US-Senator Inhofe in Kopenhagen Der Dinosaurier aus dem Bushozän

Es war einer der bizarrsten Momente des Klimagipfels: US-Senator James Inhofe bezeichnete die globale Erwärmung als Problem der "Hollywood-Eliten" - und glaubt, dass die USA kein Klimaschutzgesetz und kein internationales Abkommen verabschieden werden. Das Problem: Er könnte Recht haben.
US-Senator James Inhofe: "Ich habe das alles vorausgesehen"

US-Senator James Inhofe: "Ich habe das alles vorausgesehen"

Foto: DDP

Wer glaubte, dass mit der Abwahl von Präsident George W. Bush der dicke Knoten in der US-Klimapolitik endlich geplatzt sei, könnte nach dem Auftritt von James Inhofe beunruhigt sein. Der Senator gilt als Kopf der Betonfraktion Washingtons - und als einflussreich.

"Die meisten von euch gehören eh zur extremen Linken", rief der US-Senator den Journalisten zu, die sich auf dem Kopenhagener Klimagipfel um ihn drängten. Für ganze zwei Stunden sei er in die dänische Hauptstadt gekommen. Anschließend fliege er direkt wieder nach Washington, um in einer Fernsehshow aufzutreten und an einer Senatsabstimmung teilzunehmen.

Warum das alles? "Weil ich euch die Chance geben will, die Wahrheit zu hören", sagte der Republikaner aus Oklahoma. "Denn von anderen Leuten werdet ihr sie nicht bekommen." Die Welt solle sich im Klaren darüber sein, was die USA tun - oder vielmehr: nicht tun werden. "Die USA werden kein Emissionshandelssystem beschließen", sagte Inhofe mit Blick auf das Klimaschutzgesetz, das seit Monaten im amerikanischen Kongress festhängt. "Die Chance ist gleich Null."

"Das amerikanische Volk wird ein verbindliches Abkommen ablehnen"

Das gleiche gelte für ein internationales Klimaschutzabkommen. Der US-Kongress werde nichts akzeptieren, was der Wirtschaft der USA schade und den Entwicklungsländern weniger Pflichten auferlege als den Industrieländern. "Keine dieser beiden Kriterien wurden bisher erfüllt", so Inhofe. Deshalb werde in Kopenhagen kein verbindliches Abkommen herauskommen. "Und falls doch, wird das amerikanische Volk es ablehnen."

Das Problem: Inhofe könnte am Ende Recht behalten. Denn was Obama in Kopenhagen zu einem internationalen Abkommen beitragen kann, hängt maßgeblich davon ab, ob das Klimaschutzgesetz im Senat durchkommt. US- Senator John Kerry etwa zeigte sich in seiner aggressiven Rede in Kopenhagen überzeugt davon. Doch am Ende dürfte es vor allem auf die Stimmung beim Wähler ankommen.

Und die ist derzeit alles andere als günstig für den Klimaschutz. Eine Studie des New Yorker Harris Institute hat jüngst ergeben, dass nur 49 Prozent der US-Bürger den Treibhausgasausstoß des Menschen für eine Ursache des Klimawandels halten. Noch vor zwei Jahren waren es 71 Prozent. In einer ähnlichen Erhebung des Washingtoner Pew Research Center landete der Klimawandel in einer Rangliste der 20 wichtigsten Probleme auf dem letzten Platz. Die Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise hat die globale Erwärmung in den USA offenbar aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. "Die Klima-Sache ist ein Problem der Hollywood-Eliten", tönte Inhofe in Kopenhagen.

Die Mitglieder der US-Delegation in Kopenhagen geben sich gelassen. "Ich denke nicht, dass Senator Inhofe für die Mehrheit der Amerikaner spricht", sagte Steny Hoyer, demokratischer Mehrheitsführer im US-Repräsentantenhaus, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Mehrheit der Amerikaner glaubt, dass die globale Erwärmung ein Problem ist, das wissenschaftlich bewiesen ist, und das Maßnahmen erfordert." Wie die aussehen sollen, sei zwar umstritten - "aber das ist in einer Demokratie zu erwarten", so Hoyer.

Noch viel Aufklärungsarbeit nötig

Auch Charles Rangel glaubt, dass die USA für scharfe Klimaschutzmaßnahmen bereit sind. "Da gibt es keine Frage", sagte Rangel, der Vorsitzende des einflussreichen Mittel-und-Wege-Ausschusses im US-Repräsentantenhaus, der unter anderem für Haushalts-, Finanz- und Steuerpolitik zuständig ist. Zwar müsse noch viel für die Aufklärung der Amerikaner getan werden, sagte Rangel zu SPIEGEL ONLINE. "Aber sie werden verstehen."

Der Streit dürfte unterdessen mit unverminderter Schärfe weitergehen. Neben der Gesundheitsreform sieht die Rechte in den USA den Klimawandel als weiteres Feld, auf dem sich der ideologische Kampf gegen Präsident Barack Obama führen lässt.

Erhöht wurde das Konfliktpotential erst Anfang Dezember, als die Umweltbehörde EPA entschied, Kohlendioxid und fünf weitere Gase für gesundheitsschädlich zu erklären. Damit kann die EPA den CO2-Ausstoß regulieren - was nicht weniger bedeutet, als dass Obama seinem Land den Klimaschutz nun einfach am Parlament vorbei verordnen könnte.

Die amerikanische Rechte führt ihren Kampf nicht nur gegen den politischen Gegner, sondern - in bester Tradition der Regierung von George W. Bush - auch gegen die Wissenschaft. Inhofe sagte in Kopenhagen, die gesamte Arbeit des Uno-Klimarats IPCC - zu dem weit über tausend Wissenschaftler in aller Welt gehören - sei durch "Climategate" als Fälschung "entlarvt".

Der Begriff hat sich unter den Klimawandel-Leugnern inzwischen breitgemacht als Bezeichnung für den Diebstahl von Forscher-E-Mails von einem Server der britischen University of East Anglia. Das mit der gefälschten Forschung habe er übrigens schon immer gewusst, sagt Inhofe. Bereits vor vier Jahren habe er im Senat eine Rede gehalten über Wissenschaftler, die sich bei ihm über die Unterdrückung ihrer Ergebnisse geklagt hätten. "Ich habe das alles vorausgesehen."

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