalten sollten? Auf diese Frage lächelt Esther Dyson amüsiert und nickt ein bisschen. Linda Avey erinnert sich an einen Kunden, bei dem ein erhöhtes genetisches Fettsucht-Risiko festgestellt wurde: "Er hat sich gleich für einen Marathon angemeldet."

All das ändert nichts daran, dass das Zeitalter des Genoms nun definitiv angebrochen ist - auch für Nichtwissenschaftler. "Wired"-Autor Thomas Goetz formulierte es in einem Artikel zum Thema so: "Im Genomzeitalter werden wir nicht länger das Problem haben, etwas nicht zu wissen. Sondern wir werden die Last der Entscheidung tragen müssen, ob wir überhaupt wissen wollen."



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cubi, 23.01.2008
1. Das wird sicher ein Hype.
Prima Service. :-) Wenn erst genug auf den Hype aufspringen, wirds richtig Interessant fuer die Investoren. Was wird eine Firma zahlen, um an Gen-Daten ihrer Mittarbeiter zu kommen. Wie Interessant wird die Sache dann fuer uebergeschnappte Staatsdiener bei der Terroristenhatz? Nix fuer mich!
Andi_SGE 23.01.2008
2. Datenschutz?
Wer sich seine Gene von einer gewinnorientierten Firma auswerten lässt und dafür auch noch Geld bezahlt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.
ullamueller 23.01.2008
3. meine Gene gehören mir
ich werde den Service auch dann nicht nutzen, wenn er erschwinglicher wäre. Aber es sollte jedermann selbst überlassen bleiben,welche Informationen er über sich selber einholt. Es gib t ja auch Menschen, die geben unsummen fürHoroskope und Wahrsagerei / Handleserei aus.
Rainer Helmbrecht 23.01.2008
4. Man muss nicht Alles wissen;o).
Zitat von sysopErstmals bekommen Deutsche die Chance, ihr eigenes Erbgut auf Krankheiten oder Vorprägungen untersuchen zu lassen - per Post und Internet, für 999 Dollar. Was steckt hinter dem Angebot der US-Biotechfirma 23andMe, die unter anderem mit Google verwoben ist? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,530343,00.html
Eine Arbeitskollegin meiner Frau ließ sich von einer "seriösen" Wahrsagerin die Zukunft vorhersagen. Diese Wahrsagerin sagte ihr sehr verklausuliert eine schwere Krankheit voraus. Diese Kollegin hat sich nahezu 20 Jahre ihres Lebens kaputt gemacht, sie war nicht zu beruhigen und hat jedes Zipperlein mit ihrem Ableben in Verbindung gebracht. Ich denke, dass dieses Angebot, zumindest in den nächsten 10 Jahren so unzuverlässig ist, dass es mehr schadet etwas zu "wissen", als überrascht zu werden. Selbst wenn die Vorhersage zuverlässiger wäre, werden die meisten Menschen damit nicht klar kommen. Jeder muss wissen, was er sich zumuten will, ich würde es nicht machen. Etwas Anderes ist es, wenn jemand eine gezielte Diagnose haben möchte, z.B. Brustkrebs, aber das wird bei einem entsprechendem Verdacht heute schon gemacht. Aber nur so aus Jux und Tollerei, um den Schauder zu spüren, nee, lieber nicht;o). MfG. Rainer
Roana, 23.01.2008
5. Risiken
Hi! Und wenn ihr dann über alle Erbrisiken aufgeklärt seid, dann dürft ihr das auch schön an eure Krankenkassen weitermelden... schließlich muß man vertragsgemäß bei vielen Kassen alle einem zur Kenntnis kommenden Risiken melden... andernfalls ist sie nicht zur Leistung verpflichtet. Je nach Arbeitsverhältnis soger manchmal dem Arbeitgeber... Schöne neue Welt
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