US-Umweltexperte Goldmark zum Klimagipfel "Amerika muss viel mehr tun"

Der Weltklimagipfel droht zu scheitern. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der US-Umweltexperte Peter Goldmark, warum die Entwicklungs- und Schwellenländer bei bestimmten Punkten mauern, in welchem Dilemma die USA stecken - und was Klimaschützer jetzt von Präsident Obama erwarten.

Aktion für Klimaschutz: "Die amerikanische Delegation steckt in einem Dilemma"
dpa

Aktion für Klimaschutz: "Die amerikanische Delegation steckt in einem Dilemma"


SPIEGEL ONLINE: Der Klimagipfel in Kopenhagen scheint festzustecken. Alle Seiten mauern und maulen: Die meisten Entwicklungsländer drohen mit dem Abbruch der Verhandlungen, sollten diese nicht mehr auf ein Kyoto-Folgeabkommen ausgerichtet sein. China und andere Schwellenländer wollen nur eine unverbindliche Absichtserklärung verabschieden. Ist das so lang vorbereitete Treffen gescheitert?

Peter Goldmark: Die Beratungen stocken nicht in allen Punkten. Zu dem für den Klimawandel sehr wichtigen Thema, was gegen die Abholzung von Wäldern getan werden kann, macht die Konferenz rasante Fortschritte. Aber natürlich sind die Entwicklungsländer über den Verlauf der Verhandlungen besonders besorgt. Ihre Völker werden schließlich die Folgen der weltweiten Erwärmung, wie Überschwemmungen oder Dürren, am stärksten zu spüren bekommen. Sie wollen von den Industrienationen feste Zusagen zur Senkung von Emissionen - und sie fordern erhebliche Finanzspritzen, um die drohenden Umweltschäden abzufedern. Der Kyoto-Prozess gibt den Entwicklungsländern nun einmal das beste Vehikel, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Deswegen wollen sie daran unbedingt festhalten.

SPIEGEL ONLINE: China wiederum scheint gar nicht an irgendeiner Einigung interessiert.

Goldmark: Dass der Kopenhagen-Gipfel scheitern könnte, treibt die Chinesen nicht sonderlich um. In ihren Augen haben sie ein Angebot zur Schadstoffsenkung gemacht und werden es während der Konferenz nicht mehr deutlich verbessern. Sie glauben auch, genug Finanzhilfen für Entwicklungsländer in Aussicht gestellt zu haben. Die Chinesen dürften mit dieser Haltung durchkommen, solange die Entwicklungsländer nicht mehr nur auf die alten Industrienationen schauen, sondern den Finger auf Peking richten. Dann könnte endlich die Frage gestellt werden: Warum reduziert China seine Emissionen eigentlich nicht mehr?

SPIEGEL ONLINE: Genau das kann man den Amerikanern allerdings auch vorhalten.

Goldmark: Die amerikanische Delegation steckt in einem Dilemma: Mit Barack Obama ist endlich ein Präsident im Weißen Haus, der den Klimawandel ernst nimmt und bekämpfen will. Aber gleichzeitig wissen die amerikanischen Vertreter, dass im US-Senat ein erbitterter Kampf um Klimagesetzgebung tobt. Dort werden sie nach jeder möglichen Einigung in Kopenhagen vor allem eine Frage beantworten müssen: Wie lässt sich sicherstellen, dass die Chinesen ihre Verpflichtungen einhalten?

SPIEGEL ONLINE: Könnte Obama bei seinem Besuch am Freitag doch noch das Versprechen mitbringen, den US-Schadstoffausstoß rascher zu senken? Derzeit wollen die Amerikaner nur ihre Emissionen im Vergleich zu 1990 um rund vier Prozent reduzieren. Umweltschützer glauben, dass bis zu 40 Prozent nötig wären.

Goldmark: Die Europäer ignorieren einen wichtigen Aspekt bei der Schadstoffdebatte: die jährliche Absenkung. Die weltweiten Emissionen müssen ziemlich schnell ziemlich stark fallen. Die USA wollen ihre ab 2012 um zwei Prozent pro Jahr senken, die Europäer nur um ein Prozent. Die Europäer schauen außerdem nur so gern auf das Jahr 1990, weil im folgenden Jahrzehnt unvorhergesehene Entwicklungen wie der Fall des Ostblocks und das Ende schadstoffintensiver Industrien bei ihnen für niedrigere Emissionswerte sorgten. Vergleichbares hat es in Amerika nicht gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Doch die USA sind nun einmal für ungleich höheren Schadstoffausstoß verantwortlich.

Goldmark: Aber für all die Länder, die erst später mit den Absenkungen beginnen, geht es vor allem um den Prozentsatz der Absenkung. Natürlich müssen auch die Amerikaner als größte Schadstoffproduzenten viel, viel mehr tun. Doch es bringt nichts, ihren ersten Schritt als unzureichend zu verdammen. Auch die Europäer werden sich irgendwann die Frage gefallen lassen müssen: Warum senkt Ihr eure Emissionen nur um ein Prozent pro Jahr ab?

SPIEGEL ONLINE: Nun ist also Europa schuld?

Goldmark: Nein. Europa hat beim Klimaschutz Führungsstärke bewiesen, Amerika hat zu lange gezögert. Die Europäische Union ist auch bisher der konstruktivste Akteur in Kopenhagen. Ihre Mitglieder haben sich zu erheblichen Schadstoffsenkungen bereit erklärt. Sie haben den Entwicklungsländern beträchtliche Finanzhilfe angeboten. Sie erkennen an, dass sowohl die Industrienationen im Norden als auch aufstrebende Staaten wie China und Indien Zugeständnisse machen müssen. Und sie beharren auf einem klaren Prozess zur Überprüfung dieser Ziele.

SPIEGEL ONLINE: Den könnte etwa eine neue internationale Umweltkommission koordinieren. Doch wirksame Überprüfungsmechanismen sind extrem kompliziert, gerade in aufstrebenden Staaten wie China oder Indien. Wird es in Kopenhagen wenigstens eine Einigung auf Kernpunkte eines solchen Verfahrens geben?

Goldmark: Die meisten Entwicklungsländer haben damit keine Probleme. Auch die USA wollen klare Überwachungsmechanismen - und der US-Senat sogar noch mehr. Aber China und Indien sträuben sich. Vielleicht einigen sich die Staats- und Regierungschefs am Ende der Konferenz darauf, dass sie in diesem Punkt uneins sind und ihn zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal verhandeln müssen. Aber ich vermute, dies wird einer der kniffligsten Punkte werden, wenn am Freitag die Abschlussverhandlungen hinter verschlossenen Türen beginnen.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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Seite 1
waelder 17.12.2009
1. Klimagipfel
Wenn es China und die USA endlich klar wird, wieviele ihrer Bevölkerungszentren und wirtschaftlich wichtigen Gebiete nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen, dann ist es wahrscheinlich zu spät um gegen zu steuern.
brenfan 17.12.2009
2. Moral oder Darwinismus ?
Leider wird auch im Spiegel fast ausschliesslich moralisch argumentiert - " Amerika muss viel mehr tun "... Das ist wirklich lieb, aber nicht wirklich hilfreich. Es endet zwangsweise in philosophisch-religiösen Disputen. Es sollte inzwische bekannt sein, dass eben nicht Moral sondern die Gesetze der Evolution den Lauf der Welt bestimmen. Wie sieht unser Problem aber im Lichte der Evolutionstheorie aus ? Zunächst und am wichtigsten, es betrifft uns nicht, wir werden dann tot sein. Als zweites, dass schwächste Glied stirbt als erstes. Wir, Europa und die USA, sind ganz sicher nicht das schwächste Glied. Bei uns gibt es selbst in Ballungsräumen und Industriestandorten noch recht gute Luft zum atmen(sauberes Wasser, etc). Indien und China werden zuerst ersticken! Gut für uns, wir können ganz entspannt bleiben. Die Verlierer in diesem Spiel stehen längst fest. Und dies wissen natürlich auch die Vertreter Chinas und Indiens, die mit Moral ohnehin wenig anfangen können. Daher sehen wir hier nur einen verzweifelten Bluff. Wenigstens ein bischen mehr Hilfe der entwickelten Staaten möchte man erstreiten. Aber warum sollten wir das tun?(keine Moral bitte) Jede Möglichkeit Mitbewerber zu schwächen MUSS genutzt werden. Die Erhöhung der Produktionskosten in Indien und China wegen astronomischer Ausgaben für die Folgen von Umweltverschmutzung ist doch in der jetzigen Krise perfekt für uns. Ich bin sicher, dass entsprechende Berechnungen von Risk Management Unternehmen längst existieren: Bei weiter konstanter Zunahme der Luftverschmutzung wird es wie lange dauern bis in China die Sterblichkeitsrate über n Prozent geht und damit ein Mitbewerber vom Markt verschwindet.
danduin, 17.12.2009
3. Vorreiterrolle
Zum einen finde ich es idiotisch zu sagen das Europa nur ein Prozent CO2 im jahr absenkt, da die Vorleistung Europas unbestritten ist und wahrscheinlich weit mehr ist, als Amerika für die nächsten Jahren anstrebt. Zum anderen sollte Amerika als Industriestaat eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion übernehmen. Über den Umweltschutz wird nicht gerade seit gestern diskutiert, sondern auch schon Jahre vor Bush, und es wurde fast nichts getan. Die Öffentlichkeit muß immernoch viel mehr aufgeklärt werden, auch wie jeder einzelne Energie spart. Als Vorreiter könnte man dann auch China in die Verantwortung ziehen, und dann auch ggf. mit Handelssanktionen für CO2-intensive Produkte abstrafen. Die Entwicklungsländer müssen sehen, dass sie von jeglichem Fortschritt auch technologisch ausgeklammert werden, wenn Sie nicht mitmachen.
wahlberechtigter 17.12.2009
4. Gegenmaßnahmen
Die Antwort auf die Blockade des Klimagipfels sollte sein: Hohe Umweltabgaben und Sozialdumpingaufschläge auf alle aus China importierten Waren. An den Olympischen Spielen in Brasilien nicht teilnehmen. Die Europäer sollten sich nicht alles gefallen lassen, sonst werden wir früher oder später zu den abhängigen Kolonilstaaten der Weltmacht China gehören. Aufwachen ehe es zu spät ist!
Benjowi 17.12.2009
5. Solange sich die USA nicht bewegen, kann man die Diskussion einstellen!
Zum Anfang noch einmal kurz einige der derzeitigen Hausnummern, was CO2-Ausstoß angeht: USA: pro Kopf 10 t CO2 pro Jahr, Tendenz: steigend!, Gesamtanteil: 20 % !; Deutschland: 9,7 t pro Kopf pro Jahr, Tendenz:fallend, Gesamtanteil: 2,6 %; Frankreich: 5,8 t pro Kopf pro Jahr, Tendenz: fallend, China: ca. 5 t pro Kopf pro Jahr; Tendenz: steigend. Wie man deutlich sehen kann, liegt das größte und zugleich am leichtesten erzielbare Einsparpotential in den USA. Solange dieser Staat sich einen Dreck darum schert und seine Bürger nicht einmal glauben,ihre Fenster gegen Kälte oder Wärme abdichten zu müssen,gar den Ausstoß auf dem wahnsinnigen Potial auch noch weiter steigert, ist jedwede weitere Diskussion sinnlos. Selbst wenn Deutschland mit seinem Hang zum Masochismus seinen Ausstoß komplett einstellen würde, hätte sich nichts geändert. Aus eigenem Interesse ist jeder vernünftige Schritt zur Einsparung und Nachhaltigkeit zwar sinnvoll, aber gewiss nicht um jeden Preis!!
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