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19. Juni 2008, 14:30 Uhr

US-Gefangenenlager

Mediziner präsentieren Belege für Folterungen

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Es ist ein Dossier der Schande: Detailliert listen Mediziner der Organisation "Physicians for Human Rights" in einem neuen Bericht auf, wie Gefangene von US-Soldaten in Guantanamo und im Irak misshandelt wurden.

Insgesamt elf frühere US-Gefangene haben die Mitarbeiter der Organisation "Physicians for Human Rights" (PHR) untersucht. Vier der Männer wurden im Gefangenenlager Guantanamo festgehalten, die anderen sieben saßen im berüchtigten Bagdader Gefängnis Abu Ghureib.

Die Gefangenen auf Kuba waren im Schnitt drei Jahre in Haft, diejenigen im Irak durchschnittlich sechs Monate. Der Kontakt zu den Männern kam über deren Anwälte zustande, alle elf strengen derzeit Schadenersatzklagen an.

In jeweils zweitägigen klinischen Interviews zwischen Dezember 2006 und September 2007 versuchten je zwei PHR-Ärzte zu ergründen, was den Männern während ihrer Gefangenschaft zugestoßen ist. In zwei Fällen wurden dazu auch ältere Krankenakten herangezogen. Das Fazit des 130-seitigen Untersuchungsberichts "Broken laws, broken lives" ("Gebrochene Gesetze, gebrochene Leben") fällt eindeutig aus: Das Autorenteam unter Leitung der Medizinerin Farnoosh Hashemian fand klare Hinweise auf Folter und Misshandlungen.

Die untersuchten Männer hätten physische und psychische Spuren von Schlägen, Elektroschocks, Schlafentzug, sexueller Erniedrigung, Vergewaltigung und anderen schweren Misshandlungen aufgewiesen. Ein Teil der nachgewiesenen Praktiken sei zu der betreffenden Zeit erlaubt gewesen, darunter Schlafentzug und erzwungene Nacktheit. Andere Misshandlungen seien selbst von den damals ohnehin laxen US-Vorschriften nicht gedeckt gewesen.

Viele Häftlinge hätten über lange Zeit gelitten und auch heute noch mit den Folgen der Folter zu kämpfen, heißt es in dem Bericht. Einer der untersuchten Gefangenen, ein Iraker, der mit dem Namen Laith bezeichnet wird, berichtet zum Beispiel von Schlafentzug, von Schlägen und Tritten bis zur Bewusstlosigkeit - und davon, dass er in Abu Ghureib fast einen Monat so gut wie nackt in schmerzhaften Positionen verbringen musste. Auch seinem Bruder sei es schlecht ergangen: Als er ihn einmal zu sehen bekommen habe, sei dieser ebenfalls nackt gewesen, habe geblutet und sei fortlaufend beleidigt worden. Besonders schlimm sei es aber für ihn gewesen, als seine Mutter und seine Schwestern mit Vergewaltigung bedroht worden seien.

Ein anderer Mann, der in dem Bericht mit dem Namen Kamal bezeichnet wird, berichtet unter anderem von Isolationshaft im Dunkeln, von Misshandlungen mit Gewehrkolben und einem Schraubenzieher, von schmerzhaften Positionen und von Drohungen, seine Frau und Kinder zu vergewaltigen und zu foltern. Bei ihm diagnostizierten die Ärzte chronische Schmerzen und Taubheitsgefühle, Depressionen, Panikstörungen und eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Der deutsche Mediziner Christian Pross vom Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer hat an dem Bericht mitgeschrieben und selbst zwei der elf Betroffenen untersucht. Er arbeitet seit 16 Jahren mit Opfern von Folter und Misshandlung. "Wenn man viele Untersuchungen dieser Art geführt hat, kann man Simulanten herausfinden", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Keine Zweifel mehr an Kriegsverbrechen

Die Untersuchungsteams haben internationale Standards zur Bewertung von Foltervorwürfen angewendet, das sogenannte Istanbul-Protokoll. Pross erklärt, dass man mit Standardtests für Traumasymptome Sicherheit über die Aussagen gewinnen könne. In einem anderen Test habe man außerdem untersucht, ob die Befragten zu Übertreibungen neigten - und das in jedem der betrachteten Fälle ausgeschlossen.

Die Ärzte erklären, dass sich ihre Erkenntnisse zwar wegen der geringen Zahl der untersuchten Fälle nicht ohne weiteres generalisieren ließen. Die Erkenntnisse seien aber konsistent mit bereits existierenden Berichten - und wiesen darauf hin, dass die Schicksale der Männer sehr wohl repräsentativ seien.

Das Vorwort zu dem Bericht hat der inzwischen pensionierte General Antonio Taguba geschrieben. Er leitete die Ermittlungen im Skandal um die Misshandlungen von Gefangenen durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghureib. Sein Fazit lautet: "Es gibt keinen Zweifel mehr, ob die aktuelle Administration Kriegsverbrechen begangen hat. Die einzige Frage ist, ob diejenigen, die den Einsatz von Folter angewiesen haben, zur Verantwortung gezogen werden." Der Oberbefehlshaber, also US-Präsident Bush, und seine Untergebenen hätten ein "systematisches Folterregime" erlaubt.

Schwere Vorwürfe erhebt der Bericht nicht nur gegen Militärs, sondern auch gegen Ärzte. Mediziner seien bei vielen Fällen von Folter und Misshandlung anwesend gewesen. Sie hätten das Leiden der Opfer in diesen Fällen erst möglich gemacht und ihnen außerdem Hilfe verweigert. Doch längst nicht alle Ärzte des US-Sanitätskorps hätten so gehandelt, sagt Mediziner Pross. Selbst bis in die höchsten Ebenen der Militärmedizin habe es immer wieder vehemente Kritik gegeben.

Wichtig ist dem Mediziner Pross vor allem eines - selbst wenn die beiden Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain im Wahlkampf beide öffentlich der Folter abgeschworen hätten, dürfe man die Opfer nicht vergessen: "Es wird gesagt, die Misshandlungen seien abgestellt und die Sache sei erledigt. Aber die Sache ist nicht erledigt, diese Menschen leiden ihr Leben lang."

Mit Material von dpa und Reuters

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