USA, China und das Soja Handelsstreit bringt Brasiliens Regenwald in Gefahr

Wegen des Handelsstreits mit den USA kauft China immer mehr Soja in Brasilien. Forscher schlagen jetzt Alarm: Die gestiegene Nachfrage könnte zu noch stärkerer Abholzung des Amazonas-Regenwalds führen.

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US-Handelsbeauftragter Robert Lighthizer und Finanzminister Steven Mnuchin kommen zusammen mit anderen Spitzenbeamten am Donnerstag persönlich zu Gesprächen nach Peking. Bei dem Treffen wird wieder einmal um eine Beilegung des Handelskonflikts zwischen den USA und China gerungen. Anfang April wird dann ein chinesisches Verhandlungsteam um Vizepremier Liu He in Washington erwartet.

Beide Seiten hatten sich in den vergangenen Monaten mit Strafzöllen auf Waren im Milliardenwert belegt. Zu den amerikanischen Handelsgütern, die China mit hohen Zöllen an der Einfuhr hindert, gehören auch Sojabohnen. Und das, so warnen Forscher nun in einem Kommentar im Fachmagazin "Nature", könnte zu massiven Problemen für den brasilianischen Regenwald führen - und damit für das Weltklima. Schließlich ist das Amazonasgebiet ein CO2-Speicher von globaler Bedeutung.

Vor einer "Abholzungswelle" im Regenwald warnen die Wissenschaftler um Richard Fuchs vom Karlsruher Institut für Technologie in Garmisch-Partenkirchen. Sie rechnen vor, dass im schlechtesten Fall in Brasilien zusätzliche Ackerflächen von der Größe Griechenlands gebraucht würden, um den chinesischen Sojabedarf zu decken.

Im Hafen der chinesischen Stadt Nantong wird Soja aus Brasilien entladen (im August 2018)
AFP

Im Hafen der chinesischen Stadt Nantong wird Soja aus Brasilien entladen (im August 2018)

Das Argument der Forscher geht so: In China steigt seit Jahrzehnten der Fleischkonsum. Zum Füttern der Tiere wird Soja verwendet. Das kommt allerdings nur zu einem geringen Teil aus heimischer Produktion, seit Anfang des Jahrtausends ist die chinesische Sojaherstellung sogar um rund ein Viertel gesunken. Stattdessen importiert das Land im großen Stil: aus Brasilien, von wo die Einfuhren im gleichen Zeitraum um 2000 Prozent zugelegt haben, aber auch aus den USA, wo es ein Plus von 700 Prozent gab.

Im Zuge des Handelskonflikts und der damit verbundenen Strafzölle sind die Importe aus den USA zuletzt aber massiv eingebrochen - um 50 Prozent im Jahr 2018. Und dabei, so die Forscher, habe sich der Streit zwischen Peking und Washington sogar nur auf das zweite Halbjahr ausgewirkt. Fuchs und seine Kollegen gehen nun davon aus, dass China auch in Zukunft die Sojakäufe in den USA niedrig halten dürfte und stattdessen auf andere Anbieter umsteigt, allen voran Brasilien.

Soja auf einem Feld in Mato Grosso (im März 2012)
AP Photo / Andre Penner

Soja auf einem Feld in Mato Grosso (im März 2012)

Die Einfuhren von dort seien schon im vergangenen Jahr gestiegen, Ende 2018 seien bereits 75 Prozent des chinesischen Sojas aus Brasilien gekommen. Das Land habe den amerikanischen Lieferrückgang komplett kompensiert. Und Brasilien habe auch weiterhin "die Infrastruktur und die Fläche, um die Produktion schnell zu steigern", schreiben die Wissenschaftler.

Für ihren Kommentar haben die Forscher Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ausgewertet. Demnach hat China im Jahr 2016 mehr als 37 Millionen Tonnen Soja aus den USA gekauft. Würde das Land diese Menge komplett aus Brasilien beziehen wollen, müsste die Anbaufläche dort um bis zu 13 Millionen Hektar beziehungsweise 130.000 Quadratkilometer wachsen. Das entspricht der Größe Griechenlands.

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Die Forscher verweisen zur Einordnung darauf, dass die Abholzung des Amazonas in den bisher dramatischsten Jahren 1996 und 2004 bei jeweils drei Millionen Hektar beziehungsweise 30.000 Quadratkilometern gelegen habe. Nun könnten auf weiteren 130.000 Quadratkilometern die Bäume fallen.

Der Sojaanbau ist dabei oft nicht direkt für die Entwaldung verantwortlich. Stattdessen wird die Pflanze auf ehemaligem Weideland angebaut. Und als Ersatz für diese Flächen werden dann Bäume gerodet. Deswegen sei es auch vergleichsweise schnell möglich, die Landwirtschaftsflächen auf Kosten des Waldes auszuweiten, so Fuchs.

Sojaanbau auf gerodetem Regenwald im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso (im Februar 2008)
REUTERS / Paulo Whitaker

Sojaanbau auf gerodetem Regenwald im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso (im Februar 2008)

"Selbst wenn wir nicht das Worst-Case-Szenario erreichen, stehen immer noch riesige Flächen auf dem Spiel", sagt der Forscher. Wenn alle 94 Staaten, die derzeit Soja an China liefern, ihre Produktion gemäß der bisherigen Anteile erhöhten, würde der Flächenbedarf in Brasilien trotzdem um 5,7 Millionen Hektar oder 57.000 Quadratkilometer steigen. Das wäre ein Areal doppelt so groß wie Belgien.

Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro gilt als Freund der Agrar- und Holzunternehmen seines Landes. Er hat den Beschützern des Regenwaldes den Kampf angesagt. Bereits vor seiner Wahl nahm die Entwaldung wieder zu. Im Januar, dem ersten Monat von Bolsonaros Amtszeit, legte die Abholzung im Amazonas nach Angaben des Forschungsinstituts Imazon gar um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu.

Politische Beobachter geben zu bedenken, dass die Chinesen den Amerikanern gerade bei der Frage der landwirtschaftlichen Importe womöglich weit entgegenkommen könnten, um Kompromisse in anderen Bereichen zu umgehen. Das versprechen zusätzlicher Soja-Importe zählt für Peking zu den weniger schmerzhaften Zugeständnissen im Handelsstreit.

Andererseits hat Handelsbeauftragter Lighthizer öffentlich erklärt, er sei vor allem von chinesisch-amerikanischen Geschäftsleuten zum Durchhalten in den Handelsgesprächen ermuntert worden - und dazu, sich nicht mit dem Verkauf von ein paar Sojabohnen abspeisen zu lassen.

"Beide Seiten haben signalisiert, dass sie in den kommenden Wochen einen Deal wollen", sagt Forscher Fischer. "Es ist aber nicht gesagt, dass so ein Deal dann auch hält." Aus seiner Sicht werde sich China langfristig nach Lieferalternativen für Soja umsehen, und Brasilien stehe dafür bereit.

Chinesische Bauern in der Provinz Shandong trocknen Soja (im Oktober 2018)
STR / AFP

Chinesische Bauern in der Provinz Shandong trocknen Soja (im Oktober 2018)

Wie ließe sich das Problem der drohenden Abholzung nun zumindest abmildern? Die Forscher haben dazu eine Reihe von Vorschlägen:

  • Soja sollte wegen seiner Bedeutung für die Frage der Amazonas-Entwaldung von den Handelsstreitigkeiten ausgenommen werden, die Zölle also abgeschafft werden.
  • China sollte stärker auf alternative Handelspartner für Soja setzen, zum Beispiel auch auf die Europäische Union.
  • Die internationale Gemeinschaft sollte Brasilien zu wirkungsvollerem Umweltschutz ermuntern - und dafür im Rahmen von Unterstützungsprogrammen auch Geld zahlen, wenn dafür der Wald unangetastet bleibt.
  • China könnte wieder mehr Soja selbst anbauen.
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Wäre es aber nicht auch möglich, dass die Chinesen ihren Sojaverbrauch einfach senken? Die Forscher glauben das eher nicht. Sie verweisen darauf, dass allein der Einsatz von zwei Prozent weniger Soja zur Tierfütterung pro Jahr zu Produktionseinbußen von zehn Millionen Tonnen Fleisch führen würde.

Der letzte Lösungsvorschlag der Wissenschaftler lautet:

  • Verbraucher in China und dem Rest sollten davon überzeugt werden, weniger Fleisch zu essen. Doch während der Fleischkonsum etwa in Deutschland tatsächlich leicht zurückgeht, sieht es in China einstweilen nicht danach aus, dass dieser Wunsch der Forscher in Erfüllung geht.

Bei der Frage, ob er selbst noch Fleisch isst, muss Wissenschaftler Richard Fuchs übrigens nicht lange nachdenken. Er habe seinen Verbrauch "stark reduziert", sagt er. Der Rest der Familie ernähre sich komplett vegetarisch.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
altais 27.03.2019
1.
Und so sieht der Handel im Livebetrieb aus: https://www.reddit.com/r/MapPorn/comments/b5dbab/vessels_carrying_soybeans_march_22_2019/
flaschengaist 27.03.2019
2. bereits vor 10 Jahren
hat der brasilianische Präsident Lula diverse Amazonasländer besucht, in der Mission für den abholzenden und Artenschutz schädigenden Straßenbau zur schnellen Beförderung von Soja auf dem Landweg an die Pazifikhäfen. Für Asien bzw. vorwiegend China. Chinas und Asiens Exporte sowie Importe aus Südamerika sind nicht mehr wegzudenken, ob wünschenswert oder nicht.
mcf75 27.03.2019
3. Das Handelsgut "grüne Lunge" muss bezahlt werden
Ist doch ganz einfach: Brasilien nutzt seine Flächen nach ökonomischen Gesichtspunkten. Aber man hört bisher nicht viel vom Rest der Welt, dass sie groß darüber nachdenken, den Brasilianern einen Anreiz zu geben, den Regenwald zu erhalten. Anders gesagt: Was haben die Brasilianer davon, eventuell die Menschheit zu retten (während der Rest der Welt in dicken SUVs durch die Gegend fährt) - und ganz allgemein: was haben sie davon, die uns global bedrohenden Emissionen der Industrie aus der Luft zu filtern? Oder mal andersrum betrachtet: warum kritisiert denn niemand die Ölstaaten die Ressource Erdöl zu fördern und zu verkaufen und ermahnt sie, diese unangetastet zu lassen, so wie wir es von den Brasilianern mit dem Regenwald fordern. Dann wäre es zynischerweise auch nicht so schlimm, wenn die da ein paar Bäume fällen. Kurzum: die Dienstleistung/Ressource "Grüne Lunge der Welt" muss der Welt etwas Wert sein. Dieser Wert muss beziffert werden und von den Ländern dieser Welt nach einem festen Schlüssel bezahlt werden.
Edenjung 27.03.2019
4.
Zitat von altaisUnd so sieht der Handel im Livebetrieb aus: https://www.reddit.com/r/MapPorn/comments/b5dbab/vessels_carrying_soybeans_march_22_2019/
Holy Sh*t. Das sieht ja aus wie bei Factorio, wenn man ne produktionsstrasse am laufen hat. Einfach nur pervers.
Atheist_Crusader 27.03.2019
5.
Das blöde an solchen ökologisch wichtigen Regionen ist, dass sie sehr ungleich verteilt sind. So kann man sich dann in seinem Regenwald-losen Land selbstzufrieden zurücklehnen und die Brasilianer dafür verurteilen, dass sie ihr Land nutzen wollen um ein Wohlstandsniveau ähnlich dem Unseren zu erreichen. Wenn man solche Gebiete schützen will, dann darf man auch die wirtschaftliche Perspektive nicht außer Acht lassen. Hier ist ne verrückte Idee: Man richtet einen UN-Opf ein in den jedes Land jährlich ein paar Millionen einbezahlt. Aus dem wird dann Geld an die Länder ausgezahlt in denen eben solche ökologisch wertvollen Regionen liegen - gleichermaßen als Bezahlung für deren Schutz (sollte ja nicht schwerfallen das als Dienst an der Menschheit auszulegen) und Ausgleich für die Nicht-Nutzung. Ich weiß ob man damit realistisch die wirtschaftlichen Einbußen auffangen könnte, aber es ist immerhin besser als das erwähnte "Ihr seid böse Menschen dafür dass ihr euren Regenwald zerstört. Wir sind gute Menschen weil wir gar keinen Regenwald haben, ergo auch gar nicht vor solch einer Entscheidung stehen".
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