US-Medizin Fast jeder Arzt lässt sich beschenken

Welches Ausmaß haben die Nettigkeiten zwischen Ärzten und Gesundheitsindustrie? Eine Befragung in den USA zeigt: Irgendwie beschenken lässt sich fast jeder, mehr als ein Viertel der Mediziner kassiert Honorare.


"Diese Studie ist keine Abschätzung der Risiken, des Nutzens oder generell der Angemessenheit verschiedener Arten von Arzt-Industrie-Verhältnissen", schreiben Eric Campbell und seine Kollegen ganz vornehm in ihrem Beitrag. Gar nicht nötig, dieser ist auch ohne dergleichen Ab- und Einschätzung höchst aufschlussreich - und spricht für sich selbst.

Hausarzt: Werbegeschenke, Nettigkeiten, Zuwendungen
DPA

Hausarzt: Werbegeschenke, Nettigkeiten, Zuwendungen

Bunte, bedruckte Werbegeschenke beim Onkel Doktor, eine Präferenz für ein bestimmtes Medikament, von der die Patienten überhaupt nichts merken, oder gar finanzielle Verbindlichkeiten zwischen Ärzten und Gesundheitsbranche - die untersuchten "Beziehungen" sind vielfältig. Ende 2003 und Anfang 2004 hatten Campbell von der Harvard Medical School in Boston und seine amerikanischen und australischen Kollegen 3167 US-Ärzte befragt, ob sie irgendwelche Beziehungen zur Gesundheitsindustrie pflegten.

Nun veröffentlichten sie im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" ihre Auswertung, die auch online zugänglich ist. Die Mediziner interessierten sich nicht bloß für Anteil und Art der Beziehungen, die ihre praktizierenden Kollegen zu den Herstellern von Pillen, Spritzen und Zubehör pflegten (siehe Tabelle). Auch "Faktoren, die prädikativ für solche Verbindungen sind", wurden untersucht.

US-Ärzte mit Verbindungen

Anteil Art der Beziehung
94% Irgendeine Art von Beziehung zur pharmazeutischen Industrie
83% Verköstigung am Arbeitsplatz
78% Erhalt von Arzneimittelmustern
35% Kostenerstattung im Zusammenhang mit Fachtagungen und ärztlichen Fortbildungen
28% Honorare für Beratung, Vorträge oder die Rekrutierung von Patienten für Studien

(Quelle: Campbell et al., "New England Journal of Medicine", Befragung von 3167 Ärzten in den USA)

Denn nicht alle Ärzte wurden gleichermaßen mit Werbe- und anderen Geschenken bedacht. So erhielten Kardiologen mehr als doppelt so häufig wie Allgemeinärzte Zahlungen, schreiben die Forscher. Außerdem glauben sie, aus ihren Daten herauslesen zu können, dass Ärzte mit Vorbildcharakter eher von der Industrie umschmeichelt werden: Verschrieben diese dann beispielsweise verstärkt das Präparat X, könnten beeinflussbare Kollegen es ihnen nachtun. Ein Indiz für diese Vermutung: Ärzte, die klinische Leitlinien verfasst hatten oder in der Fortbildung tätig waren, erhielten häufiger Zahlungen als andere Kollegen.

Mehr Vertreterbesuche

Bei allen untersuchten Fachdisziplinen - außer bei den Anästhesisten - sei zudem die Zahl der Vertreterbesuche pro Monat seit einer ähnlichen, kanadischen Untersuchung aus dem Jahr 2000 (" Ist ein Geschenk immer nur ein Geschenk?") gestiegen. Das könne an intensiverer Arbeit der Industrie liegen, oder auch am Studiendesign, räumen Campbell und seine Kollegen ein.

Wo die Wissenschaftler ihrer eigenen Studie misstrauen, verstecken sich allerdings wohl eher Abweichungen nach oben: Wegen der sozialen Erwünschtheit sei es denkbar, dass viele Ärzte in ihren Angaben etwas untertrieben hätten, schreiben die Autoren. Das würde bedeuten, in Wahrheit ist noch alles viel schlimmer.

"Man kann über das Ausmaß uneins sein, in dem diese Beziehungen die medizinische Versorgung beeinflussen", kommentierte der Arzt Allan Brett auf der Mediziner-Website "Journalwatch.org", "aber sicher ist, und das bestätigt diese Studie, dass Arzt-Industrie-Beziehungen in den USA überall vorhanden sind."

stx



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