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US-Atomtests: Mondlandschaft am Bikini-Atoll

Foto: Gallo Images (PTY) LTD/ Getty Images

Nuklearwaffentests im Pazifik Als der Atompilz 40 Kilometer in die Höhe schoss

Zwischen 1946 und 1958 haben die USA im Pazifik mehr als 20 Atombomben getestet. Forscher haben nun untersucht, wie die Detonationen den Meeresboden umgepflügt haben - die Zerstörungen sind bist heute sichtbar.
Aus San Francisco berichtet Christoph Seidler

Bis 6 Uhr 45 war dieser Tag wie alle anderen. Tony war mit seinem Großvater zum Fischen rausgefahren. Schon früh am Morgen hatten die beiden ihr Netz ausgeworfen. Doch dann passierte etwas, das der Neunjährige nie vergessen würde: Zuerst kam der Blitz, ganz hell und ganz still, dann der unfassbar laute Donner. "Alles wurde rot - der Ozean, der Fisch, der Himmel und Großvaters Netz", erinnerte  sich Tony de Brum später.

Es war der 1. März 1954 und die Vereinigten Staaten von Amerika hatten gerade in mehr als 320 Kilometern Entfernung ihre kraftvollste je getestete Waffe gezündet: Beim Atomtest "Castle Bravo" hatten sie zwei Meter über dem Boden des Bikini-Atolls eine Wasserstoffbombe zur Explosion gebracht. Und weil sich die Experten getäuscht hatten, war die Zerstörungskraft mehr als doppelt so stark wie vorausberechnet. Sie lag beim Tausendfachen der Atombombe von Hiroshima. Der Atompilz wuchs 40 Kilometer in die Höhe.

"Früher gab es an der Stelle des Tests drei Inseln, jetzt ist da nur noch ein Loch", sagt Arthur Trembanis. Der Forscher von der University of Delaware arbeitet mit Kollegen daran, die Spuren der Verwüstung unter Wasser zu dokumentieren. Auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Union (AGU) in San Francisco hat er gerade erste Ergebnisse präsentiert. Der Krater hat demnach noch heute einen Durchmesser von 1400 Metern und ist 56 Meter tief.

Lagunenboden mit Sonar untersucht

Trembanis war im Juni dieses Jahres mit einem kleinen, nur knapp sechs Meter langen Aluminiumboot in der Lagune unterwegs. Im hohen Wellengang der Passatwinde untersuchte er zusammen mit Kollegen per Sonar zwei Teststandorte der "Operation Crossroads" aus dem Jahr 1946. Dort waren Bomben mit dem Codenamen "Able" und "Baker" gezündet worden: Die erste in 160 Metern Höhe über dem Boden nach dem Abwurf aus einem Bomber, die zweite unter Wasser, in 27 Metern Tiefe. Außerdem analysierte das Team die Umgebung der Tests "Castle Bravo" und "Castle Charlie" aus dem Jahr 1954.

Heute gehört das Bikini-Atoll zum Staat der Marshallinseln, insgesamt feuerten die USA dort zwischen 1946 und 1958 nicht weniger als 22 Atomwaffen ab. Auch das benachbarte Eniwetok-Atoll wurde bei weiteren mehr als 40 Atomtests schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ein Teil der strahlenden Abfälle wurde dort in einer oberirdischen Atommülldeponie gelagert, die undicht zu werden droht.

Säule aus zwei Millionen Tonnen Wasser und Sand

Die Bomben der Tests "Able" und "Baker" waren mit einer Sprengkraft von 21 Kilotonnen noch vergleichsweise klein. Von der ersten, oberirdischen Explosion fanden Trembanis und seine Kollegen keine sichtbaren Spuren am Ozeangrund mehr. An die zweite erinnert dagegen bis heute ein acht Meter tiefer Krater, der einen Durchmesser von etwa 800 Metern hat.

In seinem Inneren konnten die Forscher charakteristische Strukturen nachweisen. Sie hätten ausgesehen wie die Blütenblätter einer riesigen Rose: "Sie stammen wahrscheinlich von der Säule aus zwei Millionen Tonnen Wasser und Sand, die bei der Explosion zunächst in die Luft aufstieg und später wieder zusammenbrach", vermutet Trembanis.

Mit den "Crossroads"-Tests wollten die US-Militärs vor allem herausfinden, wie eine Flotte einen atomaren Angriff übersteht. Dafür wurden mehr als 200 ausgemusterte Schiffe ins Zielgebiet geschleppt, zum Teil auch Kriegsbeute aus Japan und Deutschland. Viele von ihnen liegen bis heute als Wracks in der Lagune.

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US-Atomtests: Mondlandschaft am Bikini-Atoll

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"Wie eine Mondlandschaft"

Die US-Regierung hatte das Bikini-Atoll als Testgebiet ausgewählt, weil es weitab von allen Schifffahrts- und Flugverkehrsrouten lag. "Sobald der Krieg zu Ende war, entdeckten wir den einzigen Punkt auf dieser Erde, der vom Krieg unberührt geblieben war und schickten ihn zur Hölle", kommentierte der US-Entertainer Bob Hope damals.

Heute, sagt Forscher Trembanis, sei das Atoll auf den ersten Blick ein Paradies: In der Lagune gebe es viele tropische Fische, auch Haie. Den verbliebenen Korallen gehe es gut. Doch unter Wasser liegen die Krater, liegen die Zonen wo das Riff pulverisiert wurde und noch immer aussieht "wie eine Mondlandschaft".

Die USA haben den Marshallinseln über die Jahre rund eine Milliarde Dollar an Entschädigung für die Tests gezahlt. Viele der damals auf andere Inseln umgesiedelten Einwohner und deren Nachfahren leben noch immer im Exil. Bikini ist de facto unbewohnt. Ein Gutachten der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) kam allerdings vor 20 Jahren zu dem Schluss, dass Menschen im Prinzip wieder auf dem Atoll leben können. Sie sollten sich allerdings wegen der Strahlenbelastung hüten, lokale landwirtschaftliche Produkte zu verzehren.

Wenn die Bewohner zurückkehren, endet die Unterstützung der USA. Die Begeisterung der jüngeren Nachfahren ist deswegen überschaubar. Zumal der Boden noch immer radioaktiv belastet ist. Die Isotope reichern sich in den Kokosnüssen und in den Krebsen an.

Trebanis sagt, sein Team habe während des einwöchigen Aufenthalts auf dem Atoll Dosimeter getragen. Bei deren Auswertung habe es keine Auffälligkeiten gegeben. Auch Fisch aus der Lagune - "sehr lecker" - habe man gegessen.

Im Frühjahr 2014 haben die Marshallinseln vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag acht Atommächte verklagt. "Unser Volk hat durch diese Waffen katastrophalen und irreparablen Schaden erlitten", sagte Tony de Brum, führender Kopf hinter dem Verfahren damals. Im Jahr darauf bekam er, stellvertretend für alle Bewohner seines Landes, den Alternativen Nobelpreis.

Beim Klimagipfel von Paris 2015 gelang es De Brum dann als Vertreter seines Landes, eine Allianz von ambitionierten Staaten zusammenzubringen - und den Erfolg des Treffens möglich zu machen. Ein weiteres Jahr später wies das Uno-Gericht die Klage der Marshallinseln ab. Die Richter erklärten, sie seien nicht zuständig. Im August 2017 verstarb de Brum im Alter von 72 Jahren. Über einen Zusammenhang zu den Atomtests ist nichts bekannt.

Zusammengefasst: Die Folgen amerikanischer Atomtests im pazifischen Bikini-Atoll lassen sich bis heute am Meeresboden nachweisen. Forscher haben die entstandenen Krater kürzlich präzise vermessen. Als Folge des Kernwaffentests "Castle Bravo" aus dem Jahr 1954 klafft etwa im Ozeanboden ein 56 Meter tiefes Loch mit einem Durchmesser von 1400 Metern.

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