US-Krankenhäuser Schmerzmittel-Gabe hängt von Hautfarbe ab

Ärzte in Notaufnahmen amerikanischer Krankenhäuser verschreiben Patienten mit weißer Hautfarbe eher starke Schmerzmittel als Afroamerikanern oder Menschen lateinamerikanischer Abstammung. Die Unterschiede könnten mit Vorurteilen der Mediziner zusammenhängen.


Die gute Nachricht ist: US-Mediziner begreifen Schmerzmanagement immer mehr als Teil des Heilungsprozesses. Von 1993 bis 2005 wurden in den Notaufnahmen amerikanischer Hospitäler immer häufiger Schmerzmittel eingesetzt. Die Analyse von 150.000 Fällen aus 13 Jahren ergab, dass im Jahr 2005 die Schmerzmittelquote 37 Prozent erreicht hat - mehr als jeder dritte Patient bekam demnach solche Medikamente in der Notaufnahme. 1993 hatte die Quote noch bei 23 Prozent gelegen.

Notaufnahme eines Hospitals in Atlanta (Archivbild): Schmerzen nur vorgetäuscht, um an Drogen zu kommen?
AP

Notaufnahme eines Hospitals in Atlanta (Archivbild): Schmerzen nur vorgetäuscht, um an Drogen zu kommen?

Aber die Studie von Forschern der University of California in San Francisco enthüllt zugleich, dass Patienten nach wie vor nicht gleich behandelt werden. Besonders starke Schmerzmittel - sogenannte Opioide mit ähnlicher Wirkung wie Morphin - werden Farbigen oder Einwanderern aus Lateinamerika seltener verschrieben als Weißen. 31 Prozent aller Menschen mit weißer Hautfarbe seien in der Notaufnahme mit Opioiden behandelt worden, berichten Mark Pletcher und seine Kollegen im Fachblatt "Journal of the American Medical Association". Bei Farbigen betrage die Quote hingegen nur 23 Prozent, bei Lateinamerikanern 24 Prozent.

"Studien in den neunziger Jahren haben bereits beunruhigende Unterschiede im Gebrauch von starken Schmerzmitteln aufgezeigt", sagte Pletcher, aber man habe gehofft, dass diese auch aufgrund neuer Empfehlungen zur Schmerzbehandlung verschwinden würden. "Unglücklicherweise ist das nicht der Fall."

Natürliche oder synthetisch hergestellte Opioide werden bei mittleren bis schweren Schmerzen eingesetzt. Die Studie ergab, dass Schwarze und Latinos zwar weniger Opioide, dafür aber häufiger schwächere Schmerzmittel bekommen, wie Aspirin oder Ibuprofen.

Linda Simoni-Wastila von der University of Maryland in Baltimore glaubt, dass hinter dem Phänomen möglicherweise das Misstrauen von Ärzten gegenüber Minderheiten steht. Die Mediziner könnten bei farbigen oder lateinamerikanischen Patienten häufiger glauben, dass diese Schmerzen nur vortäuschten, um an Drogen zu kommen. Ironischerweise seien Farbige aber diejenige Gruppe mit dem geringsten Missbrauchsrisiko verschreibungspflichtiger Drogen, sagte die Medizinerin, die an der neuen Untersuchung selbst nicht beteiligt war.

Die Autoren der Studie erklärten, Ärzte könnten bei weißen Patienten seltener Hinweise auf Schmerzmittelmissbrauch erkennen oder schlicht den Schmerz bei Menschen ethnischer Minderheiten nicht ausreichend behandeln. Aber auch das Verhalten der Patienten könnte eine Rolle spielen, erklärte Pletcher. Schwarze oder Lateinamerikaner "könnten womöglich weniger über ihre Schmerzen klagen" und seltener eine gute Schmerzbehandlung einfordern. Die Untersuchung umfasste mehr als 375.000 Behandlungen in Notaufnahmen, bei mehr als 150.000 davon ging es allein um Schmerzen, wegen denen die Betroffenen ins Krankenhaus gekommen waren.

hda/AP



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