US-Bestseller Überflieger und Bruchpiloten

Pechvogel oder Erfolgsmensch? In seinem neuen Buch erklärt Bestsellerautor Malcolm Gladwell, warum manche Menschen es ganz an die Spitze bringen und andere nicht - mit amüsanten Storys und abgegriffenen Lebensweisheiten.

Ein eisiger Wind fegt über den Harvard Square, doch die rund 600 Menschen vor der First Parish Church kann das nicht schrecken. Bibbernd warten sie auf Einlass, um von einem Gut zu hören, das in der gegenwärtigen Krise zur echten Mangelware geworden ist: Erfolg.

"Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind - und andere nicht" heißt das neue Buch von Malcolm Gladwell, das er in dem Gotteshaus in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts vorstellt. Es steht auf Platz eins der aktuellen Bestsellerliste der "New York Times" und wird im Januar in deutscher Sprache im Campus-Verlag erscheinen.

Schlaksig und spitzbübisch tritt der in Kanada aufgewachsene Autor vor das Publikum, die langen lockigen Haare - sein Markenzeichen - zeigen in alle Himmelsrichtungen.

"Wer will in den nächsten Stunden noch in ein Flugzeug steigen?", möchte Gladwell wissen. Zwei Dutzend Arme gehen nach oben. Der Autor lächelt maliziös. Alles was jetzt folge, sagt er, sei so "gruselig, weil es so typisch ist". Anstatt um Überflieger geht es nämlich zunächst einmal um das Gegenteil: Um Piloten, die vollbesetzte Flugzeuge zum Absturz brachten. Pechvögel.

Da ist der Unglücksflug Avianca 052. Die Boeing 707 der kolumbianischen Fluggesellschaft ging im Januar 1990 16 Meilen entfernt vom John-F.-Kennedy-Flughafen in New York nieder. 73 der insgesamt 158 Passagiere fanden den Tod.

Dabei war die Crew nicht besoffen, und auch ihr Fluggerät arbeitete einwandfrei. Der Sprit war ausgegangen - wie kann so etwas passieren? Gladwell hat die Stimmenrecorder ausgewertet und führt das Versagen der Piloten letztlich auf ihren kulturellen Hintergrund, auf ihre kolumbianische Mentalität zurück. Während die Maschine eine Warteschleife nach der anderen drehen musste, war der Co-Pilot zu höflich und zu verängstigt, um den rüden New Yorker Fluglotsen zu sagen, dass bereits zwei Triebwerke wegen Kerosinmangels ausgefallen waren.

Hackordnung im Cockpit provoziert Abstürze

Anstatt den Notfall auszurufen, sagte er bloß: Wir "versuchen [den Anflug] noch mal. Uns geht der Treibstoff aus." Gladwell schüttelt den Kopf, als er davon erzählt. Das wäre so, als wenn einer im Restaurant sitzt und sagt: "Ja bitte noch einen Kaffee, und, äh, ich ersticke gerade an einem Hühnerknochen." Für Gladwell steckt ein Muster dahinter: Abstürze kommen immer dann gehäuft vor, wenn im Cockpit aufgrund der Kultur und Nationalität eine Hackordnung herrscht und die Untergebenen sich nicht trauen, auf Gefahren hinzuweisen.

Beispiel Flug 801 der Korean Air: Trotz tiefer Wolken am 6. August 1997 entschied der Pilot, den Flughafen von Guam im Sichtflug anzusteuern. Dem Flugingenieur (Nummer drei in der Hierarchie) muss der Angstschweiß ausgebrochen sein, er sagte aber nur kleinlaut: "Kapitän, das Wetterradar hat uns schon oft geholfen." Und so blieb das Gerät unbeachtet, wenig später krachte die Boeing 747 gegen einen Hügel. 228 der 254 Menschen an Bord starben.

Allerdings sind die Menschen nicht Gefangene ihrer kulturellen Herkunft, antwortet Gladwell auf die Frage eines Zuschauers. "Wenn wir über die Kultur reden, dann können wir sie ändern", sagt er und erzählt, wie es Korean Air gelang, die Pannenserie in den neunziger Jahren zu überwinden: Die Piloten und Flugingenieure wurden von einer US-Firma geschult und unterhielten sich im Cockpit nur noch auf Englisch. Dadurch wurde die Hackordnung weniger wichtig und die Fehlerquote sank auf das Niveau westlicher Fluggesellschaften.

Umwelt und Umstände prägen Gladwell zufolge auch die umgekehrten Fälle, die Erfolgsgeschichten, von denen der erste Teil seines Buches erzählt. Auffallend viele gute Eishockey-Spieler aus Kanada haben beispielsweise im Januar, Februar oder März Geburtstag. Der Grund: Der Stichtag für die Jugendmannschaften ist der 1. Januar: Wer kurz danach Geburtstag hat, gehört im Jahrgang zu den älteren und körperlich weiter entwickelten Spielern und schafft es leichter in die Auswahlmannschaft, wo man doppelt so viel trainiert. Aus einer Zufälligkeit - Geburtstag im Januar - wird auf diese Weise im Laufe der Jahre ein Vorsprung, der für viele Konkurrenten nicht mehr einzuholen ist.

Gelegenheiten erkennen und ergreifen

Die Umstände meinten es auch mit einem Jungen namens Bill Gates gut: Durch Zufall lebte er in Seattle, nahe einer der weltweit ganz wenigen Schulen, die bereits 1968 über einen Computer-Club verfügten. Schon als Achtklässler machte sich Klein-Bill ans Programmieren - laut Gladwell war es die Voraussetzung dafür, dass er sieben Jahre später weit genug war, um mit seinem genauso computerverrückten Mitschüler Paul Allen die Firma Microsoft gründen zu können.

Erfolge seien weder außergewöhnlich noch rätselhaft, konstatiert Gladwell. "Überflieger sind jene, denen sich Gelegenheiten eröffnet haben - und die dann die Stärke und Geistesgegenwärtigkeit hatten, diese zu ergreifen." Gladwells Geschichten sind unterhaltsam erzählt, seine Botschaft jedoch ist längst nicht so neu, wie der Autor glauben machen will.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein - eine Binsenweisheit. Allseits klar ist den Menschen auch, wie entscheidend der Einfluss der Umwelt auf die Talente ist. Warum sonst sorgen sich so viele Eltern, ob ihre Kinder auf eine gute Schule gehen? Als ein Zuschauer Gladwell am Ende des Abends nach dem Geheimnis dessen phänomenalen Erfolgs fragt, fallen dem Überschreiber, der mit seinen früheren Titeln über soziale Epidemien ("The Tipping Point") und Intuition ("Blink") ein Millionenpublikum erreichte, die Eltern ein.

Deren Arbeitssucht habe wohl auf ihn abgefärbt. Auch das ist interessant, aber nicht wirklich neu: Das Glück ist mit den Tüchtigen.

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