US-Physiker Samuel Cohen Erfinder der Neutronenbombe ist tot

Sie kann auf einen Schlag Tausende von Menschen töten - dennoch verteidigte Samuel Cohen die von ihm erfundene Neutronenbombe als "moralisch" und "vernünftig". Jetzt ist der amerikanische Physiker im Alter von 89 Jahren gestorben.

"Lance"-Rakete (Juli 1964): Taktische Neutronenwaffen sollten sowjetische Panzer aufhalten
Corbis

"Lance"-Rakete (Juli 1964): Taktische Neutronenwaffen sollten sowjetische Panzer aufhalten


Los Angeles - Samuel Cohen, der als Vater der Neutronenbombe galt, ist tot. Er starb nach Angaben seines Sohnes am Sonntag in seinem Haus in Kalifornien. Cohen wurde 89 Jahre alt und litt zuletzt an Magenkrebs.

Noch vor wenigen Wochen beschrieb er im Interview mit der "New York Times" die umstrittene Bombe als die "vernünftigste und moralischste Waffe, die je erfunden wurde". Sie sei "die einzige Nuklearwaffe der Geschichte, mit der Kriegführung Sinn macht", sagte Cohen. "Wenn der Krieg vorbei ist, ist die Welt noch intakt."

Neutronenwaffen töten Menschen und andere Lebewesen durch die Zerstörung des zentralen Nervensystems. Sie geben den größten Teil ihrer Energie in Form harter Neutronenstrahlung ab - anders als herkömmliche Atombomben, deren Wirkung vor allem auf der ungeheuren Druck- und Hitzewelle beruht. Neutronenbomben richten vergleichsweise geringe Materialschäden an. Auch der radioaktive Niederschlag der 1958 entwickelten Waffe ist gering: Etwa 24 Stunden nach der Explosion kann das betroffene Gebiet wieder gefahrlos betreten werden.

In der Zeit des Kalten Krieges wurde der Einsatz der Neutronenwaffen für einen etwaigen Kriegsfall in Europa in Erwägung gezogen, um gegen die sowjetische Übermacht an Panzern anzukommen. Auf diese Weise, so das Kalkül der Militärs, müsste nicht zu herkömmlichen Atomwaffen gegriffen werden, die weite Teile Europas verwüsten und radioaktiv verseuchen würden. Eine Neutronenbombe zündet wenige hundert Meter über der Erde. Ihre tödliche Wirkung ist dann auf eine Fläche von rund einem Kilometer Durchmesser begrenzt. Gegner nannten die Bombe auch "Waffe der Kapitalisten", weil sie Eigentum verschont.

Bombenbau unter Präsident Reagan

US-Präsident Jimmy Carter hatte 1978 entschieden, die Neutronenwaffe nicht zu bauen. Doch das Pentagon arbeitete weiter daran. Präsident Ronald Reagan ordnete dann 1981 den Bau von 700 Sprengköpfen an. Er nannte die Bombe "die seit langer Zeit erste Waffe, die leicht und ökonomisch das Gleichgewicht der Macht verschieben kann". Der Bestand wurde später unter Präsident George Bush senior vernichtet.

Das hatte durchaus Gründe, denn die Zerstörungskraft einer Neutronenbombe wirkt nur im direkten Vergleich mit einer klassischen Kernspaltungswaffe gering. Eine Neutronenbombe setzt immer noch rund 30 Prozent ihrer Energie als Druckwelle und 20 Prozent als Hitzestrahlung frei. Bei einer herkömmlichen Atomwaffe sind es 50 bzw. 35 Prozent. Deshalb würde auch eine Neutronenbombe in der näheren Umgebung schwere Zerstörungen anrichten. Zudem ist die unmittelbare Wirkung auf feindliche Soldaten umstritten: Viele könnten nach der intensiven Strahlung Stunden, Tage oder gar Wochen überleben und weiterkämpfen.

Außerhalb von Expertenkreisen war Cohen kaum bekannt - anders als etwa Robert Oppenheimer, der Vater der Uran- und Plutoniumbombe, oder Edward Teller, der Entwickler der Wasserstoffbombe. Dennoch beeinflusste Cohens Arbeit die internationale Debatte über die Entwicklung von Nuklearwaffen und deren Einsatz wesentlich.

Cohen wurde am 25. Januar 1921 in New York als Sohn jüdischer Einwanderer aus Österreich geboren. Er studierte Physik und arbeitete im Rahmen des Manhattan-Projekts am Bau der Plutoniumbombe "Fat Man" mit, die im August 1945 über der japanischen Stadt Nagasaki abgeworfen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er am renommierten kalifornischen Forschungsinstitut Rand Corporation.

cib/dpa

insgesamt 27 Beiträge
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w.-d.w 02.12.2010
1. die Neutronen
Zitat von sysopSie kann auf einen Schlag Tausende von Menschen töten -*dennoch verteidigte Samuel Cohen die von ihm erfundene Neutronenbombe als "moralisch" und "vernünftig".*Jetzt ist der*amerikanische Physiker im Alter von 89 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,732492,00.html
hätten den Schlingel braten sollen - schade
bogol 02.12.2010
2. Segen der Atombombe?
Mmh. Zwar ist es wohl richtig, daß der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion nicht zuletzt wegen der atomaren Abschreckung zu keinem heißen Krieg wurde. Aber deswegen Massenvernichtungswaffen als "moralisch" und "vernünftig" zu bezeichnen? Ich weiß ja nicht...
komnenon 02.12.2010
3. Evil
Cohen als einen Wissenschaftler zu feiern ist dasselbe als ob man aus Eichmann einen Helden machen wuerde
johny walker 02.12.2010
4. ?
Zitat von komnenonCohen als einen Wissenschaftler zu feiern ist dasselbe als ob man aus Eichmann einen Helden machen wuerde
Eichmann ist wegen Beihilfe zu millionenfachen Mord an wehrlosen Juden verurteilt worden. Ist durch Cohens Forschungen jemand zu Schaden gekommen? Wie kommen Sie also auf einen solchen absurden Vergleich?
Schleswig 02.12.2010
5. xxx
Zitat von komnenonCohen als einen Wissenschaftler zu feiern ist dasselbe als ob man aus Eichmann einen Helden machen wuerde
Was hat Eichmann mit Cohen zu tun? Ob ich von einer Gewehrkugel getroffen, oder an Neutronen Strahlungen zugrunde gehe - wo ist da der Unterschied? Doch nur in einer effizienten Quantität.
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