US-Menschenversuche Syphilis-Experimente kosteten mehr als 80 Leben

US-Mediziner haben in den vierziger Jahren in Guatemala 1300 Menschen bewusst mit Geschlechtskrankheiten angesteckt, um Penicillin zu erforschen - jetzt hat eine Ethikkommission diese Vorfälle untersucht. Sie berichtet von erschreckenden Details.
Warnung vor Syphilis: "Sie wird sterben"

Warnung vor Syphilis: "Sie wird sterben"

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Hamburg - In den vierziger Jahren war das Antibiotikum Penicillin ein neues Medikament. Um seine Wirksamkeit gegen damals verbreitete Geschlechtskrankheiten zu testen, griffen US-amerikanische Forscher zu erschreckenden Maßnahmen. Zwischen 1946 und 1948 steckten sie etwa 1300 Menschen in Guatemala gezielt mit Syphilis und anderen Krankheiten an. Gefängnisinsassen, Soldaten und psychisch Kranke nahmen - ohne darüber aufgeklärt zu werden, was mit ihnen geschah - an den Versuchen teil. Finanziert wurde die Arbeit von der US-Gesundheitsbehörde; auch guatemaltekische Behörden sollen involviert gewesen sein. Mindestens 83 Menschen starben während der Experimente.

Erst 2010 hatte Susan Reverby vom Wellesley College (US-Bundesstaat Massachusetts) in einem Archiv Dokumente über die Versuche entdeckt. Denn eine Studie dazu hatten der verantwortliche Arzt John Cutler und seine Kollegen nie veröffentlicht. US-Präsident Barack Obama hatte sich beim guatemaltekischen Präsidenten Álvaro Colom entschuldigt und die präsidentschaftliche Bioethik-Kommission  beauftragt, die Vorfälle genauer zu untersuchen. Auch in Guatemala arbeiten Experten daran, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Einige Opfer der Forschung sollen die US-Regierung verklagt haben.

Sterbende Frau mit Tripper-Keimen beschmiert

Wie die US-Kommission nun berichtet, haben die Forscher die damaligen ethischen Standards für medizinische Versuche eindeutig nicht eingehalten und müssen sich dieser Tatsache auch bewusst gewesen sein.

Während einer öffentlichen Sitzung schilderte Kommissionsmitglied und Bioethik-Professor John Arras den Fall von Berta, einer Patientin in einer psychiatrischen Klinik. Die Forscher hatten sie durch eine Injektion mit Syphilis infiziert und drei Monate lang nicht therapiert.

Cutler notierte eines Tages, dass es aussehe, als wenn Berta sterben würde, ohne genauer darauf einzugehen. Am selben Tag schmierte Cutler eitrigen Ausfluss von Tripper-Kranken auf die Augen, die Harnröhre und in den Enddarm der Frau, berichtet John Arras. Kurz darauf verstarb Berta.

"Ich war zuerst sehr zögerlich, die moralische Keule mit voller Wucht zu schwingen", meint Arras. Aber es gehe nicht nur darum, ob die Forscher es versäumt hätten, die Versuchsteilnehmer zu informieren. Es gehe um bewusste Täuschung. "Ich glaube, dass man über die moralische Schuld einiger der damals beteiligten Leute ein sehr hartes Urteil fällen kann."

Die Kommission stellte zudem fest, dass die Arbeit Cutlers auch aus wissenschaftlicher Perspektive völlig inakzeptabel war. Sie sei völlig sinnlos gewesen, sagte Nelson Michael vom Walter Reed Army Institute of Research.

Es sei wichtig, dass dieses Unrecht jetzt klar dokumentiert werde, sagte Amy Gutman, die Vorsitzende der Ethikkommission. "Außerdem müssen wir von der Vergangenheit lernen, so dass wir sicherstellen können, dass wissenschaftliche und medizinische Forschung heute auf ethischen Standards basiert."

John Cutler, der die Experimente leitete, wirkte zudem am Tuskegee-Experiment  mit. Bei der Studie im US-Bundesstaat Alabama, die bis 1972 lief, hielten Mediziner Hunderten mit Syphilis infizierten Afroamerikanern bewusst eine Behandlung vor. Cutler kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Er starb 2003, ohne sich jemals für seine Vergehen entschuldigt zu haben.

Mit Material von Reuters