US-Militär Sauberer töten mit Wolfram

Das US-Militär erwägt offenbar die Abschaffung seiner umstrittenen Uranmunition. Eine exotische Wolfram-Legierung wird möglicherweise schon in zwei Jahren das bisher im Kampf gegen Panzer eingesetzte, strahlende und hochgiftige Uran ersetzen.

Von einer radioaktiven Bedrohung wollte und will das US-Militär nichts wissen: Uranmunition, so lautet die offizielle Sprachregelung bis heute, sei völlig harmlos, von einer Gesundheitsgefahr für Zivilisten und Soldaten könne angesichts der schwachen Strahlung keine Rede sein. Von Kritikern aber wurde die Uranmunition immer wieder mit zahlreichen Leiden wie dem vom Golfkriegs-Syndrom oder Missbildungen bei Säuglingen in Verbindung gebracht.

Vorkehrungen gegen "politischen Druck"

Jetzt denken US-Militärs offenbar darüber nach, die umstrittene Munition doch zu ersetzen - allerdings nicht aus humanitären Gründen, wie das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" berichtet, sondern aus Sorge darüber, dass der politische Druck gegen den Uran-Einsatz zu groß werden könnte. Ein neuartiger Wunderstoff soll nun das Problem lösen: eine exotische Wolfram-Legierung, die nicht radioaktiv und weniger giftig ist als Uran, ansonsten aber die gleichen todbringenden Eigenschaften hat.

Munition aus abgereichertem Uran ("depleted uranium", DU) ist seit den siebziger Jahren die Waffe der Wahl im Kampf gegen Panzer. Durch seine Dichte, die um 70 Prozent höher liegt als die von Blei, verleiht das Uran dem Geschoss ein hohes Gewicht und damit eine enorme Durchschlagskraft. Eine mit Uran gefüllte Ein-Liter-Wasserflasche würde 19 Kilogramm wiegen.

Bei den amerikanischen Streitkräften wird die so genannte DU-Munition größtenteils vom Kampfjet A-10 "Thunderbolt" verschossen. Das Bodenkampf-Flugzeug, auch bekannt unter dem Beinamen "Warzenschwein", kann mit seiner 30-Millimeter-Bordkanone pro Minute 3900 Geschosse mit einem Einzelgewicht von bis zu 750 Gramm abfeuern.

Zusätzlich zu seinem hohen Gewicht haben Uran-Wuchtgeschosse zwei weitere Eigenschaften, die sie zur schrecklichen Waffe machen. Trifft das Projektil sein Ziel, bleibt seine Form durch einen Selbstschärfungs-Effekt erhalten, so es selbst starke Panzerplatten durchschlägt. Zugleich wird beim Aufprall der Großteil der Bewegungsenergie in Wärmeenergie umgewandelt. Das Geschoss schmilzt und wird in eine Wolke kleinster Uran- und Uranoxid-Partikel zerstäubt, die Feuer fängt und die Panzerbesatzung bei lebendigem Leib einäschert.

Gesundheitsgefahr für Unbeteiligte

Gefahr besteht auch für Unbeteiligte: Vom Menschen eingeatmet, lösen sich die Uranpartikel in der Lunge auf und gelangen so in die Blutbahn und ins Gewebe. Auch über Wunden kann die Substanz in den Körper eindringen und Vergiftungen oder Krebs auslösen. In den Boden geschossene Uranmunition kann Schätzungen zufolge in fünf bis zehn Jahren vollständig korrodieren und das Uran ins Grundwasser abgeben.

Wolfram ist nicht radioaktiv, weit weniger giftig als Uran und ähnlich schwer. Sein Nachteil besteht allerdings darin, dass es beim Aufprall platt gedrückt und pilzartig verformt wird. Liquidmetal Technologies mit Sitz in Tampa (Florida) will nun eine Lösung gefunden haben: In einer speziellen Legierung soll Wolfram über ähnliche Eigenschaften verfügen wie abgereichertes Uran.

Wolfram-Munition vielleicht schon in zwei Jahren

Normalerweise bestehen massive Metalle aus einem Gitter von winzigen Kristallen, deren Größe die Eigenschaften des Materials bestimmt. In der Regel bricht das Metall entlang der Kristall-Zwischenräume, weshalb die Forscher nun ein formloses Material benutzen wollen, dessen Atome in einem Zufallsmuster angeordnet sind - wie etwa in Glas oder in Flüssigkeiten. Amorphes Wolfram soll nach Angaben von Liquidmetal Technologies ähnlich selbstschärfend und entzündlich sein wie Uran.

Laut "New Scientist" hat Liquidmetal Technologies mit der US-Regierung bereits einen Vertrag über Tests mit 30-Millimeter-Munition abgeschlossen. Die neuen Projektile könnten demnach schon in zwei Jahren einsatzbereit sein.

Ungefährlich für Zivilisten aber ist auch Wolfram nicht. Kleine Bruchstücke können nach einer Studie des Radiobiologischen Forschungsinstituts der US-Armee im menschlichen Körper Tumore verursachen. "Radioaktiv ist Wolfram natürlich nicht", sagte Peter Collins, Direktor der Royal Society's Science Policy Group, dem "New Scientist". "Aber die eigentliche Gesundheitsgefahr, die von jedem dieser Dinger ausgeht, ist, von einem getroffen zu werden."

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