US-Präsidentschaftswahl 1876 Der Sieg des Verlierers

Die Wahl Obamas war ein klarer Sieg. Anders sah das bei den US-Wahlen in den Jahren 2000 und 1876 aus: Bei beiden zog der Kandidat ins Weiße Haus ein, der weniger direkte Wählerstimmen gehabt hatte. Die Skandal-Wahl 1876 erschütterte die gerade hundert Jahre alt gewordene Republik bis ins Mark.
Von Ronald D. Gerste

1876 – für die Amerikaner hatte diese Zahlenfolge magischen Glanz. Denn es war kein Jahr wie jedes andere. Es sollte ein Jahr des Jubels und der nationalen Begeisterung sein, ein Jahr, in dem Amerika Rückblick halten wollte auf eine stürmische Geschichte, die nach eigenem Verständnis nichts anderes war als eine success story.

Genau 100 Jahre zuvor, am 4. Juli 1776, hatten in Philadelphia 13 Kolonien ihre Unabhängigkeit vom Mutterland England erklärt. Mittlerweile war fast der ganze Kontinent erschlossen und das Land auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen, später auch politischen Großmacht. Die zuversichtlichen Amerikaner konnten nicht ahnen, dass "1876" weniger als runder Geburtstag in Erinnerung bleiben würde, sondern mehr als ein finsteres Menetekel: Die Präsidentschaftswahl in jenem November stürzte die Nation, kaum dass die letzten Salutschüsse verklungen waren, in eine tiefe konstitutionelle Krise. Denn Amerikas Demokratie erlebte eine skandalöse Wahl, Vorwürfe von Betrug und Fälschung erschütterten den Glauben an sein demokratisches System – noch weit schlimmer als nach der Wahl von 2000 mit dem Zähldebakel von Florida und dem "Sieg" des nach absoluten Wählerstimmen nur zweitplatzierten George W. Bush.

Dabei sah alles so gut aus. Die Republik, conceived in liberty, wie es Lincoln in seiner "Gettysburg Address" formuliert hatte, war gestärkt aus dem grausamen Bruderkrieg von 1861 bis 1865 hervorgegangen. Die Symbole des Fortschritts – der Telegrafendraht und die transkontinentale Eisenbahn, 1869 mit dem Einschlagen eines goldenen Nagels vollendet – zogen sich quer durch den Kontinent und versprachen eine grandiose Zukunft.

Hauptschauplatz der 100-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten war jene Stadt, in der die Unabhängigkeitserklärung und später die Verfassung, die Constitution, unterschrieben worden waren: Philadelphia. Die "Centennial Exhibition" dauert sechs Monate und wurde zu einem unvergleichlichen Publikumsmagneten. Bis sich ihre Tore im November 1876 schlossen, war die Ausstellung von 8.804.631 Menschen besucht worden – etwa ein Fünftel der amerikanischen Bevölkerung hatte sich auf den Weg nach Philadelphia gemacht!

Zu bestaunen waren dort historische Artefakte wie die künstlichen Zähne George Washingtons, die ihm indes nie Erleichterung verschafft hatten, oder jene Druckerpresse, mit der Benjamin Franklin einst seine Karriere als Publizist begonnen hatte. Vor allem aber gab es Exponate, die den Weg in die Zukunft aufzeigten: Lokomotiven von ungeahnter Zugkraft, künstliche Beleuchtung (mit Gas) in seltener Pracht und allerlei imposante Maschinen. Um das Ausstellungsgelände herum war ein ganzer Stadtteil voller Annehmlichkeiten für die aus allen Teilen des Landes anreisenden Besucher entstanden, mit Gasthäusern, Popcornständen und Biergärten, in denen Zigarrenmädchen mit Bauchläden ihre Produkte aus Kuba und Virginia dem vom endlosen Wandeln über das Gelände erschöpften Gentleman anboten.

Eröffnet wurde das Jahrhundertereignis am 10. Mai 1876, einem ungewöhnlich heißen Tag. Über 187.000 Menschen waren gekommen, um Präsident Ulysses S. Grant zu hören. Er sah verdrießlich aus, und seine rhetorisch schwache Rede spiegelte seine schlechte Stimmung wider. Die acht Jahre seiner Präsidentschaft waren von Skandalen bestimmt. An eine damals noch mögliche Wiederwahl für eine dritte Amtszeit mochte selbst der Exgeneral und Freund eines kräftigen Tropfens nicht mehr recht glauben. Seine republikanischen Parteifreunde hatten ihn schon lange abgeschrieben.

Doch ein markanter Nachfolger war nicht in Sicht. Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner nominierten Männer mit wenig Charisma und Fähigkeit, andere zu begeistern. Dabei waren zumindest Grants Parteifreunde zunächst recht hoffnungsfroh. Als sich der Präsident im Frühjahr 1876 nach Philadelphia aufmachte, um die Centennial Exhibition zu eröffnen, favorisierten sie den Kongressabgeordneten James G. Blaine. In einer Zeit grauer, scheinbar austauschbarer Politikerfiguren war er eine leuchtende Erscheinung, ein kultivierter Liebhaber der Oper, mit starker persönlicher Ausstrahlung, beeindruckendem rhetorischem Geschick und einem geradezu phänomenalen Gedächtnis.

Aber auch ein derart begnadeter Politiker konnte in jenen Jahren offenbar nicht von blütenweißem Charakter sein. Plötzlich berichteten die Zeitungen, Blaine sei in eigenartige Spekulationen mit Eisenbahnaktien verwickelt und habe vom Präsidenten der Union Pacific Railroad ein "Darlehen" von 64.000 Dollar angenommen. Blaine setzten diese Anschuldigungen zu, und nur drei Tage vor Beginn der republikanischen convention, des Wahlparteitags, die nach allen Erwartungen eine Stätte seines Triumphs hätte werden sollen, brach Blaine auf einem Spaziergang durch Washington zusammen und konnte vom Krankenbett gegenüber Besuchern nur etwas von einem "politischen Mordanschlag" murmeln.

Hayes konnte mit seiner erwiesenen Tapferkeit vor dem Feind auf deutlich mehr Sympathien bauen


Ein Parteifreund, der sich über Blaines gesundheitlichen Rückschlag besonders besorgt zeigte, war der Gouverneur von Ohio, Rutherford Birchard Hayes. "Mit dem tiefsten Gefühl der Trauer", so schrieb Hayes dem daniederliegenden Blaine, "habe ich die Berichte von Ihrer Krankheit gelesen. Meine Augen sind fast blind vor Tränen, während ich schreibe. Alle anständigen Männer unter Ihren Landsleuten werden für Ihre schnellstmögliche und vollständige Heilung beten. Dies bedrückt mich genauso, wie mich der Tod Lincolns bedrückt hat. Gott möge Sie schützen und bald wieder genesen lassen." Es wird Hayes ungemein beruhigt haben, dass Blaine dem "politischen Attentat" nicht zum Opfer fiel und gen Himmel fuhr, wohl aber nach Ohio zu reisen gedachte. Denn in Cincinnati sollte die convention der Republikaner stattfinden, auf der Blaine hoffte, sich schnell und deutlich gegen drei andere Bewerber durchzusetzen. Cincinnati liegt in Ohio, und damit spielte Gouverneur Hayes als Gastgeber eine besondere Rolle mit besonderem Einfluss. Und vielleicht würde ja auch das schon sprichwörtliche Hayes luck im Nominierungsprozess eine Rolle spielen. Rutherford Hayes hatte in der Vergangenheit regelmäßig ungeheures Glück gehabt. Wahlen gewann er fast immer – wenn auch denkbar knapp.

In Cincinnati hatte der 1822 auf einer Farm in Ohio geborene Hayes sein erstes politisches Amt angetreten und war auch dabei schon vom Glück begünstigt gewesen. Er wurde 1858 zum city solicitor, einer Art oberstem Steuerbeamten, gewählt – der Posten war überraschend frei geworden, nachdem der Amtsinhaber von einer Lokomotive überfahren worden war. Die Entscheidung des Stadtrats fiel mit einer Stimme Mehrheit und im 13. Wahlgang, eine erste Manifestation des Hayes luck!

Der Gewählte war ein erfolgreicher Anwalt. Zu seinen Klienten zählten jene Unternehmen, die in dieser Epoche geradezu einen traumhaften wirtschaftlichen Aufschwung erlebten und die zu Symbolen der Moderne wurden: Eisenbahngesellschaften. Politisch stand er auf Seiten der neu gegründeten Republikanischen Partei. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs diente Hayes in einem Freiwilligenregiment aus Ohio – im Rang eines Majors. Drei Tage vor der Schlacht von Antietam in Maryland im September 1862 zerschmetterte eine Kugel seinen linken Oberarm. Jetzt hatte er besonders viel Glück: Die sonst weithin übliche Komplikation des Wundbrands und damit die Amputation, das Allheilmittel der Feldchirurgen, blieben ihm erspart. Er zog bald wieder ins Feld und erlebte eine kaum glaubliche Steigerung von Hayes luck: Bei Cedar Creek 1864 traf ihn eine Kugel am Kopf. Das Geschoss hatte indes seine Gefährlichkeit verloren und "seine Kraft (vermute ich) gelassen, als es durch jemand anderen hindurchzog", so Hayes.

Er verließ die Unionsarmee als hochdekorierter Kriegsheld mit dem Rang eines Brigadegenerals. Den Krieg bezeichnete er gegenüber seiner Frau Lucy ungeachtet der vielen Gräuel, die er miterlebt hatte, als "die besten Jahre unseres Lebens". Noch während seiner Zeit in Uniform war er zum ersten Mal ins Repräsentantenhaus gewählt worden. 1867 wurde er Gouverneur von Ohio. Sein Vorsprung betrug nur 2983 Stimmen bei fast einer halben Million abgegebener Voten. Zwei Jahre später errang er das Amt ein weiteres Mal – diesmal mit einem Vorsprung von immerhin 7501 Stimmen. Nach zwei Amtsperioden zog er sich ins Privatleben zurück – bis er sich überreden ließ, 1875 abermals für das Amt des Gouverneurs zu kandidieren. Zum dritten Mal gewann Hayes – mit dem hauchdünnen Vorsprung von 5544 Stimmen, also rund einem Prozent. Seine Parteifreunde in Ohio sprachen nun ganz offen davon, dass Hayes für die Präsidentschaft kandidieren solle. Und der Gouverneur widersprach – ungeachtet des tränenerfüllten Briefs an Frontrunner Blaine – allenfalls zaghaft.

Die republikanische convention, die am 14. Juni 1876 in Cincinnati zusammentrat, war ein Geschäft für die Buchmacher – spannend wie selten, ohne einen eindeutigen Favoriten. Als erfahrener Gouverneur eines potenziell wahlentscheidenden Staats würde Hayes ein maßgeblicher Faktor sein. Doch zunächst führte Blaine. Erst im siebten Wahlgang war das Glück wieder einmal mit Hayes: Er bekam fünf Stimmen mehr, als er brauchte.

Auch bei den Demokraten gab es kein einheitliches Stimmungsbild. Die besten Chancen hatte Samuel Jones Tilden, der wie Hayes aus dem ländlichen Amerika stammte, aus der Gemeinde New Lebanon im Staat New York. Der erfolgreiche Anwalt hatte jedoch nie geheiratet, was seinen Aussichten auf die Präsidentschaft nicht unbedingt förderlich war: Die amerikanische Öffentlichkeit ist es seit jeher gewohnt, mit einem Präsidenten auch eine First Lady und möglichst auch eine First Family zu bekommen. Politisch schwerer wog aber ein anderes Detail in Tildens Biografie: Er hatte nicht im Bürgerkrieg gedient. Tilden war zwar schon zu alt für das Soldatenleben, doch konnte Hayes mit seinen Verwundungen und seiner erwiesenen Tapferkeit vor dem Feind auf deutlich mehr Sympathien bei den Unionsveteranen bauen.

"Das Ergebnis – was ist es? Kein Mensch kann das verstehen. Es ist unmöglich, unseren nächsten Präsidenten zu benennen."


Anders als heute begab sich keiner der beiden Spitzenkandidaten persönlich auf eine Reise durch das Land, um Wahlkampf zu führen. Diese moderne Sitte ist kaum älter als 100 Jahre. Ende des 19. Jahrhunderts galten solche Auftritte als wenig gentlemanlike. Die eigentliche Kampagne führten die Parteiorganisationen. Die Spitzenkandidaten verfassten allenfalls Briefe, die von Zeitungen veröffentlicht wurden und in denen sie ihre politische Philosophie darlegten. Am 19. August 1876 diagnostizierte der "New York Herald" "einen flachen und zahmen Wahlkampf". Stimmung kam erst im September auf, als in der "New York Times" Vorwürfe gegen Tilden laut wurden, er habe es 1863 bei der Abgabe der Steuererklärung nicht so genau genommen und ein zu versteuerndes Einkommen von 7118 Dollar angegeben. In Wahrheit habe er aber Einnahmen in Höhe von 108.000 Dollar gehabt. Allein, Rutherford Hayes mochte diese Vorwürfe nicht aufgreifen. Kleinlaut schrieb der Republikaner in Columbus, Ohio, in sein Tagebuch: "Als ein Ausgleich gegen das, was man über Governeur Tildens Einkommenssteuererklärung gesagt hat, sind meine nun untersucht worden. Es sieht so aus, als habe ich 1868 und 1869 gar keine abgegeben."

Der Besuch der Weltausstellung in Philadelphia bot beiden Kandidaten die seltene Gelegenheit für einen öffentlichen Auftritt. Tilden kam am 21. September, Hayes fünf Wochen später. Bei einem Empfang zu seinen Ehren wurde dem Republikaner übrigens der Eintritt in den Pavillon verweigert – Hayes war so unbekannt, dass die Sicherheitskräfte in ihm nicht den Ehrengast des Abends erkannten. Wie bei dem grundsätzlich freundlichen Mann beinahe zu erwarten, nahm er es mit Gelassenheit.

Dann kam der Tag der Entscheidung. Am 7. November 1876 gingen achteinhalb Millionen Amerikaner zu einer Wahl, die eine Jahrhundertwahl werden sollte. Hayes, der es für ein Gebot der Fairness hielt, sich nicht selbst zu wählen – angesichts seiner persönlichen Erfahrung mit knappen Wahlausgängen eine besonders noble Haltung –, blieb bei seiner Familie daheim in Columbus. Tilden hingegen ging schon frühmorgens in New York zur Wahl und verbrachte dann einige Stunden im Hauptquartier der Demokraten. Abends gab er einen Empfang in seinem luxuriösen Haus am Gramercy Park, die meisten Besucher gratulierten ihm bereits, denn nach den ohnehin günstigen Prognosen der letzten Wochen waren die ersten Resultate, die der Telegraf aus allen Teilen des Landes nach New York trug, sehr ermutigend. In Columbus hingegen machten pessimistische Vorhersagen die Runde, die das bestätigten, was Hayes wenige Tage zuvor seinem Tagebuch anvertraut hatte: "So wie ich es sehe, stehen die Chancen gegen uns." Kurz nach Mitternacht zog sich Hayes mit seiner Frau Lucy zurück: "Bald fielen wir in einen erfrischenden Schlaf, und die ganze Angelegenheit schien vorüber."

Knapp war das Ergebnis in der Tat: Tilden brachte es auf 4.300.590 Stimmen, Hayes auf 4.036.298. In Prozenten: 51 für Tilden und 47,9 für Hayes. "Tilden is elected", lautete am anderen Morgen die Schlagzeile der "New York Sun". Der "New York Herald" war hingegen vorsichtiger und traf die Lage besser: "Das Ergebnis – was ist es? Kein Mensch kann das verstehen. Es ist unmöglich, unseren nächsten Präsidenten zu benennen." Bei den im amerikanischen System entscheidenden Wahlmännern lag Tilden ebenfalls vorn. Der Demokrat konnte sicher auf 184 Stimmen setzen, der Republikaner Hayes nur auf 166. Allerdings: Um Präsident zu werden, benötigte ein Kandidat 185 Wahlmännerstimmen.

Die noch unsicheren Staaten waren South Carolina, Florida und Louisiana. Zufall oder nicht, in diesen drei Staaten regierten als Folge der Besetzung durch Unionstruppen nach dem Bürgerkrieg die letzten republikanischen Gouverneure des Südens. Und welch schicksalhafte Arithmetik: Louisiana verfügte über acht Wahlmännerstimmen, South Carolina über sieben, Florida über vier. Acht plus sieben plus vier ist gleich 19. Und 19 addiert zu den 166 Hayes-Wahlmännerstimmen ergibt: 185 – exakt die Stimmenzahl, die notwendig war, um Präsident zu werden.

Einer der Ersten, dem dieser mathematisch-politische Zusammenhang auffiel, gehörte zu den schillerndsten Gestalten der amerikanischen Politszene: der ehemalige Unionsgeneral Daniel E. Sickles. Im Bürgerkrieg hatte er bei Gettysburg einen Angriff geführt, der ihn ein Bein kostete und ihm die Dankbarkeit seines Vorgesetzten und späteren Präsidenten Ulysses S. Grant einbrachte. Als dieser ins Weiße Haus eingezogen war, ernannte er den einbeinigen Exgeneral zum amerikanischen Botschafter in Spanien.

In die USA zurückgekehrt, trieben Sickles am Wahlabend die ersten und ungünstigen Resultate um. Er begann zu rechnen: "Nach sorgfältiger Überlegung kam ich zu dem Ergebnis, dass die Wahl sehr eng und zweifelhaft war, aber keineswegs hoffnungslos. Nach meinen Zahlen gab es die Möglichkeit, dass Hayes mit mindestens einer Stimme Mehrheit im electoral college gewählt würde." Sickles sandte sofort Telegramme an die republikanischen Parteifreunde in den drei Staaten und forderte, die Wahl auf keinen Fall verloren zu geben, sondern vielmehr dafür zu sorgen, dass die Stimmen "korrekt" gezählt würden.

Rutherford B. Hayes war zunächst nicht davon zu überzeugen, dass durch die drei Südstaaten eine Änderung der Verhältnisse noch möglich wäre. Am Tag nach der Wahl erklärte er vor Journalisten: "Ich denke, dass wir verloren haben. Ich bin der Meinung, dass die Demokraten das Land gewonnen haben und Tilden gewählt ist, denn nun scheint es so, als müssten die Republikaner alle doubtful states gewinnen, um zu einer Mehrheit von einer Stimme zu kommen." Seine Parteifreunde brachten ihn in den nächsten Tagen dazu, zurückhaltender zu sein und vor allem eine concession speech, ein öffentliches Zugeständnis der Niederlage, zu vermeiden.

Die Entscheidung fiel mehr als zwei Monate nach der Wahl

Die drei umstrittenen Staaten sahen in den nächsten Wochen und Monaten einen ständigen Strom von Besuchern aus beiden Parteilagern, die vor Ort versuchten, das Ergebnis in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen. Wiederholt kam es zu Wechseln in der Zusammensetzung der einzelnen electoral boards, mit ausgelöst durch lokale Wahlen. In Florida etwa, einem Staat mit rund 180.000 Einwohnern, sprach eine von Demokraten beherrschte Wahlkommission dem Kandidaten Tilden zunächst eine Mehrheit von 45, schließlich sogar eine von 90 Stimmen zu. Doch die Republikaner ließen in einigen Counties, wo es angeblich zu Unregelmäßigkeiten gekommen war, nachzählen. Schließlich verkündete der Gouverneur unter Bewachung von Unionssoldaten in Floridas Hauptstadt Tallahassee ein neues Ergebnis: Rutherford B. Hayes habe im Staat eine Mehrheit von 924 Stimmen. Ähnliche Diskrepanzen in Abhängigkeit von dem mit der Zählung beauftragten lokalen Gremium gab es auch in den anderen beiden Staaten.

Am 6. Dezember 1876, als das Wahlmännerkollegium in Washington zusammentreten sollte, gab es aus vier Staaten jeweils zwei unterschiedliche offizielle Wahlergebnisse. Inzwischen hatte sich auch bei Hayes ein Meinungswandel vollzogen: "Ich habe keine Zweifel, dass wir moralisch und legal die Präsidentschaft gewonnen haben." Die Demokraten forderten, dass zu geschehen habe, was die Verfassung vorschrieb: Wenn kein Kandidat eine (erkennbare) Mehrheit habe, müsse das Repräsentantenhaus entscheiden. In diesem hatten die Demokraten die Mehrheit, so dass Tilden sicher gewählt worden wäre.

Doch man einigte sich schließlich auf eine andere Lösung. Eine Kommission wurde eingesetzt, bestehend aus sieben Demokraten, sieben Republikanern und einem Unabhängigen. Der undankbare Part des 15. Mannes sollte einem Mitglied des Obersten Bundesgerichts zufallen. Als wirklich unabhängig galt aber nur Richter David Davis. Doch ob Zufall – und an Zufälle glaubten Anfang 1877 nur noch die wenigsten Amerikaner – oder nicht: Gerade in dieser Phase wählte ihn das Staatsparlament von Illinois zum Senator. Und die jetzt noch zur Verfügung stehenden Obersten Bundesrichter waren allesamt von Republikanischen Präsidenten ernannt worden!

Den Platz von Davis nahm schließlich Richter Joseph P. Bradley aus New Jersey ein, dem Gerüchte vorauseilten, er sei kein strammer Parteisoldat der Republikaner, er habe Sympathien für Tilden und dergleichen mehr. Es wurden viele Vermutungen angestellt, mit welcher Geisteshaltung dieser entscheidende 15. Mann in die Sitzung der electoral commission ging und welchen Einflüssen er unterlag. Den Demokraten nahestehende Besucher in Bradleys Haus wollen am Vorabend der entscheidenden Sitzung eine für Tilden günstige Meinung des Richters aus der Konversation herausgehört haben; danach, in tiefer Nacht bis in die Morgenstunden, sollen Kutschen vor Bradleys Haus geparkt haben, die hochrangigen Industriekapitänen und Eisenbahnbaronen gehörten. Möglicherweise sind "Anreize" gemacht worden, mit einem sechsstelligen oder noch höheren Betrag. Selbstverständlich stritt Bradley jedwede Einflussnahme von außen ab – die fragliche Nacht habe er friedlich geschlafen.

Die Entscheidung fiel mehr als zwei Monate nach der Wahl. Am 7. Februar trat die Wahlkommission zusammen. Um 14.13 Uhr erhob sich Bradley von seinem Stuhl und sprach in die atemlose Stille in der Old Senate Chamber. Er referierte die unterschiedlichen juristischen Sichtweisen, und für etwa zehn Minuten konnten sich die sieben Demokraten in diesem Gremium der Illusion hingeben, dass eine Entscheidung in ihrem Sinn fallen würde.

Dann jedoch machte Bradley in der pointierten Sprache des sich selbst jeder Verantwortung entziehenden, Präzedenzfälle und Nebenklauseln zitierenden Rechtsexperten deutlich, wohin sein Argument ging. In der anschließenden Abstimmung erhielt Tilden sieben und Hayes acht Stimmen.

In jenen Zeitungen, die den Demokraten zuneigten, schlug die Empörung hohe Wellen. Es wurde gar von einer Neuauflage des Bürgerkriegs gesprochen. Aber daran war vor allem den Demokraten in den Südstaaten, die sich mühsam die Macht in den Gouverneurspalästen und Staatsparlamenten zurückerkämpft hatten, überhaupt nicht gelegen. Hinter den Kulissen wurde mit Repräsentanten der künftigen Hayes-Administration verhandelt. Beide Häuser des Kongresses hätten das Ergebnis der Wahlkommission noch verwerfen können, doch dazu kam es nicht. Am 2. März verkündete der Präsident des Senats, der Republikaner Thomas W. Ferry, das Ergebnis: 185 Stimmen für Hayes, 184 Stimmen für Tilden. Ohne die Miene zu verziehen, fügte er hinzu, die Wahl habe den Respekt der ganzen Welt verdient.

Der Kongressabgeordnete Joseph C. Blackburn aus Kentucky hingegen kommentierte: "Heute ist Freitag. An einem solchen Tag wurde unser Heiland zwischen zwei Dieben hingerichtet. Am heutigen Freitag aber wurden die konstitutionelle Regierungsform, Ehrlichkeit, Recht, Fairness, Mannhaftigkeit und Würde zwischen einer ganzen Anzahl von Dieben gekreuzigt."

Der Mediziner und Historiker Ronald D. Gerste arbeitet als freier Wissenschaftskorrespondent und Autor in Washington. Gerade erschien im Verlag Friedrich Pustet sein neues Buch "Abraham Lincoln: Begründer des modernen Amerika".

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