USA Drei weitere Todesfälle durch Gentherapie

Der Tod des 18-jährigen Jesse Gelsinger deckte die schrecklichen Gefahren auf, welche die Gentherapie in sich birgt. Über 650 Experimente mit schwerwiegenden Folgen wurden jetzt der US-Gesundheitsbehörde verspätet gemeldet.


Bei einer Gentherapie werden Viren mit veränderter DNA in den Patienten injiziert
AP

Bei einer Gentherapie werden Viren mit veränderter DNA in den Patienten injiziert

Washington - im September letzten Jahres bei einer experimentellen Gentherapie und galt bisher als erstes Opfer des medizinischen Verfahrens. Wie die US-Gesundheitsbehörde NIH (National Institutes of Health) nun bestätigte, wurden inzwischen 652 Berichte über schwerwiegende Probleme in Folge gentherapeutischer Experimente von den betreffenden Instituten nachgereicht. Nach einem Bericht der "Washington Post" geht aus den Akten hervor, dass mindestens drei weitere Patienten in Krankenhäusern, die mit der Harvard Universität in Boston zusammenarbeiten, starben.

Bei einer 74-jährigen Frau mit Dickdarmkrebs am Beth Israel Deaconess Medical traten nach einer Infusion genetisch veränderter Zellen schwere innerere Blutungen auf. Sie verweigerte die weitere Behandlung und starb vier Tage später.

Eine 46-Jährige mit metastasierendem Brustkrebs starb innerhalb eines Monats nach ihrer letzten gentherapeutischen Infusion. Der behandelnde Arzt hatte ihren Tod zuerst als Krebstod dargestellt, meldete ihn aber nach dem Aufruhr über den Tod Gelsingers, auch der Aufsichtsbehörde NIH.

Der dritte Gentherapie-Tote an einem Harvard-Krankenhaus war, der "Washington Post" zufolge ein 74-jähriger Mann mit Darmkrebs, der nach der Infusion von viralen "Gen-Taxis" ein hohes Fieber und Herzflattern bekam und bald darauf starb.

Neben den drei Todesfällen traten nach den der Zeitung vorliegenden Berichten auch bei Patienten mit Hirntumoren schwere neurologische Folgen - partielle Lähmungen und Sprachstörungen - auf.

Verschiedene Gentherapien werden seit zehn Jahren ohne durchschlagenden Erfolg erprobt. Durch sie sollen genetisch bedingte, oft vererbte Krankheiten geheilt werden. Dafür werden den Patienten meist entschärfte Viren injiziert, die gesunde Kopien der für die Krankheit verantwortlichen Gene transportieren.

Noch ist von einer Kommission der NIH zu klären, ob die Unfälle durch die Gentherapie selbst oder durch den medizinischen Eingriffs des Injizierens des veränderten Genmaterials zu den Vorfällen führte.

Professor Stuart Newman vom New Yorker Medical College sieht in der Kommerzialisierung der Forschung "einen Anreiz für die Institute, alles, was die Fortschritte in ein schlechtes Licht rücken könnte, zu verheimlichen". Nachdem nun feststeht, dass viele Berichte in der Vergangenheit nicht dem NIH vorgelegt wurden, ist es nicht mehr sicher, ob Jesse Gelsinger wirklich das erste Todesopfer experimenteller Gentherapie war.



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