US-Wrack Tauchgang zum Kriegszeppelin

Sie sollte als schwebender Flugzeugträger den Luftraum über dem Pazifik beherrschen. Doch die "USS Macon" versank - und liegt seit über 70 Jahren unberührt auf dem Meeresboden. Jetzt haben Forscher mit einem Tauchroboter Fotos von dem Wrack geschossen.

Für einen Absturz verlief die Tragödie erstaunlich langsam: Eine Stunde lang kämpfte die Besatzung um ihr Schiff. Die Marinesoldaten warfen Treibstoffkanister über Bord, um das Gewicht der "USS Macon" zu verringern. Die Behälter implodierten auf ihrem Weg zum Meeresgrund. Die "Macon" selbst - das größte Starrluftschiff, das jemals in den USA gebaut wurde - verlor indes unaufhaltsam an Höhe, den rettenden Hangar von Moffett Field in greifbarer Nähe.

Nur knapp fünf Kilometer entfernt von der kalifornischen Küste, auf Höhe des Leuchtturms von Point Sur nahe des Städtchens Monterey, schlug die "Macon" am 12. Februar 1935 auf die Wasseroberfläche auf, zerbrach und versank im tiefen Wasser. Zwei von 83 Besatzungsmitgliedern starben - eine verhältnismäßig geringe Zahl, was wohl dem Zeitlupentempo des Absturzes zu verdanken ist.

Nicht feindliches Feuer oder Sabotage waren dem riesigen Luftschiff - es war länger als drei hintereinander geparkte Jumbojets - zum Verhängnis geworden. Ein schwerer Sturm über dem malerischen Küstenabschnitt Big Sur hatte dem zeppelinförmigen Giganten die vertikale Heckflosse abgerissen. Das Hinterteil der tragenden Konstruktion wurde dabei so stark beschädigt, dass die "Macon" zerbrach, als sie auf die Wasseroberfläche schlug.

450 Meter tief an geheimer Position

Wie und warum das geschah, wollte ein interdisziplinäres Forscherteam nun klären. Zwar hatte eine Untersuchungskommission der US-Marine nach dem Absturz festgestellt, dass schlampige Reparaturarbeiten für das Unglück verantwortlich waren, nachdem bei einem Testflug über Texas ein Defekt an der tragenden Struktur aufgetreten war. Doch die Ermittler konnten nur mutmaßen, lagen die Beweisstücke für ihre Hypothese doch rund 450 Meter tief auf dem Meeresboden - bis heute für Sporttaucher unerreichbar. Um auch keine besser ausgerüsteten Schatzsucher und Militaria-Händler in Versuchung zu führen, ist die genaue Position des Wracks bis heute geheim.

Erst im Juni 1990 hatte Chris Grech, stellvertretender Direktor des Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI), erste Trümmerteile auf dem Meeresboden gefunden. Mehrere Hightech-Suchen in den achtziger Jahren waren erfolglos verlaufen. Grech fand die Überreste schließlich mitten in einem Untersee-Naturschutzgebiet - nur deshalb blieb die "einzigartige Zeitkapsel einer vergangenen Epoche" (Grech) mehr als 70 Jahre lang unberührt. Wäre dort kommerzieller Fischfang erlaubt gewesen, hätten Schleppnetze das morbide Ensemble am Meeresboden wohl längst zerstört.

Ende September dieses Jahres legten Mitarbeiter des MBARI, der National Oceanographic and Atmospheric Administration (NOAA) sowie der US Navy mit dem Forschungsschiff "Western Flyer" in Monterey ab, um das Gebiet systematisch zu erfassen. Verfügten die Wissenschaftler bislang nur über niedrig auflösende Bilder von Sonar-Echos des Trümmerfelds, drang nun der autonome Tauchroboter "Tiburon" an die letzte Ruhestätte der "Macon" vor - und schoss Nahaufnahmen des Unglücksorts.

Erforschung historischer Militärtechnik

In erster Linie gehe es darum, diese "national bedeutende archäologische Fundstätte zu dokumentieren und für Historiker und die Öffentlichkeit gleichermaßen in einem hochauflösenden Fotomosaik festzuhalten", teilte die NOAA mit. Doch im Stillen hofften die Teilnehmer auch, endlich das Heck der "Macon" zu finden - und damit jenen Teil, der sich auf dem Unglücksflug als das schwächste Glied der Konstruktion erwiesen hatte.

Projektleiter Grech sagte, er habe Veränderungen seit seinem letzten Besuch bemerkt. "Viele Teile des Wracks sind bedeckt, mit der Zeit lagert sich Sediment ab. Und einige größere Objekte haben sich verschoben", sagte er der "New York Times".

Die Strömungen vor der kalifornischen Pazifikküste könnten die Überreste der "Macon" also eines Tages so weit auseinanderrupfen, dass sie für Historiker nutzlos sind. Die Expedition dokumentierte darum das Bild, das sich im September bot, detailgenau: Am besten sind auf dem Fotomosaik des Meeresbodens paradoxerweise vier kleine Jagdflugzeuge des Typs Curtiss F9C-2 zu erkennen. Denn das Luftschiff war als fliegender Flugzeugträger konzipiert worden: Die gigantische fliegende Zigarre sollte kleine, wendige Flieger in die Weiten des Pazifikraums tragen, in die sie aus eigener Kraft nie gelangt wären. Dort sollten die Propellermaschinen dann Aufklärungsmissionen fliegen. Schon in den zwanziger Jahren versuchte die US-Marine auf diese Weise, sich auf einen Krieg im Stillen Ozean vorzubereiten.

"Die Flugzeuge sehen überhaupt nicht kaputt aus", sagte Grech. Die Tragflächen seien noch intakt, und gelbe Lackierung mit blau-weißem Navy-Stern könne man ebenso erkennen. Außerdem liegen gut sichtbar stumme Zeugen des Rüstungsprojekts auf dem Meeresboden vor Point Sur: Fünf der gigantischen Maybach-Motoren der "Macon" sowie Teile der Bordküche und der Offiziersquartiere. Zu den einzelnen Fundstücken aus dem Militärinterieur der dreißiger Jahre zählen ein Aluminiumstuhl, ein Metallschrank, ein Tisch und mehrere Schubladen.

Kein Heckteil, keine Leichen

Die "Macon" selbst bestand aus einem starren Gerüst aus einer Aluminiumlegierung, über das sich eine Leinwandhaut spannte. Im Inneren sorgten Heliumtanks dafür, dass die Gesamtkonstruktion leichter als Luft war. Zwar wog der Gigant insgesamt über 200 Tonnen, doch ausgerechnet seine Leichtbauweise macht es den Unterwasserarchäologen nun zusätzlich schwer.

Erst zwei Drittel des Wracks habe man entdeckt und kartiert, sagte Grech. Nach ihrer Rückkehr in den Hafen von Monterey mussten die Forscher eingestehen: Das entscheidende Heckteil der "Macon" fehlt noch immer. "Entweder ist es unter Sediment begraben, oder es liegt in einer Schlucht", sagte Grech. Auch von den beiden Todesopfern des Absturzes fanden die Forscher keine Spuren. Man habe "keine Anzeichen für menschliche Überreste" gesehen, sagte der NOAA-Seefahrthistoriker Bruce Terrell.

Der Verlust der "Macon" 1935 hat dem damals schon 20 Jahre laufenden Luftschiff-Programm der US-Marine den Todesstoß versetzt. Lange schon war es wegen der hohen Kosten - die "Macon" war das teuerste Flugobjekt ihrer Zeit - kritisiert worden. Nun schien es auch unter Sicherheitsgesichtspunkten nicht länger haltbar. Dabei hatte das "Hightech-Wunder seiner Tage" ("New York Times") eigentlich mit einem besonders sicheren Design abgehoben: Statt brennbarem Wasserstoff enthielt es nur Helium, das nicht explodieren kann.

Wie gefährlich die Verwendung des leichteren und billigeren Gases Wasserstoff war, sollte gut zwei Jahre später der berühmteste aller Luftschiff-Unfälle zeigen: Auf dem Flugfeld Lakehurst im US-Bundesstaat New Jersey, auf dem auch die "Macon" kurzzeitig stationiert war, verunglückte am 6. Mai 1937 das deutsche Luftschiff LZ 129 "Hindenburg". Gefüllt mit Wasserstoff, ging es bei der Landung in Flammen auf und riss 36 von 97 Personen an Bord in den Tod. Damit starb auch das letzte Interesse von Militärstrategen und Rüstungsforschern an Luftschiffen zu Kriegszwecken.

stx

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