Christian Stöcker

Wahl in den USA Es geht um alles (diesmal wirklich)

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Vielen Wahlen wird immense Bedeutung zugeschrieben. Im Fall Trump oder Biden stimmt das wirklich. Einer der beiden arbeitet bewusst daran, den Planeten unbewohnbar zu machen.
Methangasflamme auf einem Ölfeld in North Dakota

Methangasflamme auf einem Ölfeld in North Dakota

Foto: Richard Hamilton Smith / Getty Images

Wissen Sie noch, was FCKW sind? Die Abkürzung steht für Fluorchlorkohlenwasserstoffe, Substanzen, die sich früher als Treibmittel in Haarspray und Sprühfarbe fanden, als Kühlmittel in Kühlschränken und Klimaanlagen. Irgendwann wurde klar, dass die massenhafte Freisetzung dieser FCKW überall auf dem Planeten gerade ein Loch in die Ozonschicht riss. Die Menschheit war dabei, die Sonne zu einer wachsenden Gefahr für Leib und Leben zu machen.

Was dann geschah, ist ein Hoffnung machendes Beispiel für die Fähigkeit der Menschheit, im Notfall konzertiert und vernünftig zu handeln: Im 1987 verabschiedeten Montreal-Protokoll und sechs in den Jahren bis 2016 angefügten Ergänzungen verständigten die Staaten der Welt sich darauf, die gefährlichen Gase, die übrigens auch massiv zum Treibhauseffekt beitrugen, abzuschaffen. Alle 197 Uno-Staaten ratifizierten das Protokoll.

Umweltbehörde verkrüppelt und pervertiert

Globaler Konsens, eine globale Erfolgsgeschichte: Das Ozonloch schrumpft - auch wenn dieser Effekt leider durch den Klimawandel verlangsamt wird .

Bis jetzt, muss man sagen. Denn es gibt tatsächlich Leute, die gern wieder mehr FCKW in die Atmosphäre pumpen möchten. Und Leute, die bereit sind, das wieder möglich zu machen. Raten Sie mal, wer das sein könnte.

Richtig: Donald Trump.

Seine Regierung hat die US-Umweltbehörde EPA gezielt verkrüppelt und zu einer Art Anti-Umweltbehörde pervertiert. Diese Trump-EPA hat schon vor Jahren aufgehört, bestimmte Einschränkungen des Einsatzes von FCKW wirklich durchzusetzen. Im März 2020 legte die Behörde nach und fuhr Regeln zurück, die Lecks von Ozonloch-fördernden Substanzen verhindern helfen sollen . Viele US-Bundesstaaten klagen gegen die Behörde, nicht nur wegen dieser grotesken Politik.

Der Eindruck drängt sich auf, dass Trumps Regierung die Zerstörung des Planeten tatsächlich aktiv voranzutreiben versucht.

Wenn es schadet, ist Trump dafür

Die Liste anderer Umweltauflagen und Regelungen, die Trumps Regierung ausgehöhlt, abgeschafft oder infrage gestellt hat, ist lang . Die EPA attackiert die Rechtsgrundlage für Auflagen für Kohlekraftwerke, die den Quecksilberausstoß reduzieren sollen, ebenso wie CO₂-Regularien  für die Energiebranche. Ohnehin nicht sonderlich ambitionierte Regeln für mehr Treibstoffeffizienz in neuen Autos hat die Trump-EPA gelockert.

Das Gleiche gilt, besonders verheerend, auch für Regeln, die Methanemissionen bei der Öl- und Gasförderung begrenzen sollen. Methan verbleibt zwar nicht so lange in der Atmosphäre wie CO₂, ist aber ein Treibhausgas , das in den ersten 20 Jahren 80-mal so stark wirkt wie Kohlendioxid.

1,8 Gigatonnen CO₂ extra

Die Rhodium Group, ein unabhängiges Forschungsinstitut, hat errechnet, dass die Umwelt- und Energiepolitik der Regierung Trump bis 2035 schon in ihrer derzeitigen Form wohl für 1,8 zusätzliche Gigatonnen CO₂-äquivalente Treibhausgase in der Atmosphäre sorgen würde . Wenn die Regelungen nicht zurückgenommen werden.

Zur Orientierung: Das Restbudget der gesamten Menschheit zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels liegt derzeit bei gut 300 Gigatonnen . Das Deutschland gerechterweise verbleibende Restbudget liegt, folgt man den Berechnungen des Klimaforschers Stefan Rahmstorf , heute schon bei unter sieben Gigatonnen.

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Drei in den Top 4 sind sich einig

Die USA stoßen  derzeit immer noch mehr als fünf Gigatonnen pro Jahr aus. Und Trump scheint alles daranzusetzen, dass diese Zahl nicht weiter sinkt, im Gegenteil.

Diese aggressive, irrationale Politik der Zerstörung isoliert die USA global. Drei der vier größten CO₂-Emittenten der Welt, China, die Europäische Union und Indien, erkennen allesamt an, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt, dass er eine Bedrohung darstellt und dass er deshalb bekämpft werden muss. Nur die USA, auf Platz zwei der Weltrangliste - und unter den großen Topemittenten immer noch das Land mit dem bei Weitem höchsten Pro-Kopf-Ausstoß - wollen nicht mitmachen. Hoffentlich ist diese Phase am 20. Januar 2021 endlich vorbei.

Einer schöpft Wasser ins sinkende Boot hinein

Die US-Wahl am 3. November ist deshalb eine, global betrachtet, historisch einzigartig wichtige, aber auch historisch unfaire Wahl, in mehrfacher Hinsicht. Das US-Wahlsystem an sich ist bekanntlich so konstruiert und zusätzlich von den Republikanern so manipuliert worden, dass auch eine landesweite Mehrheit unter Umständen nicht zum Sieg reicht.

Eine Minderheit der US-Wähler könnte somit im schlimmsten Fall eine Präsidentschaft zementieren, die auch für die gesamte übrige Menschheit gravierende, potenziell katastrophale Auswirkungen hätte. Eine zweite Trump-Regierung würde weiterhin versuchen, die Verbrennung fossiler Brennstoffe anzuheizen. Obwohl sich das schon jetzt sogar wirtschaftlich immer weniger lohnt.

Es ist, als ob ein einziger Passagier eines leckenden Rettungsbootes Wasser ins Boot hinein- statt herausschöpft.

Alles nicht so schlimm, oder?

Andererseits kommen die Autoren einer eben im Fachblatt "Global Environmental Politics" erschienenen Studie zu einem Schluss , der Hoffnung macht: "Regierungen setzen klimapolitische Maßnahmen unabhängig davon um, was andere Länder tun", heißt es darin. Will sagen: Selbst wenn die USA nicht mitspielen, werden die übrigen Staaten weiterhin Klimaschutz vorantreiben. Interessanterweise sind der Studie zufolge übrigens sogar über 60 Prozent der US-Bürger der Meinung, dass auch die USA selbst dann klimapolitisch aktiv werden sollten, wenn nicht alle anderen mitziehen. Trumps Republikaner regieren gegen die Interessen einer klaren Mehrheit ihrer eigenen Bevölkerung. 

Die bittere Wahrheit aber ist: Es müssen alle Großemittenten mitmachen. Schließlich geht es darum, die Welt in wenigen Jahren technologisch, gesellschaftlich und ökonomisch fundamental umzugestalten. Das funktioniert am besten dann, wenn sich alle einig sind, egal ob es sich um pseudokommunistische Diktaturen wie China, Schwellenländer wie Indien oder westliche Demokratien handelt. Wir brauchen ein echtes, globales Umdenken.

Es geht um alles, nämlich darum, den Planeten für uns Menschen bewohnbar zu halten. Die USA waren viele Jahrzehnte lang eine zwar höchst fehlbare Supermacht, aber eine mit dem Willen, das Richtige zu tun. Unter einem Präsidenten Joe Biden könnten und müssten sie diesen Willen wiederentdecken. Und zwar sehr schnell.