US-Studie Jeder zehnte Vater ist depressiv

Babys können ihren Eltern durchaus den letzten Nerv rauben. Doch nicht nur Mütter rutschen nach der Geburt oft monatelang in ein psychisches Tief. Psychologen haben jetzt festgestellt: Auch jeder zehnte Vater leidet an der sogenannten Wochenbett-Depression.


Ein schreiendes Baby, schmutzige Windeln, keine ruhige Minute mehr für sich und den Partner: Das und viel mehr kann frisch gebackenen Eltern mächtig aufs Gemüt schlagen und mitunter auch Depressionen verursachen. Sogar jeder zehnte Vater von Babys habe Depressionen, berichten Mediziner aus den USA in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Pediatrics".

Vater mit einjährigem Sohn: In den USA ist jeder zehnte frisch gebackene Papa depressiv, jede siebte Mutter auch
DPA

Vater mit einjährigem Sohn: In den USA ist jeder zehnte frisch gebackene Papa depressiv, jede siebte Mutter auch

James Paulson vom Center for Pediatric Research in Norfolk (US-Bundesstaat Virginia) und zwei Kollegen befragten 5089 Paare mit neun Monate alten Kindern nach depressiven Symptomen und ihrer Beziehung zum Kind. So mussten die Eltern beispielsweise angeben, wie oft sie ihrem Kind eine Geschichte vorlesen oder ihm ein Lied vorsingen.

Die Forscher stellten fest, dass 14 Prozent der Mütter nach der Geburt eines Kindes an mittelschweren oder schweren Depressionen litten. Dieses Resultat stimme mit früheren Untersuchungen überein. Erstaunlich sei jedoch, dass auch zehn Prozent der Väter depressiv waren. Der Anteil der Depressiven an der männlichen Gesamtbevölkerung der USA liegt dagegen nur bei fünf Prozent. Dieses Ergebnis führen Paulson und seine Kollegen auf eine Lücke in der Forschung zurück: "Depressionen nach der Geburt sind bei erziehenden Vätern ungenügend untersucht."

Depressive Eltern kommunizieren weniger mit den Babys

Paulsons Team hat nach eigenen Angaben während der Studie auch herausgefunden, dass sich die Depression der Eltern stark auf die Beziehung zum Kind auswirkt.

Depressive Mütter legen ihr Kind öfter mit einer Flasche ins Bett, erzählen ihrem Baby deutlich seltener Geschichten und spielen auch seltener mit ihm. Die Depression der frisch gebackenen Väter führt den Forschern zufolge dazu, dass sie ihr Kind öfter wach ins Bett legen und seltener mit ihm spielen.

Auffällig sei gewesen, dass die Depression eines Elternteils auch das Verhalten des Partners gegenüber dem Kind beeinflusse, schreiben die Forscher. So sangen Väter, deren Frauen depressiv waren, ihrem Baby weniger häufig ein Lied vor; und Mütter mit depressiven Partnern erzählten dem Kind seltener Geschichten.

Das Erkennen einer Depression nach der Geburt sei daher sowohl für das Kind als auch für die Eltern äußerst wichtig, betont Paulson. In Deutschland hinkt die Forschung offensichtlich hinterher. Experten sagten zu SPIEGEL ONLINE, dass ihnen keine Untersuchungen über Depressionen von Vätern Neugeborener bekannt seien.

fba/ddp



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