US-Raketenschild Experten streiten über Gefahr abstürzender Trümmer

Ein amerikanisches Abfangprojektil jagt in den Himmel, zerstört eine Atomrakete und die Trümmer regnen auf bewohntes Gebiet in Europa. Mission des geplanten US-Raketenschilds erfüllt - trotz der Gefahr für die Zivilbevölkerung. US-Militärs halten dies jedoch für das kleinere Übel.


Der geplante Raketenabwehrschirm der USA in Osteuropa bleibt weiter umstritten. Militärexperten warnen davor, dass nach einem erfolgreichen Abschuss einer Rakete abstürzende Trümmer verheerende Schäden unter der Zivilbevölkerung anrichten könnten.

Test einer Abfangrakete auf den Marshall-Inseln (2005): Schlimme Schäden entlang der Flugstrecke?
AP

Test einer Abfangrakete auf den Marshall-Inseln (2005): Schlimme Schäden entlang der Flugstrecke?

Der Chef der US-Raketenabwehr, General Henry Obering, erklärte dazu in der "Zeit": "Müll ist besser als eine Atombombe aus dem All." Eine beispielsweise aus Iran oder Nordkorea anfliegende Rakete sollte "so hoch wie möglich im Weltall zerstört werden".

Wie aus Regierungskreisen in Washington verlautete, konnte Präsident George W. Bush den über seine Raketenpläne verärgerten russischen Präsidenten Wladimir Putin am Mittwoch bei einem Telefongespräch "erst einmal beschwichtigen". Bush wolle Putin "in allen Einzelheiten" über die amerikanischen Pläne zur Errichtung von weit reichenden Radaranlagen in Tschechien und Abfangraketen in Polen unterrichten, hieß es. Die Russen dürften sich "nicht umzingelt fühlen", habe Bush unterstrichen.

Die tschechische Regierung hatte am selben Tag beschlossen, mit den USA separate Verhandlungen über den Aufbau von Radaranlagen auf ihrem Gebiet zu beginnen. Schon am 19. April wollen Amerikaner und Russen in Brüssel erste Gespräche über die Raketen aufnehmen.

Der russische Militärexperte Juri Saizew sagte in Moskau, ein US-Raketenschild in Osteuropa banne noch keineswegs die Gefahren für alle Europäer. Im Falle der Zerstörung der im All anfliegenden Rakete verfehle deren Sprengkopf zwar das programmierte Ziel. Beim Absturz der Trümmer werde aber "mit Sicherheit entlang der Flugtrasse schlimmer Schaden angerichtet". Berechnungen hätten auch gezeigt, dass der Sprengkopf der bei einer Geschwindigkeit von 3,9 Kilometern pro Sekunde abgefangenen Rakete noch rund 2000 Kilometer selbstständig weiterfliege, betonte Saizew. Bei einer Geschwindigkeit von 5,5 Kilometern pro Sekunde seien es sogar 5000 Kilometer.

Sascha Lange von der Berliner "Stiftung Wissenschaft und Politik" berichtete, dass die für Polen vorgesehenen Abfangraketen ihre Funktionsfähigkeit noch nicht in einem realistischen Einsatztest beweisen konnten. Trotz dieser Probleme seien in den vergangenen zehn Jahren bei den verschiedenen US-Abfangsystemen gewisse Fortschritte erzielt worden. Die Amerikaner gäben sich jedoch bei der Darstellung ihrer Pläne noch immer "sehr positiv".

Grundsätzlich erscheine es aber sinnvoll, die US-Abwehrsysteme auch in Europa aufzustellen. "Denn von Iran in Richtung Amerika fliegende Raketen würden europäisches Territorium überqueren und ließen sich dort in ihrer mittleren Flugphase bekämpfen." Lange betonte allerdings, dass die Iraner noch lange nicht über weitreichende Raketen verfügen.

Das US-Militär errichtete in Fort Greely in Alaska bereits ein erstes Raketenabwehrsystem für Amerika. Im Rahmen der nationalen Raketenabwehr sollen bis zu 40 Raketenbunker in den Vereinigten Staaten gebaut werden. Auf den Aleuten, einer zu den USA gehörenden Inselgruppe zwischen Beringmeer und Pazifischem Ozean, wird gegenwärtig eine Radarstation eingerichtet, die schon im Sommer einsatzbereit sein soll. In Deutschland und anderen Nato-Ländern sind die US-Raketenabwehrpläne heftig umstritten, weil die Amerikaner außerhalb des Atlantischen Bündnisses separat mit Polen und Tschechien ihre europäischen Pläne verfolgen.

Friedrich Kuhn, Gerhard Kowalski/ddp



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