US-Studie Stammhirndefekt soll Autismus verursachen

Bei Autisten bildet sich vermutlich aufgrund einer Gen-Mutation ein Teil des Hirnstammes nicht aus. Sollten sich die Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie bestätigen, eröffnen sich der Medizin gänzlich neue Möglichkeiten bei Diagnose und Behandlung von Autismus.


Eine Mutter mit ihren autistische Kindern: Aussicht auf neue Behandlungsmethoden?
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Eine Mutter mit ihren autistische Kindern: Aussicht auf neue Behandlungsmethoden?

Heidelberg - Die Entwicklungsstörung des Stammhirns hängt mit einer genetischen Fehlsteuerung in der frühen Schwangerschaft zusammen, wie Patricia Rodier von der Universität Rochester im US-Staat New York im "Spektrum der Wissenschaft" berichtet.

Die Wissenschaftlerin entdeckte, dass Autisten ein bestimmter schmaler Abschnitt im Hirnstamm fehlt. Dort liegen dem Bericht zufolge neuronale Schaltgebiete für bestimmte Hirnnerven, die zum Beispiel zur Gesichtsmuskulatur führen. Bei vielen Autisten seien die Augenbewegungen gestört, und viele wiesen kaum merkliche Missbildungen der Ohren auf. Auch könnten autistische Kinder typischerweise zwei gleichzeitige Reize nicht verarbeiten.

Rodier und ihre Kollegen fanden heraus, warum dieser Abschnitt fehlt: Sie entdeckten bei den untersuchten Autisten auf dem Chromosom 7 ein mutiertes Gen. Es handele sich dabei um die Mutation eines wichtigen Steuergens, das bei Autisten häufiger vorkomme als bei gesunden Menschen. Dieses Gen sei nur während der ersten Schwangerschaftswochen aktiv, und zwar genau dann, wenn die ersten Nervenzellen entstünden. Die meisten dieser Zellen liegen später im Stammhirn und steuern von dort die Muskulatur von Gesicht und Mund. Wenn dieses Gen völlig fehlt, entstünden Missbildungen unter anderem an den Ohren und der bestimmte Abschnitt im Stammhirn bilde sich nicht aus.

Auf den Zusammenhang zwischen Defekten des Stammhirns und Autismus brachte Rodier nach eigener Auskunft eine schwedische Studie über Contergan-Geschädigte. Danach seien eine auffallend große Zahl der Untersuchten auch autistisch. Diese Patienten hätten aber häufig nicht verkrüppelte Gliedmaßen, sondern Deformationen an den Ohren und Probleme mit Augenbewegungen. Dies habe den ersten Hinweis darauf geliefert, dass die Schädigung auftrete, lange bevor das Gehirn für höhere Funktionen angelegt werde.

Eine biologische Ursache des Autismus vermuteten Ärzte nach Angaben des Wissenschaftsmagazins schon lange, bisher aber ohne konkrete Hinweise. Die Behinderung trete familiär gehäuft auf - wenn auch nur in geringem Maße. So seien drei bis acht Prozent der Geschwister von Autisten ebenfalls autistisch. Allerdings zeigten Verwandte, ohne selbst krank zu sein, vermehrt einzelne Verhaltenszüge, die zum komplexen Erscheinungsbild des Autismus gehörten. Dies alles werteten Genetiker als Anzeichen für einen sehr komplexen erblichen Hintergrund sowie ein Zusammenwirken mit Umweltfaktoren.



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